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Fertigarzneimittelseminar

Theorie trifft Praxis

26.07.2010
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Von Nadine Sander / Die Pharmaziestudierenden des 8. Semesters der Uni Frankfurt referierten und diskutierten bei ihrem Fertigarzneimittelseminar über verschiedene Aspekte aus einem großen Gebiet der Apothekenpraxis, der Selbstmedikation. Mehr als 300 Zuhörer kamen, darunter viele Apotheker. Diese konnten dabei acht Fortbildungspunkte sammeln.

Über den sogenannten OTC-Switch, die Entlassung von Arzneistoffen aus der Verschreibungs- in die Apothekenpflicht, berichteten Christine Achtziger und ihre Gruppe. Noch Zukunftsmusik, aber dennoch heiß diskutiert: die »Polypill«. Neben einem Thiazid-Diuretikum, einem ACE-Hemmer, einem Betablocker und einem Statin enthält sie ASS. Sie soll kardiovaskulären Ereignissen vorbeugen und, wenn es so weit ist, ohne ärztliche Verordnung erhältlich sein. Den guten Absichten wie Preisgünstigkeit, Einnahmefreundlichkeit (einmal täglich eine Tablette) und Vorbeugung stehen jedoch viele Nachteile gegenüber. So gibt es noch keinen Beweis für ihre Wirksamkeit. Zudem sind die Dosierungsintervalle der einzelnen Arzneistoffe nur schwer unter einen Hut, das heißt in eine Hülle, zu bringen.

Ein Kind hat Fieber – eine Standardsituation in der apothekerlichen Beratungspraxis. Wenn möglich lieber ein peroral als ein rektal anzuwendendes Arzneimittel wählen, rieten Sina Rampe und ihre Mitstreiterinnen, da die Wirkung schneller einsetze. Kinder akzeptierten aufgrund des angenehmeren Geschmacks zudem eher Säfte als Tropfen. Ibuprofen solle man dem Paracetamol vorziehen, da Letzteres bei Überdosierung Leberschäden verursachen könne. Es birgt auch für Erwachsene ein gewisses Risiko: Es kann zu Überdosierungen kommen, wenn verschiedene Paracetamol-haltige Erkältungs- oder Grippemittel zusammen verwendet werden.

 

Was bei grippalem Infekt hilft, und was nicht, stellte die Gruppe um Saskia Spahn vor. Gegen Halsschmerzen stehen Lutsch­tabletten mit Wirkstoffen aus den Gruppen der Lokalanästhetika, Antibiotika oder Antiseptika zur Wahl. Rhinoviren, die häufigsten Verursacher der Halsentzündung, sind unempfindlich gegen Antibiotika. Antiseptika enthalten vorwiegend quartäre Ammoniumverbindungen. Sie wirken gegen einige Bakterien sowie gegen Influenza- und Herpesviren. Rhinoviren seien dagegen häufig resistent, berichtete Spahn. Lokalanästhetika wie Lidocain, Benzocain oder Ambroxol seien die besseren Alternativen, um die akuten Beschwerden zu lindern.

 

Schnupfen das ganze Jahr – dieser wird in den meisten Fällen durch eine Allergie ausgelöst. Tritt dabei eine nasale Obstruktion auf, könne diese am besten mit Glucocorticoiden wie Beclometason als freiverkäuflichem Nasenspray therapiert werden, berichteten Julia Bayer und ihre Gruppe.

 

Ein trockenes Auge kennt zahlreiche Auslöser, erläuterte die Gruppe um Dorit Lassner. Arzneimittel wie Antidepressiva, Betablocker und Diuretika gehören dazu. Zubereitungen zur Linderung des trockenen Auges unterscheiden sich unter anderem durch ihre Viskosität. Diese steige in der Reihe von Povidon, Polyvinylalkoholen und Methylcellulosen über Hyaluronsäure sowie Carbomer an. Mit der Viskosität steigt die Kontaktzeit am Auge. Augengels sollten möglichst erst vor dem Schlafengehen angewendet werden, da sie zu einer Sichtbehinderung durch Verkrustungen führen können.

 

»Wundversorgung selbst gemacht«, so lautete der Titel des Vortrags von Rita-Marina Heeb und ihrer Gruppe. Wunden lassen sich zum Beispiel mit Octenidinhydrochlorid schmerzfrei desinfizieren, berichteten sie. Es könne auch bei Säuglingen eingesetzt werden. Unterstützend bei trockener und rauer Haut wirken Cremes und Salben mit Dexpanthenol oder Hamamelisextrakt. Zubereitungen mit Zinkoxid schützen zum Beispiel Babys wunden Po.

 

Zu den häufigen Hauterkrankungen gehört der Herpes labiales. Neben chemischen Wirkstoffen könne zu seiner Behandlung auch Melissenextrakt eingesetzt werden, berichtete die Gruppe um Fabian Meyer. Er erwies sich in einer Studie gegenüber Placebo überlegen. Auch für Herpespatches gebe es positive Studiendaten. Die Abheilungsdauer von 7,8 Tagen durch die Pflaster unterschied sich geringfügig zu Aciclovir mit 7,3 Tagen. Hingegen zeige bei den ebenfalls häufigen Warzen eine Kryotherapie in Studien nach mehreren Applikationen mit einer Abheilungsrate von 38 bis 45 Prozent nur mäßigen Erfolg, so Meyer. Dieses Ergebnis werde noch weiter relativiert, da Warzen generell eine hohe Spontanheilungsrate besitzen.

 

Bei Venenleiden stellten Kompressionsstrümpfe die wirksamste Behandlungsmethode dar, erläuterte die Gruppe um Olaf Diehl. OTC-Produkte können die Behandlung ergänzen. Die besten Daten gebe es zu Rosskastanienpräparaten. Eine positive Wirkung von Steinklee ist bisher nicht belegt. Linderung, keine Heilung bewirken Salben bei Hämorrhoiden. Zäpfchen seien hier nicht zu empfehlen, da der Wirkstoff häufig am Wirk-ort vorbeigeschoben werde. Bisher fehle auch ein Wirksamkeitsbeweis für Aloe- und E.-coli-Präparate.

 

Schnelle Wirkung bei einer Refluxsymptomatik könne man von Antazida und H2-Antagonisten erwarten, berichtete die Gruppe um Ricardo Capelo. Bei Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) müsse man von einer Wirklatenz von bis zu drei Tagen ausgehen. Darauf müsse man die Patienten hinweisen. Darüber hinaus müsse man bei PPI und H2-Antagonisten mit Wechselwirkungen über das Cytochrom-P450-System-rechnen.

 

Bei der benignen Prostatahyperblasie können Extrakte der Brennnesselwurzel und aus Sägepalmfrüchten eingesetzt werden, erläuterte die Gruppe um Lian Ye. Die Häufigkeit von Harnblasenentzündungen bei Frauen lasse sich zum Beispiel mithilfe von Cranberrysaft herabsetzen. Ein mutagener Effekt von Bärentraubenblätterextrakten konnte in neueren Untersuchungen sowohl in vitro als auch in vivo nicht gezeigt werden. Nach neueren Erkenntnissen ist zudem bei der Therapie mit Arbutin keine Alkalisierung des Harns notwendig.

 

Bei Dysmenorrhö werden vor allem Schmerzmittel wie Naproxen und Ibuprofen eingesetzt, berichteten Ricarda Ritzer und ihre Gruppe. Den Einsatz von Butylscopolamin konnten sie aufgrund der Datenlage in Bezug auf häufige Nebenwirkungen nicht empfehlen. Eine Wirkung von Magnesium, B-Vitaminen und Vitamin E auf das prämenstruelle Syndrom werde geprüft und sei vielversprechend. Gegen Wechseljahrsbeschwerden wirke Cimicifuga, die Studienlage zu Rotklee und Soja sei hingegen nicht eindeutig.

 

Wer regelmäßig Arzneimittel benötige, sollte sicherheitshalber den doppelten Bedarf mit in den Urlaub nehmen, raten Alexander Fuchs und seine Gruppe. Bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke sind das genaue Reiseziel und die Reisedauer zu erfragen, damit die Patienten die richtigen Arzneimittel in einer geeigneten Menge einpacken. Ob sich Benzodiazepine zur Unterdrückung der Flugangst eigneten, wurde im Anschluss diskutiert. Wirkstoffe aus dieser Gruppe können einen Jetlag verlängern.

 

Den Nutzen eines Ginkgo-Spezialextraktes (EGb761®) in der unterstützenden Behandlung der Demenz habe das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Jahr 2008 bestätigt, berichtete die Gruppe um Dagmar Schröder. Er wirke allerdings nur bei dementen Patienten positiv auf Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Studierende in der Lernphase hätten keinen Vorteil durch die Einnahme, so die Referenten.

 

»Moden und Bestseller aus der alternativen Ecke – was steckt dahinter?«, fragten Anna-Lena Kaufmann und ihre Gruppe mit Blick auf Homöopathie, Anthroposophie und Bachblüten. Bisher seien in Studien kaum mehr als Placeboeffekte bewiesen, stellten sie fest. Der Pharmagroßhändler Phoenix unterstützte als Sponsor das Fertigarzneimittelseminar der Uni Frankfurt. / 

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