| Annette Rößler |
| 15.04.2026 07:00 Uhr |
Erythrozyten sind die häufigsten Blutzellen und für den Sauerstofftransport zuständig. Ihre Bildung wird durch Epoetin alfa angeregt. / © Adobe Stock/Artem
Was ist Epoetin alfa und wie wirkt es?
Epoetin alfa ist rekombinantes humanes Erythropoetin (EPO). Das Glykoprotein-Hormon wird als Reaktion auf einen Sauerstoffmangel primär in der Niere (90 Prozent), weniger in der Leber (10 Prozent) hergestellt und regt durch selektive Stimulierung der erythroiden Vorläuferzellen im Knochenmark die Reifung und Differenzierung von roten Blutkörperchen an. Nach dem Start einer therapeutischen Gabe von Epoetin alfa beginnen die Retikulozyten (junge Erythrozyten) etwa nach sieben bis zehn Tagen anzusteigen. Anstiege des Hämoglobinwerts, der Erythrozytenzahl und des Hämatokrits sind zwischen zwei und sechs Wochen nach Beginn der Therapie zu verzeichnen.
Welche Voraussetzungen müssen für eine Therapie mit Epoetin alfa erfüllt sein?
Wozu wird Epoetin alfa eingesetzt?
Indikationen von Epoetin alfa sind die symptomatische Anämie bei chronischer Niereninsuffizienz (Kinder und Erwachsene), die Reduktion des Transfusionsbedarfs bei Erwachsenen unter einer Chemotherapie aufgrund einer Krebserkrankung, die Reduktion des Bedarfs an Fremdbluttransfusionen bei Erwachsenen vor einer geplanten großen OP, die Steigerung der autologen Blutgewinnung bei Erwachsenen im Rahmen eines Eigenblutspende-Programms und die Behandlung der symptomatischen Anämie bei Erwachsenen mit primären Niedrigrisiko-Myelodysplastischen-Syndromen (MDS). In den USA ist Epoetin alfa darüber hinaus zugelassen zur Behandlung einer Anämie im Zusammenhang mit einer HIV-Therapie mit Zidovudin (Kinder und Erwachsene).
Wie wird Epoetin alfa angewendet?
Epoetin alfa wird parenteral gegeben, bei vorhandenem Zugang bevorzugt intravenös, ansonsten subkutan. Die subkutane Injektion sollte in den Oberschenkel oder die vordere Bauchwand gegeben werden.
Wie wird Epoetin alfa dosiert?
Die Dosierung hängt von der Indikation ab und wird anhand der Blutwerte justiert. Beispielsweise soll Epoetin alfa bei Niereninsuffizienz so dosiert werden, dass bei Erwachsenen eine Hämoglobin-Zielkonzentration von 10 bis 12 g/dl (6,2 bis 7,5 mmol/l) beziehungsweise bei Kindern von 9,5 bis 11 g/dl (5,9 bis 6,8 mmol/l) erreicht wird. Bei der Anwendung vor einer geplanten Operation wird dagegen vorübergehend ein Hämoglobin-Spiegel von bis zu 15 g/dl (9,3 mmol/l) toleriert. Üblich sind eine einmal, zweimal oder dreimal wöchentliche Anwendung; wenn vor einer Operation nur wenig Zeit bleibt, kann Epoetin alfa auch an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen gegeben werden.
Welche Nebenwirkungen kann Epoetin alfa haben?
Sehr häufige unerwünsche Arzneimittelwirkungen (UAW) sind Diarrhö, Übelkeit und Erbrechen sowie Fieber. Häufig kommt es unter anderem zu Kopfschmerzen, Hypertonie, Husten, Hautausschlag, Schmerzen in Gelenken, Muskeln und Knochen sowie zu Thrombosen aller Art. Um das Thromboserisiko zu minimieren, sollte der Hämoglobin-Spiegel auf Dauer nicht über 12 g/dl (7,5 mmol/l) liegen.
Zu den möglichen schweren UAW zählen Hautreaktionen wie das Stevens-Johnson-Syndrom und die toxische epidermale Nekrolyse, deren Symptome (schmerzhafte Erosionen und Ulzerationen, Blasenbildung und Ablösung der Epidermis) die Patienten kennen sollten.
Darf Epoetin alfa in Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden?
Epoetin alfa darf in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der mögliche Nutzen gegenüber dem möglichen Risiko für den Fetus überwiegt. In der Stillzeit ist Vorsicht geboten. Es muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob das Stillen oder die Behandlung mit Epoetin alfa zu unterbrechen sind beziehungsweise ob auf die Behandlung verzichtet werden kann.
Anwendung bei Tumorpatienten
Erythropoetin-Rezeptoren können auf der Oberfläche von verschiedenen Tumorzellen vorhanden sein, weshalb Epoetin alfa deren Wachstum stimulieren kann. Die Anwendung bei Tumorpatienten sollte daher erst erfolgen, wenn Patient und Arzt den Nutzen gegen das Risiko gründlich abgewogen haben. In manchen klinischen Situationen können Bluttransfusionen das bevorzugte Management einer Anämie bei Tumorpatienten sein.
Doping im Sport
Epoetin alfa steht auf der Dopingliste. Die Anwendung ist sowohl während der Trainingszeit als auch im Wettkampf verboten. Eine missbräuchliche Anwendung von Epoetin alfa kann zu einem übermäßigen Anstieg des Hämoglobins führen und ist mit dem Risiko lebensbedrohlicher Thrombosen verbunden.