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Blutbild

Was die Zellzahlen verraten

25.01.2008  14:14 Uhr

Blutbild

Was die Zellzahlen verraten

Von Christina Hohmann

 

Blut enthält eine Fülle von Informationen - man muss sie nur richtig lesen können. So lässt die Zusammensetzung des Blutes, das sogenannte Blutbild, Rückschlüsse auf den gesundheitlichen Zustand des gesamten Organismus zu.

 

Vom Herzen als Pumpe angetrieben zirkulieren durch jeden Menschen etwa fünf bis sechs Liter Blut. Dieses hat eine ganze Reihe wichtiger Aufgaben: Es versorgt alle Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen, es transportiert Schadstoffe ab, hilft bei der Regulation der Körpertemperatur und übermittelt Signale in Form von Hormonen. Zusätzlich ist es Teil des Immunsystems, es enthält Immunzellen und Antikörper, um Fremdstoffe und Krankheitserreger abzuwehren.

 

Blut sieht zwar flüssig aus, enthält aber Milliarden fester Bestandteile: die Blutzellen. Zu etwa 43 bis 50 Prozent bei Männern beziehungsweise 37 bis 45 Prozent bei Frauen machen diese zellulären Bestandteile aus. Hierzu zählen die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), weißen Blutzellen (Leukozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Diese zellulären Bestandteile zusammengenommen werden auch als Hämatokrit bezeichnet. Wird dieser zum Beispiel durch Zentrifugation abgetrennt, bleibt das Blutplasma zurück, das Plasmaproteine, Gerinnungsfaktoren und Elektrolyte enthält. Das Plasma ohne Gerinnungsfaktoren heißt Blutserum.

 

Bei Verdacht auf verschiedene hämatologische Erkrankungen oder Allgemeinerkrankungen kann es nötig sein, dass sich der Arzt ein »Bild« vom Blut macht. Für das Blutbild werden die zellulären Bestandteile mikroskopisch oder maschinell mit einem automatischen Zählgerät (Coulter-Counter) ausgezählt. Hierbei gibt es zwei verschiedene Arten: Beim kleinen Blutbild wird die Zahl der Erythrozyten, Thrombozyten und die Gesamtzahl der Leukozyten bestimmt. Beim Differenzialblutbild werden die weißen Blutkörperchen zusätzlich in ihre Untergruppen in Granulozyten, Monozyten und Lymphozyten aufgeschlüsselt. Das kleine und das Differenzialblutbild zusammen ergeben das sogenannte große Blutbild.

 

Erythrozyten

 

Zahlenmäßig am stärksten vertreten sind die für den Sauerstofftransport zuständigen roten Blutkörperchen. In einem Liter Blut sind etwa 5000 Milliarden enthalten. Die Zellen, die wie eingedellte Scheiben aussehen, besitzen keinen Zellkern und können sich daher nicht teilen. Ihre Lebensdauer beträgt etwa 120 Tage. Jeden Tag bildet das Knochenmark rund 200 Milliarden rote Blutkörperchen neu. Diese durchlaufen mehrere Stadien auf ihrem Weg zum reifen Erythrozyten. Die letzte Entwicklungsstufe ist der sogenannte Retikulozyt.

 

Für die Neubildung von roten Blutkörperchen ist eine ausreichende Eisenversorgung notwendig, denn die Hämgruppe des Blutfarbstoffs Hämoglobin enthält im Zentrum ein Eisenatom. An dieses binden die Sauerstoff- beziehungsweise Kohlendioxid-Moleküle, die so von der Lunge zum Gewebe oder vom Gewebe zur Lunge transportiert werden. Sauerstoffversorgung und Erythrozytenzahl hängen somit stark voneinander ab.

 

Normal ist eine Erythrozytenkonzentration von 4,1 bis 5,1 Millionen/µl für Frauen und 4,5 bis 5,9 Millionen/µl für Männer (siehe Tabelle). Ein erhöhter Wert, eine Polyglobulie, ist meist auf Sauerstoffmangel zurückzuführen, der etwa bei einem Aufenthalt im Hochgebirge auftreten kann. Bei einem Mangel wird vermehrt das Hormon Erythropoetin produziert, das die Neubildung der roten Blutkörperchen ankurbelt. Die hohe Zellzahl soll die Sauerstoffversorgung verbessern. Ein Sauerstoffdefizit kann aber auch durch manche Lungen- oder Herzerkrankungen entstehen.

Wert Frau Mann Einheit
Erythrozyten 4,1 bis 5,1 4,5 bis 5,9 Millionen Zellen/µl
Hämatokrit 37 bis 47 40 bis 54 Prozent
Hämoglobin 12 bis 16 14 bis 18 g/dl
Thrombozyten 140.000 bis 440.000 140.000 bis 440.000 Zellen/µl
Leukozyten 4000 bis 10.000 4000 bis 10.000 Zellen/µl

Zu den seltenen Ursachen einer Polyglobulie gehören eine hormonelle Steigerung der Erythrozytenbildung (Morbus Cushing, Corticoid- oder Androgentherapie), Nierenkrebs oder Bluterkrankungen wie Polycythaemia rubra vera. Indirekt kann die Erythrozytenzahl auch durch einen Wassermangel bedingt sein (relative Polyglobulie), der etwa bei starkem Schwitzen, zu geringen Trinkmengen, Durchfall oder Erbrechen auftreten kann.

 

Wenn die Zahl der Erythrozyten vermindert ist, liegt eine Anämie (Blutarmut) vor. Diese kann verschiedene Gründe haben. Häufig ist eine Anämie aufgrund von starken Blutverlusten wie nach Operationen, bei chronisch blutenden Wunden im Gastrointestinaltrakt oder nach der Menstruation. Eine andere Ursache kann eine Mangelversorgung mit Nährstoffen wie Eisen, Vitamin B12 und Folsäure sein. Diese Stoffe benötigt der Körper für die Neubildung von Erythrozyten. Wenn sie nicht in ausreichender Menge mit der Nahrung aufgenommen werden, ist die Produktion der Erythrozyten gestört und die Zellzahl entsprechend erniedrigt. In Westeuropa ist die Eisenmangelanämie die häufigste Form der Blutarmut. Seltener geht eine Anämie auf Nierenerkrankungen (renale Anämie), Krebsarten oder Knochenmarkserkrankungen zurück.

 

Hämatokrit und Hämoglobin

 

Die Erythrozytenzahl allein ist wenig aussagekräftig. In der Regel werden weitere Parameter wie der Hämatokrit- und der Hämoglobinwert bestimmt, um Anämien klassifizieren zu können. Der Hämatokrit (HKT) gibt an, welchen Anteil die zellulären Bestandteile des Blutes ausmachen. Als Referenzbereich gelten 37 bis 47 Prozent bei Frauen und 40 bis 54 Prozent bei Männern. Da der Hämatokrit hauptsächlich von der Erythrozytenzahl abhängt, weisen niedrige Werte auf eine absolute Anämie hin, erhöhte Werte dagegen auf Flüssigkeitsmangel oder eine verminderte Sauerstoffversorgung.

 

Als dritter Parameter neben der Erythrozytenzahl und dem HKT wird meist der Hämoglobinwert bestimmt. Dieser sollte zwischen 12 bis 16 g/dl für Frauen und 14 bis 18 g/dl für Männer betragen. Zum Teil wird auch das mittlere korpuskuläre Hämoglobin (Mean Corpuscular Haemoglobin, MCH) ermittelt. Es gibt den durchschnittlichen Hämoglobingehalt eines Erythrozyten an. Bei Gesunden liegt dieser Wert bei 28 bis 32 Pikogramm pro Zelle. Erhöhte Werte weisen auf eine hyperchrome Anämie durch Vitamin-B12- oder Folsäuremangel oder Alkoholismus hin. Niedrige Werte zeigen dagegen eine hypochrome Anämie zum Beispiel durch Eisenmangel oder eine genetische Störung der Hämoglobinsynthese an.

 

Thrombozyten

 

Die kleinsten Blutkörperchen sind die Thrombozyten oder auch Blutplättchen genannt. Wie die Erythrozyten sind sie keine Zellen im eigentlichen Sinne, weil sie keinen Zellkern enthalten und sich nicht teilen können. Sie entstehen durch Abschnürung von Megakaryozyten, speziellen Riesenzellen im Knochenmark. Blutplättchen spielen eine wichtige Rolle in der Blutgerinnung. Sie lagern sich zu Pfropfen zusammen, um verletzte Blutgefäße zu verschließen (Thrombozytenadhäsion und -aggregation), und setzen Gerinnungsfaktoren und gerinnungsfördernde Botenstoffe frei.

 

Die Zahl der Blutplättchen wird unter anderem bei unklaren Blutungen, Knochenmarkserkrankungen oder einer zytostatischen Therapie bestimmt. Gesunde weisen zwischen 140.000 bis 440.000 Blutplättchen pro Mikroliter Blut auf. Ursache für eine verringerte Thrombozytenzahl (Thrombozytopenie) können eine angeborene Bildungsstörung, Vitamin-B12- oder Folsäuremangel, Knochenmarkserkrankungen, Alkoholabusus oder eine Strahlentherapie sein. Auch manche Medikamente wie Heparin, Gold, Thiaziden, Chloramphenicol oder Zytostatika können die Zahl der Blutplättchen vermindern. Eine Überfunktion der Milz kann ebenfalls zu einer Thrombozytopenie führen, da sie den Abbau der Blutplättchen vermittelt.

 

Erhöht ist die Thrombozytenzahl dagegen bei chronischen Entzündungen, akuten Infektionen, einer Schwangerschaft oder nach Entfernung der Milz.

 

Leukozyten

 

Zahlenmäßig am schwächsten im Blut vertreten sind die Leukozyten. Diese Zellen werden auch als weiße Blutkörperchen bezeichnet, da sie keinen Blutfarbstoff besitzen und sich bei einer Färbung des Blutausstrichs nicht anfärben lassen. Sie gehören zum Immunsystem und sind dort Teil der spezifischen und unspezifischen Immunabwehr. So spielen sie eine wesentliche Rolle bei Infektionen, Entzündungen, allergischen Reaktionen und Autoimmunerkrankungen.

 

Zwischen 4000 und 10.000 Leukozyten sind normalerweise pro Mikroliter Blut enthalten. Ist die Leukozytenzahl zu niedrig, weist dies meist auf eine Virusinfektion hin. Auch einige bakterielle oder parasitäre Erkrankungen wie Typhus, Brucellose oder Malaria können die Leukozytenzahl senken. Zudem kann eine niedrige Zahl auch auf Knochenmarkserkrankungen, Bestrahlung, Zytostatikatherapie oder eine Überfunktion der Milz zurückgehen.

 

Zu hohe Leukozytenzahlen weisen auf Entzündungen wie Blinddarm- oder Lungenentzündung hin, können aber auch ein Zeichen für Leukämie sein. Beim kleinen Blutbild wird nur die Gesamtzahl der Leukozyten bestimmt. Für das Differenzialblutbild wird ein gefärbter Blutausstrich erstellt, 100 Leukozyten ausgezählt und der prozentuale Anteil der Untergruppen bestimmt. Neutrophile Granulozyten machen dabei mit 50 bis 80 Prozent die größte Gruppe aus. Als Phagozyten dienen sie der Identifizierung und Zerstörung von Mikroorganismen. Beim Beginn von Infektionen nehmen die neutrophilen Granulozyten im Blut besonders rasch zu (»neutrophile Kampfphase«). Eine erhöhte Zahl lässt somit auf bakterielle oder Pilzinfektionen schließen. Ist der Gipfel einer Infektion überwunden, steigt die Monozytenzahl (»monozytäre Überwindungsphase«). Schließlich endet die Infektion mit der »lymphozytär-eosinophilen Heilphase«, in der die Lymphozytenzahl erhöht ist.

 

Ein Differenzialblutbild ist angezeigt, wenn die Gesamtleukozytenzahl auffällig erhöht oder erniedrigt ist sowie bei Verdacht auf proliferative Bluterkrankungen.

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