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Laborwerte

Die Blutgerinnung im Test

13.05.2008  13:55 Uhr

Laborwerte

Die Blutgerinnung im Test

Von Christina Hohmann

 

Im Blut halten sich Gerinnung und Gerinnungsauflösung die Waage. Das sensible Gleichgewicht kann durch verschiedene Einflüsse gestört werden. Um Störungen aufzudecken, werden die sogenannten Gerinnungsparameter bestimmt.

 

Blut muss flüssig sein, um seine Aufgaben erfüllen zu können. Doch bei kleinen Verletzungen müssen die Gefäße schnell verschlossen werden, da sonst zuviel Blut verloren geht. Hierfür ist die Hämostase (Blutstillung) verantwortlich, ein kompliziertes System, an dem eine ganze Reihe von Faktoren, wie Blutplättchen (Thrombozyten), Proteine und Elektrolyte beteiligt sind.

 

Wird ein Blutgefäß verletzt, setzt zuerst die primäre Hämostase ein. Vereinfacht dargestellt verengt sich das Gefäß und die beschädigte Stelle wird durch einen Thrombozytenpropf verschlossen. Hierfür haften Blutplättchen an den Wundrändern an (Adhäsion) und locken weitere Thrombozyten zur Wunde (Aggregation), bis sie einen Thrombus bilden. Dieser noch lockere Verschluss wird in der sekundären Hämostase durch Aktivierung des plasmatischen Gerinnungssystems verstärkt. Beim Zerfall der Thrombozyten entsteht der sogenannte Prothrombinaktivator. Dieser Enzymkomplex, bestehend aus den Gerinnungsfaktoren Xa und Va sowie Phospholipoproteinen und Calcium, wandelt Prothrombin in die aktive Form Thrombin um. Dieses Enzym ist eine Peptidase, die aus dem Dimer Fibrinogen, zwei Monomere Fibrin freisetzt, die sich zu Polymeren zusammenlagern. So entsteht ein festes Fibrinnetz, in das Zellen und Blutplättchen eingelagert sind und das die Wundheilung an der verletzten Stelle ermöglicht.

 

Je nachdem, woher die im Prothrombinaktivator enthaltenen Proteine stammen, wird zwischen extrinsischer und intrinsischer Gerinnung unterschieden. Bei der extrinsischen Gerinnung stammt das Phospholipoprotein aus den verletzten Gefäß- und Bindegewebszellen und wird als Gewebethromboplastin bezeichnet. Der Prozess ist sehr schnell. Eine Gerinnung tritt bereits nach Sekunden ein. Beim intrinsischen System lösen plasmatische Gerinnungsfaktoren den Prozess aus. Hier tritt die Gerinnung deutlich langsamer, erst nach einigen Minuten ein.

 

Die Blutstillung ist ein lebenswichtiger Prozess, ohne den schon kleine Verletzungen zu einem nicht beherrschbaren Blutverlust führen würden. Dennoch kann auch die Gerinnung gefährlich werden. Daher werden bei Verletzungen auch Inhibitoren freigesetzt, die gewährleisten, dass die Gerinnung lokal begrenzt ist. Somit halten sich normalerweise thrombogene und thrombolytische Substanzen die Waage. Verschiedene Erkrankungen und Faktoren können dieses Gleichgewicht stören und entweder die Blutungsneigung oder die Thrombusbildung erhöhen.

 

Eine Verschiebung zur thrombogenen Seite kann zum Beispiel auf mangelnde Flüssigkeitszufuhr, Einnahme bestimmter Medikamente wie orale Antikontrazeptiva, genetische Veranlagung, Operationen oder bestimmte Erkrankungen zurückgehen. Einer erhöhten Blutungsneigung liegt meist ein Mangel an Thrombozyten oder ein genetisch bedingter Gerinnungsfaktormangel (Hämophilie) zugrunde.

 

Blutungszeit

 

Um Störungen im Blutgerinnungssystem zu identifizieren, gibt es verschiedene Tests. Als Suchtest für Störungen der primären Hämostase oder der Gerinnung eignet sich die Bestimmung der Blutungszeit. Hierbei wird eine kleine Hautwunde gesetzt und die Zeit gemessen, bis die Blutung zum Stillstand kommt. Dies sollte in zwei bis acht Sekunden der Fall sein. Eine verlängerte Zeit kann auf Thrombozytenmangel, Niereninsuffizienz oder Medikamente wie Thrombozytenaggregationshemmer zurückgehen.

 

Quickwert (Thromboplastinzeit, TPZ)

 

Mit dem Quicktest lässt sich die Funktion des extrinsischen Gerinnungssystems überprüfen. Für die Untersuchung wird Blut abgenommen und sofort mit Citrat gemischt, das die Gerinnung verhindert. Im Labor wird dann die Gerinnung durch die Zugabe von Gewebethromboplastin und Calciumionen gestartet und die Zeit bis zur Gerinnselbildung gemessen. Der Quickwert wird als Verhältnis des Patientenplasmas zum Normalplasma angegeben. Er sollte bei Erwachsenen zwischen 70 und 120 Prozent der Norm betragen. Da die Quickwerte verschiedener Laboratorien schlecht miteinander zu vergleichen sind, wurde der sogenannte INR-Wert (International Normalized Ratio) eingeführt. Alle Untersuchungsmethoden werden an einem Standard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kalibriert, wodurch die Werte vergleichbar werden. Der INR-Wert sollte bei etwa 1,0 liegen. Ein erhöhter INR-Wert zeigt eine eingeschränkte Gerinnung an. Bei Patienten mit Herzklappenersatz, Myokardinfarkt oder Vorhofflimmern sollte der Wert zwischen 2 und 3 liegen.

 

Der Quick- oder INR-Wert wird bei Verdacht auf Gerinnungsstörungen, zur Überwachung einer antikoagulativen Therapie oder zur Verlaufskontrolle von Lebererkrankungen mit Synthesestörung von Gerinnungsfaktoren bestimmt.

 

Ein erhöhter Quickwert (verkürzte Thromboplastinzeit) ist ohne klinische Bedeutung. Ein niedriger Quickwert (eine verlängerte Thromboplastinzeit) dagegen kann durch eine Antikoagulanzien-Therapie, Lebererkrankungen, Fibrinogen- oder Gerinnungsfaktormangel entstehen. Auch ein Mangel an Vitamin K kann den Quickwert herabsetzen, da es für die Synthese von Prothrombin und einiger Gerinnungsfaktoren benötigt wird.

 

Partielle Thromboplastinzeit (PTT)

 

Mit der Bestimmung der partiellen Thromboplastinzeit lässt sich die Funktion des intrischen Gerinnungssystems überprüfen. Der Test funktioniert wie der Quicktest, nur dass die Gerinnung hier durch Zugabe von partiellem Thromboplastin (ohne Proteinanteil), einem Kontaktaktivator und Calciumionen gestartet wird. Durchgeführt wird er bei Verdacht auf Gerinnungsstörungen, zur Kontrolle einer Heparintherapie oder einer Substitutionstherapie bei Hämophilie-Patienten. Der Referenzwert liegt bei 20 bis 38 Sekunden. Ein erhöhter Wert kann auf einem Mangel an Fibrinogen oder Gerinnungsfaktoren, die im intrinsischen System eine Rolle spielen, beruhen. Auch eine Heparintherapie kann den PTT-Wert erhöhen. Eine verkürzte PTT tritt bei Thrombozytosen und Hyperkoagulabilität auf.

 

Neben PTT- und Quickwert gehört die Bestimmung der Thrombozytenzahl und gegebenenfalls deren Funktion zur Basisdiagnostik bei Verdacht auf eine Blutungsneigung. Bei pathologischen Werten ist eine weiterführende Diagnostik in spezialisierten hämostaseologischen Zentren notwendig. Hier werden je nach Ergebnis der Basisdiagnostik der Fibrinogenwert, die Thrombinzeit, der Gehalt an D-Dimeren und die Einzelfaktoren (Gerinnungsfaktoren II, V, VIII, IX, X, XI, XII) bestimmt.

Was sagen die Laborwerte?

Dieser Artikel ist Teil der Serie »Was sagen die Laborwerte?«, in der die PZ die wichtigsten Parameter der Labordiagnostik vorstellt. Bereits erschienen sind die Artikel zu

 

Blutbild (Blutbild: Was die Zellzahlen verraten, PZ 05/08)

Schilddrüsenhormonen (Laborwerte: Wenn die Schilddrüse erkrankt, PZ 10/08)

Leberwerten (Leberwerte: Aussagekräftige Enzyme, PZ 12/08)

Herzmarkern (Herzmarker: Wenn das Herz leidet, PZ 18/08).

 

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