Pharmazeutische Zeitung online
Neue Arzneistoffe 2017

Beratungstipps zu den Newcomern

06.06.2018
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Im vergangenen Jahr sind insgesamt 35 neue Wirkstoffe neu auf den deutschen Markt gekommen, darunter elf Sprunginnovationen. »Das sind relativ viele neue Arzneistoffe – ein guter Jahrgang «, sagte Sven Siebenand. Der stellvertretende Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung stellte Indikationen, Wirkmechanismen und Beratungstipps für einige ausgewählte Arzneimittel vor.

Baricitinib (Olumiant®) und Tofacitinib (Xeljanz®) sind zwei der Sprunginnovationen. Die beiden Januskinase (JAK)-Hemmer kommen bei der mittelschweren bis schweren rheumatoiden Arthritis zum Einsatz. Ihre Wirkung beruht auf der Hemmung des JAK-STAT-Signalwegs, über den mehrere Zytokine ihre Signale übermitteln.

Baricitinib und Tofacitinib konkurrierten mit dem natürlichen Liganden ATP um die Bindungsstelle im katalytischen Zentrum der JAK-Kinasen, erklärte Siebenand. »Im Unterschied zu den meisten Bio­logika, die nur ein einziges Zytokin binden, setzen die JAK-Inhibitoren so gleich mehrere Zytokine schachmatt«, verdeutlichte er. Baricitinib und Tofacitinib haben zudem eine geringere Halbwertszeit als andere Biologika und sie können oral als Tablette eingenommen werden.

 

Wichtig für die Beratung in der Apotheke: Beide Wirkstoffe sollten nicht mit Saccharomyces boulardii, etwa zur Selbstmedikation bei Diarrhö, kombiniert werden. Dann könnten mitunter schwere Hefepilzinfektionen auftreten, warnte Siebenand. Baricitinib und Tofacitinib sind beide fetotoxisch, das heißt, sie dürfen keinesfalls in der Schwangerschaft angewendet werden. Frauen im gebärfähigen Alter sollten außerdem auf eine wirksame Empfängnisverhütung hingewiesen werden, denn sie dürfen unter der Therapie nicht schwanger werden, betonte Siebenand.

 

Modifizierte Gallensäure

 

Ein weiterer Neuling und eine Sprung­innovation aus dem Jahr 2017 ist die Obeticholsäure (Ocaliva®) zur Behandlung der primär biliären Cholangitis (PBC), einer seltenen Autoimmun­erkrankung. Bei dieser kommt es zu entzündlichen Veränderungen der intra­hepatischen Gallenwege und zu einer Stauung von Gallensäuren. In der Folge können Leberfibrose und schließlich eine Zirrhose auftreten. Die Obeticholsäure ist eine modifizierte Gallensäure und aktiviert den Farnesoid-X-Rezeptor, der vor allem in Leber und Darm exprimiert wird. Durch die Aktivierung werden weniger Gallensäuren produziert und verstärkt ausgeschieden.

 

»Viele PBC-Patienten klagen über Juckreiz. Im Beratungsgespräch kann ­ihnen der Apotheker eventuell ein Antihistaminikum zur Linderung empfehlen«, sagte Siebenand. Ein weiterer wichtiger Hinweis sei, dass Gallensäurebinder wie Colestyramin die Wirksamkeit der Obeticholsäure herabsetzen können. Sie sollten immer mit vier bis sechs Stunden Abstand eingenommen werden. Bei der gemeinsamen Gabe von Obeticholsäure und einem Vitamin-K-Antagonisten sollte außerdem der INR-Wert des Patienten zur Abschätzung der Gerinnung überwacht werden.

 

Auch Nusinersen (Spinraza®) ist eine Sprunginnovation. Es ist die erste Op­tion zur medikamentösen Behandlung der spinalen Muskelatrophie. Viele Kinder, die von dieser Erbkrankheit betroffen sind, erlangen kaum motorische Fähigkeiten, sie können beispielsweise nicht lernen, den Kopf zu heben oder ohne Hilfe zu sitzen. Verursacht wird die Erkrankung durch einen Mangel an SMN-Protein (Survival Motor Neuron Protein). Nusinersen wirkt als Anti­sense-Oliognukleotid und aktiviert ein Ersatzgen. Der Anteil an funktionellem SMN-Protein werde so wieder erhöht, erklärte Siebenand.

 

Erheblicher Zusatznutzen

 

Nusinersen wird per Lumbalpunktion direkt in den Liquorraum des Wirbel­kanals der Wirbelsäule appliziert. »Unter der Therapie erreichen viele Kinder motorische Meilensteine, sie lernen beispielsweise Krabbeln oder Laufen«, sagte der Apotheker. Das sieht auch der Gemeinsame Bundesauschuss so: Er hat Nusinersen als erstem Orphan Drug einen erheb­lichen Zusatznutzen bescheinigt.

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