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AOK-Rabattverträge

»Die AOK setzt auf das Erfolgsmodell«

27.03.2012
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Von Daniel Rücker / Die AOK startet am 1. April ihre siebte Rabattrunde mit 95 Wirkstoffen. Die Startschwierigkeiten vorhergehender Runden sollen sich nicht wiederholen, sagt der bundesweite AOK-Verhandlungsführer Dr. Christopher Hermann. Nicht lieferfähigen Herstellern droht der Rausschmiss.

PZ: Am 1. April startet die siebte AOK-Rabattrunde. Wie steht es um die Lieferfähigkeit der Vertragspartner?

 

Hermann: Für die 95 Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen der siebten Tranche haben wir mit 34 Unternehmen oder Bietergemeinschaften Verträge abgeschlossen. Alle Partner haben uns bestätigt, dass sie vollumfänglich lieferfähig sind. Da wir die meisten Zuschläge bereits Ende November 2011 erteilen konnten, hatten alle Unternehmen umfassend Zeit, sich auf den Start am 1. April einzustellen.

 

PZ: Gibt es Hersteller, die definitiv nicht lieferfähig sein werden?

 

Hermann: Davon ist uns nichts bekannt. Alle Vertragspartner haben Lieferfähigkeit zugesagt. Qualität und Verfügbarkeit haben in unseren Verträgen außerordentliches Gewicht. Wir prüfen das vor der Bezuschlagung sehr genau.

 

Dabei sind wir natürlich auf korrekte Angaben angewiesen. Niemand ist davor gefeit, dass jemand bewusst täuscht. Das hätte aber in unserem Fall ernste Konsequenzen – aktuell und für künftige Vergabeverfahren.

PZ: Im vergangenen Jahr gab es den Sonderfall Metoprolol succinat von Betapharm. Das Medikament gab es zum Start der Rabattverträge noch gar nicht. Gibt es in der siebten Runde einen ähnlichen Fall?

 

Hermann: Den Wechsel der juristischen Zuständigkeit von den Sozialgerichten zu den Zivilgerichten haben Anfang 2011 einzelne Unternehmen noch einmal zu nachdrücklichen rechtlichen Attacken auf unser Vergabeverfahren und einzelne Zuschläge genutzt. Sie hatten damit letztlich keinen Erfolg, aber es ist ihnen leider gelungen, den reibungslosen Start der sechsten Tranche zeitlich deutlich zu behindern. Betapharm blieb deshalb kaum Zeit zur Vorbereitung. Nach den aktuellen Zuschlägen für AOK VII gab es nur zwei Vergabenachprüfungsverfahren zu punktuellen Aspekten. Die wurden rasch in unserem Sinne geklärt.

 

PZ: Wird es wieder eine Friedenspflicht geben?

 

Hermann: Obwohl wir von einem reibungslosen Start ausgehen, sichern wir den Apotheken auch dieses Mal eine einmonatige Friedenspflicht zu.

 

PZ: Warum nicht drei Monate?

 

Hermann: Dazu besteht diesmal nun wirklich keinerlei Veranlassung. Die Situation jetzt ist eine gänzlich andere als etwa im Frühsommer 2011. Die einmonatige Startphase wird ausreichen, um das ein oder andere Anlaufproblem – das ja nicht immer mit Lieferdefiziten eines Herstellers zu tun haben muss – aufzufangen.

 

PZ: Was gehört zur Friedenspflicht?

 

Hermann: Lieferausfälle müssen nur vereinfacht dokumentiert werden: Es muss weder ein besonderer Grund für die Abgabe eines nicht rabattierten Produktes dokumentiert noch das Sonderkennzeichen für eine abweichende Abgabe aufgedruckt werden.

 

PZ: Bisher hat die AOK immer nur einen Zuschlag je Gebietslos erteilt. Bleibt das so?

 

Hermann: Ja. Nur exklusive Zuschläge geben unseren Vertragspartnern Planungssicherheit. Das nützt in erster Linie auch gerade mittelständischen Herstellern. Die Erfahrung zeigt, dass in der Regel das Produkt der Marktführer abgegeben wird, wenn es mehrere Vertragspartner gibt. Erst durch unser Ausschreibungsverfahren haben viele kleinere Unternehmen einen nennenswerten Marktanteil erhalten und nach Auslaufen von Verträgen auch hoch halten können. Die Vergabekammern beim Bundeskartellamt und der Vergabesenat des Oberlandesgerichtes Düsseldorf als oberste zuständige Instanz haben das AOK-Ausschreibungsverfahren ausdrücklich bestätigt.

 

PZ: Andere Krankenkassen haben bis zu drei Lieferanten pro Fachlos. Das macht Lieferengpässe unwahrscheinlicher. Würden mehrere Zuschläge pro Los nicht die Versorgungssicherheit verbessern?

 

Hermann: Zuerst einmal: Die Versorgungssicherheit ist immer gegeben. Ist ein Medikament nicht verfügbar, gibt der Apotheker ja ein geeignetes anderes ab. Ihre Frage zielt wohl eher auf die Patienten-Compliance ab. Wo bleibt denn diese Compliance, wenn Patienten immer wieder ein anderes Medikament erhalten, weil es mehrere Rabattpartner gibt? Eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hat ergeben, dass sich durch exklusive Zuschläge die Zahl der Patienten, die über mindestens zwei Jahre kontinuierlich mit dem gleichen Medikament versorgt werden können, deutlich erhöht. Und wie Sie wissen: Von Patienten-Compliance war vor dem Reüssieren der Rabattverträge deutlich seltener die Rede. Die Generika-Substitution gibt es ja durchaus schon ein paar Tage länger.

 

PZ: Zu manchen Medikamenten gibt es immer wieder Lieferschwierigkeiten. Warum hat dies kaum Konsequenzen für die Hersteller?

 

Hermann: Da irren Sie, es hat Konsequenzen: Von Vertragsstrafen über die Vertragskündigung bis hin zu Schadenersatzforderungen. Ende vergangener Woche haben alle AOKs die seit 1. Juni 2011 geltenden Rabattverträge mit der Dexcel Pharma GmbH für den Wirkstoff Metformin zum 31. März 2012 gekündigt, weil das Unternehmen seinen Lieferverpflichtungen nicht vernünftig nachgekommen ist. Der Wirkstoff wird jetzt baldmöglichst neu ausgeschrieben. Die quasi fristlose Kündigung zeigt, dass wir die laufende Kontrolle der Liefersituation absolut ernst nehmen – das sind wir allen Beteiligten schuldig, nicht zuletzt den Apotheken, ohne deren Mittun die Rabattverträge nicht funktionieren.

 

PZ: Welche Auswirkungen hat das für die Apotheken?

 

Hermann: Für die Apotheken bedeutet die Kündigung keinen Nachteil. Zwar kann die Abmeldung des Vertrages aus der Software frühestens zum 1. Mai erfolgen. Gemeinsam mit dem DAV gehen wir aber davon aus, dass es bei den Apotheken aufgrund der für die Kündigung Ausschlag gebenden Liefersituation von Dexcel nur noch in Einzelfällen Warenbestände gibt. Sollten im April noch Metformin-Produkte von Dexcel abgegeben werden, werden wir dies selbstverständlich nicht sanktionieren. Ab sofort können die Apotheken Metformin-Produkte anderer Hersteller abgeben.

 

PZ: Wie sehen Sie perspektivisch die AOK-Rabattverträge? Werden sie so weiterlaufen wie bislang?

 

Hermann: Die AOKs setzen weiter auf dieses Erfolgsmodell. Es ist das einzige wettbewerbliche Instrument, mit dem eine gesetzliche Krankenkasse ihre Arzneimittelausgaben individuell, flexibel und effektiv steuern kann. 1,6 Milliarden Euro haben die Kassen 2011 dank der Rabattverträge weniger für Medikamente ausgeben müssen. Allein bei den AOKs waren es fast 700 Millionen Euro. Das Geld investieren wir in innovative Gesundheitsversorgung für unsere Versicherten. /

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