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Rabattverträge

AOK ist zufrieden und will weiter sparen

20.07.2007
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Rabattverträge

AOK ist zufrieden und will weiter sparen

Von Uta Grossmann

 

Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) feiern die seit April gültigen Rabattverträge als Erfolg. Die Apotheker kämpfen dagegen nach wie vor mit Lieferengpässen und fordern für künftige Verträge zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern Verbesserungen. Das Institut für Handelsforschung belegt Kostensteigerungen für die Apotheker.

 

Die neuen AOK-Verträge werden ein Umsatzvolumen von 2,7 Milliarden Euro haben, kündigte Dr. Christopher Hermann an. Der Vorstandsvize der AOK Baden-Württemberg verhandelt die Rabattverträge mit den Herstellern federführend für die AOKen.

 

Aus Sicht der Apotheker müssen in den neuen Verhandlungen die Bedürfnisse der Patienten stärker berücksichtigt werden. »Die rechtzeitige Information aller Beteiligten und die volle Lieferfähigkeit der Hersteller sind absolut notwendig«, forderte Hermann Stefan Keller, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). »Wünschenswert« sei eine Aufzahlungsmöglichkeit für Patienten.

 

Schwierigkeiten dauern an

 

Die Lieferengpässe und damit verbundenen Schwierigkeiten sind auch mehr als drei Monate nachdem das Wettbewerbsstärkungsgesetz der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG) in Kraft getreten ist nicht ausgeräumt. Das GKV-WSG verpflichtet Apotheker dazu, rabattierte Arzneimittel vorrangig an die Versicherten abzugeben. Statt Kosten zu senken, wie es der Intention des Gesetzes entspräche, verursacht es sogar zusätzliche Kosten für die Apotheker, zum Beispiel durch notwendig gewordene Veränderungen des Lagerbestands, wie eine Untersuchung des Instituts für Handelsforschung in Köln (IfH) ergab.

 

DAV-Chef Keller wies darauf hin, dass Lieferengpässe bei Antibiotika besonders problematisch seien. Sie müssen so früh wie möglich eingesetzt werden, um eine bakterielle Infektion zu bekämpfen. Ist das rabattierte Mittel nicht lieferbar, geht für den Kranken wertvolle Zeit verloren. Keller sprach sich deshalb dafür aus, Antibiotika aus den Rabattverträgen auszuschließen.

 

Die auf den 30. September ausgeweitete Friedenspflicht, innerhalb derer Apotheker ein alternatives Präparat abgeben dürfen, wenn das rabattierte nicht lieferbar ist, wird jedenfalls nicht verlängert. Das stellte AOK-Chefunterhändler Hermann klar: »Ein halbes Jahr Umstellungszeit sollte für Akademiker ausreichen.«

 

Die Barmer Ersatzkasse gab Ende vergangener Woche bekannt, dass sie die Friedenspflicht für ihre Rabattverträge nicht verlängert. Sie endete bereits am 30. Juni. Die Barmer hatte Verträge über das jeweilige Vollsortiment der Hersteller geschlossen und nicht wie die AOK für einzelne Wirkstoffe.

 

Bisher sind nach Berechnungen der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mehr als 17.000 Arzneimittel in Rabattverträgen erfasst. Momentan bestehen Verträge zwischen ungefähr 200 Krankenkassen und 55 Pharmaherstellern. Die AOK hat mit elf Herstellern Rabattverträge über 42 Wirkstoffe in 579 Arzneimitteln abgeschlossen. 98 Prozent dieser Arzneimittel seien am 18. Juli lieferbar gewesen, sagte AOK-Verhandlungsführer Hermann am selben Tag in Berlin, als er die Verträge seiner Kasse als Erfolgsstory präsentierte.

 

Die Rabatte haben der AOK nach Angaben Hermanns 30 Millionen Euro an Beitragsgeld eingespart. Hermann geht davon aus, dass bis Ende des Jahres ein dreistelliger Millionenbetrag eingespart wird. AOK-Patienten mussten durch den Wegfall von Zuzahlungen zu rabattierten Arzneimitteln vier Millionen Euro weniger aus eigener Tasche drauflegen. Angaben über das Honorar der Ärzte machte Hermann nicht.

 

Noch im Juli will die AOK neue Rabattverträge für 82 Wirkstoffe ausschreiben. Die Verträge mit den Herstellern sollen von September an gelten und über zwei Jahre laufen. Bis 2009 rechnet Hermann mit einem Einsparpotenzial von 900 Millionen Euro für die Kassen und 100 Millionen Euro für die Versicherten.

 

»Frischer Wind« im Generikamarkt

 

Die Rabattverträge haben »frischen Wind« in den Generikamarkt gebracht und verkrustete Strukturen aufgebrochen, sagte Hermann. Die elf Rabattpartner der AOK konnten ihren Marktanteil von 2,9 Prozent im Januar auf 12,6 Prozent im Juni mehr als vervierfachen. Die bisherigen deutschen Marktführer Stada, Hexal und Ratiopharm mussten Umsatzeinbrüche hinnehmen. Sie hatten die AOK-Rabattverträge boykottiert. Hermann geht aber davon aus, dass sie sich aber an der neuen Ausschreibung beteiligen werden.

 

Der Absatz rabattierter Wirkstoffe wie Bisoprolol (Blutdrucksenker) oder Simvastatin (Cholesterinsenker) hat sich mehr als verdreifacht. Die mittelständische Pharmaunternehmensgruppe Biomo-Corax stieg als einziger Rabattpartner der AOK für den Magensäurehemmer Omeprazol zum Marktführer dieses Generikums auf. 250.000 Packungen werden Monat für Monat verkauft. Nachdem der Hersteller aus dem nordrhein-westfälischen Hennef zunächst durch heftige Lieferschwierigkeiten unangenehm aufgefallen war, meldete Unternehmenssprecher Christian J. Becker nun stolz, er erwarte eine Verdreifachung des Umsatzes auf über 100 Millionen Euro im Jahr 2007.

 

Die Anfangsschwierigkeiten habe man »durch enormen Einsatz und mit massiver Unterstützung durch die Apotheker und den Großhandel« hinter sich gelassen, sagte Michael Ewers, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung des Generika-Weltmarktführers Teva. Stellvertretend für die elf Rabattpartner der AOK versicherte er, alle Vertragspartner garantierten inzwischen »marktübliche Lieferfähigkeit«.

 

Die »signifikanten Markt- und Preisverschiebungen« durch die Rabattverträge entsprechen der Intention des Gesetzgebers, gab Frank Knieps zu verstehen, Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium. Am Bürgertelefon des Ministeriums seien die Rabattverträge im Übrigen kein Aufreger. Die »Kinderkrankheiten« nach dem Start seien zu erwarten gewesen.

 

Höhere Kosten durch Rabattverträge

 

Eine Anfang dieser Woche vorgestellte Studie des Institut für Handelsforschung an der Universität zu Köln belegt die Schwierigkeiten und Nachteile der Rabattverträge für die Apotheker. Viele Pharmazeuten empfinden die Rabattverträge als einen Eingriff in ihren Arbeitsalltag, der mit einem erhöhten Verwaltungsaufwand, einer komplizierten Kundenberatung und häufigen Defekten einhergehe, heißt es in der Untersuchung. Das IfH hatte in 102 Apotheken die Auswirkungen der Rabattverträge erfragt. Konkret ging es um den Einfluss auf den Arbeitsalltag in der Apotheke, um spezifische Probleme im Umgang mit den Kunden, Veränderungen der Lagerbestände und Kostensteigerungen.

 

Es zeigte sich, dass mehr als neun von zehn Apotheker (94 Prozent der Befragten) eine deutliche Veränderung des Arbeitsalltags durch die Rabattverträge konstatieren. Der Verwaltungsaufwand hat sich erhöht und die Beratung der Kunden ist komplizierter geworden. Außerdem klagen die Apotheker, dass rabattierte Arzneimittel häufig nicht verfügbar seien. 92 Prozent der befragten Apotheker gaben an, dass Kunden mehrmals am Tag Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, weil rabattierte Arzneimittel nicht vorrätig sind. Die Apotheker müssen dann erklären, welchen Sinn die Rabattverträge haben und wie das Procedere ist. Zugleich müssen sie den Ärger der Kunden aushalten, deren bewährtes Arzneimittel durch ein rabattiertes Produkt ersetzt wird.

 

Die Auswirkungen der Rabattverträge auf den Arbeitsalltag führen nach Aussage der IfH-Studie zu Kostensteigerungen. Davon sind 88 Prozent der befragten Apotheker überzeugt. Als Ursache werden unter anderem durch die Verträge veranlasste Veränderungen des Lagerbestands genannt.

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