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Laborwerte

Wenn die Schilddrüse erkrankt

08.04.2008
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Laborwerte

Wenn die Schilddrüse erkrankt

Von Daniela Biermann

 

Ist die Funktion der Schilddrüse gestört, hat das Auswirkungen auf den gesamten Körper. Für die Diagnose ist oft nur die Bestimmung weniger Werte nötig. Hier erfahren Sie, welche das sind.

 

Die Schilddrüse ist das größte endokrine Organ des Menschen. Ihre Follikelepithelzellen (Thyreozyten) produzieren die Hormone Thyroxin (Tetraiodthyronin, Levothyroxin) und Triiodthyronin (Liothyronin). Beide sind α-Aminosäuren und unterscheiden sich chemisch nur in der Anzahl der gebundenen Iodatome: Tetraiodthyronin (T4) bindet vier, Triiodthyronin (T3) drei Iodatome. Um Schilddrüsenhormone bilden zu können, braucht der Körper also Iod. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung benötigen Jugendliche und Erwachsene 200 µg pro Tag, Senioren und Kinder etwas weniger. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 150 µg.

 

Die Schilddrüse setzt etwa zehnmal mehr T4 als T3 frei. Das Enzym Deiodase wandelt T4 in das wirksamere T3 um. Beide Hormone liegen zum größten Teil an Thyroxin-bindendes Globulin (TBG) gebunden vor. Biologisch aktiv sind jedoch nur ihre freien Formen (fT4 und fT3).

 

Sie steigern in fast allen Organen den Stoffwechsel. So beeinflussen sie indirekt den Lipid-, Protein- und Kohlenhydratstoffwechsel, die Wärmeregulation, das Wachstum, die Sexualität und Funktionen des vegetativen Nervensystems, des Herz-Kreislauf-Systems und der Muskulatur. Ihr Einfluss lässt sich sehr gut erkennen, wenn zu viel oder zu wenig von ihnen vorhanden ist, nämlich bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oder einer -unterfunktion (Hypothyreose).

 

Typische Symptome einer Überfunktion sind Wärmeintoleranz mit vermehrtem Schwitzen, Gewichtsverlust trotz Appetitsteigerung, Durchfall, körperliche Schwäche, Nervosität, Tremor und Tachykardie. Umgekehrt zeichnet sich eine Unterfunktion durch Kälteempfindlichkeit, Gewichtszunahme, Verstopfung, Ödeme, Müdigkeit, Leistungsminderung, Bradykardie, Neigung zu Depressionen, trockener Haut, Haarausfall und brüchigen Nägeln aus. Es treten meist nicht alle Symptome auf. Daher ist die Bestimmung der Laborwerte wichtig für die Diagnose.

 

Logischer Regelkreis

 

Die Bildung der Schilddrüsenhormone unterliegt einem Regelkreis mit negativer Rückkopplung. Bei niedrigen T3- oder T4-Spiegeln schüttet der Hypothalamus als oberste Schaltzentrale das TSH-Releasing-Hormon (TRH) aus. Dieses stimuliert den Hypophysenvorderlappen (die Adenohypophyse), das Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) in die Blutbahn abzugeben. TSH reguliert die Aufnahme von Iod in die Thyreozyten und damit die Bildung von T3 und T4. Hohe Spiegel dieser Hormone drosseln die TRH-Ausschüttung und somit ihre eigenen Bildung.

 

Besteht der Verdacht auf eine Funktionsstörung der Schilddrüse, wird zunächst der TSH-Spiegel im Blut gemessen. Ein normaler TSH-Wert (siehe Tabelle 1) schließt eine Schilddrüsenfunktionsstörung weitestgehend aus. Liegt dieser Wert außerhalb des Referenzbereichs, werden zusätzlich T3 und T4 oder fT3 und fT4 bestimmt.

Tabelle 1: Referenzwerte

Hormon SI-Einheit herkömmliche Einheit
T3 1,4 bis 2,8 nmol/l 0,9 bis 1,8 mg/l
fT3 5,4 bis 12,3 pmol/l 3,5 bis 8,0 ng/l
T4 71 bis 142 nmol/l 55 bis 110 µg/l
fT4 10 bis 23 pmol/l 8 bis 18 ng/l
TSH 0,3 bis 4,0 mU/l

Da die Labors zum Teil unterschiedliche Methoden anwenden, sollten die vom jeweiligen Labor angegebenen Referenzbereiche beachtet werden.

Sind die Werte von T3 und T4 erniedrigt, liegt eine Unterfunktion vor. Diese wird in primäre und sekundäre Hypothyreose unterschieden. Bei den primären Formen liegt die Störung in der Schilddrüse selbst. Durch anhaltenden Iodmangel, entzündliche Prozesse (wie die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoditis), Schilddrüsentumoren oder Thyreostatikagabe kann das Organ nicht ausreichend Hormon bilden. Aufgrund der niedrigen T3- und T4-Spiegel steigt die TSH-Freisetzung, ohne dass das Hormon die T3- und T4-Produktion erhöhen kann. Sind sowohl der TSH-Spiegel wie auch die T3- und T4-Werte erniedrigt, weist dies auf eine sekundäre Hypothyreose hin. Sie entsteht bei Störungen im Hypothalamus oder in der Hypophyse.

 

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion dagegen sind die T3- und T4-Werte erhöht. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow, bei der Autoantikörper (Thyreoidea-stimulierdende Immunglobuline, TSI) eine Vergrößerung der Schilddrüse und damit eine übersteigerte Hormonproduktion bewirken. Daneben gibt es aber auch nicht-immunogene Ursachen einer Überfunktion. Hierzu zählt die sogenannte Autonomie. Durch tumorartiges Wachstum ist ein Teil der Schilddrüse, der nicht dem Regelkreis unterliegt, vergrößert und produziert »autonom« vermehrt Hormone. Bei dieser Form sowie beim Morbus Basedow ist der TSH-Spiegel erniedrigt.

 

Bei einer sekundären Hyperthyreose ist die TSH-Freisetzung aufgrund von Störungen im Hypothalamus oder der Hypophyse erhöht, weshalb auch die T3- und T4-Werte hoch sind. Weitere mögliche Ursachen einer Überfunktion sind Karzinome, Entzündungen und die Aufnahme von hohen Ioddosen oder Schilddrüsenhormone.

 

Auch Autoimmunerkrankungen wie Morbus Basedow oder Hashimoto-Thyreoditis verursachen eine Schilddrüsenfunktionsstörung. Zur Abklärung werden Autoantikörper bestimmt, die sich gegen die Thyreoperoxidase, den TSH-Rezeptor oder Thyreoglobulin richten. Sind sie erhöht, liegt eine Entzündung der Schilddrüse vor.

 

Thyreozyten bilden neben T3 und T4 auch Thyreoglobulin, eine Vorstufe dieser Hormone. Das Protein ist besonders reich an Tyrosinseitenketten. Die Thyreoperoxidase iodiert diese zu Monoiodtyrosin und Diiodtyrosin. Zwei dieser Moleküle werden intramolekular zu T4 gekoppelt. Thyreoglobulin selbst gilt als Tumormarker nach der vollständigen Entfernung des Schilddrüsengewebes bei Schilddrüsenkrebs. Ist noch Thyreoglobulin messbar, ist auch noch entartetes Gewebe vorhanden. Ein weiterer Tumormarker ist das Hormon Calcitonin. Es wird in den parafollikulären C-Zellen der Schilddrüse produziert. Zusammen mit dem Parathormon aus der Nebenschilddrüse reguliert es den Calciumhaushalt und den Knochenstoffwechsel. Liegt der Calcitonin-Spiegel über 5 pg/ml, weist dies auf ein C-Zell-Karzinom hin.

 

Generell muss die Labordiagnostik durch eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung sowie gegebenenfalls Ultraschall und Szintigrafie ergänzt werden.

Tabelle 2: Veränderung der Plasmakonzentration von TSH, T3 und T4 bei verschiedenen Schilddrüsenerkrankungen

Schilddrüsenerkrankung TSH T3, T4
Primäre Hypothyreose + -
Sekundäre Hypothyreose - -
Morbus Basedow - +
Autonomie - +
Sekundäre Hyperthyreose + +

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