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Perspektive 2012

Vom Trend abkoppeln

02.01.2012  12:45 Uhr

Von Dr. Frank Diener / Nach einem schlechten Jahr 2011 ist für die Branche auch in diesem Jahr keine Besserung in Sicht. Nach einer Prognose der Treuhand Hannover wird das Verfügungseinkommen des Leiters einer typischen Apotheke auf rund 30 000 Euro im Jahr sinken.

2011 ist kein gutes Jahr für die Apotheken gewesen, das zeigt die aktualisierte Hochrechnung der Treuhand Hannover auf Basis der ersten drei Quartale. Die Nettoumsatzänderung liegt im Westen bei einer schwarzen und im Osten bei einer roten Null. Der Wareneinsatz verteuert sich gegenüber dem Vorjahr um 0,7 Prozentpunkte, sodass der Rohgewinn einer typischen Apotheke 2011 auf 25,2 Prozent des Nettoumsatzes gesunken ist. Nach Abzug der gestiegenen Betriebskosten in Höhe von 20,2 Prozent ergibt sich eine Umsatzrendite von nur noch 4,6 Prozent des Nettoumsatzes – im Vorjahr waren es noch 5,8 Prozent. Dies entspricht bei der typischen Apotheke einem Betriebsergebnis vor Steuern von nur noch 65 000 Euro. Im Jahr 2010 waren es noch 75 000 Euro gewesen. Nach Abzug der persönlichen Steuern sowie der Beiträge zum Versorgungswerk und zur Krankenversicherung resultiert daraus ein Verfügungsbetrag von 33 000 Euro für den Inhaber der typischen Apotheke – das sind nur noch 2,5 Prozent des Nettoumsatzes. 2010 betrug dieser Verfügungsbetrag immerhin noch 39 000 Euro beziehungsweise 3 Prozent des Nettoumsatzes.

 

Die Streuung der Betriebsergebnisse verändert sich. Sie indiziert, dass die Zahl der Betriebe in problematischen Ergebnisklassen zunimmt. Je nach Apothekentyp – seien es Einzel- oder Filial- oder Landapotheken, Apotheken in Ärztehäusern, Lauf- oder Center- oder Vorort-Randlagen oder spezialisierte Apotheken – sind derzeit mindestens ein Viertel aller Betriebe in der Problemzone, bei manchen Typen sind es bereits mehr als 40 Prozent. Die Zahl der Betriebe in unproblematischen Ergebnisklassen ist dementsprechend rückläufig. Dass die Zahl der Inhaber sich seit Anfang 2004 von 21 500 deutlich reduziert hat und Ende 2012 vermutlich nur noch wenig über 17 000 liegen wird, ist Reflex der langjährigen Ertragskompression.

 

Der Ereignisrahmen 2012

 

Mehrere Faktoren bestimmen die Rahmenbedingungen in diesem Jahr. Großen Einfluss haben dabei Gerichtsentscheide. Ob es im Prozess um die Schiedsstellenentscheidungen zum Apothekenabschlag im Jahr 2012 eine weitere gerichtliche Entscheidung geben wird, ist derzeit offen. Mit Spannung wird dagegen schon bald das seit Längerem ausstehende Urteil des Gemeinsamen Senates der Obersten Bundesgerichte zur Frage erwartet, ob ausländische Apotheken beim Versand nach Deutschland die deutsche Arzneimittelpreisverordnung beachten müssen. Dieses Urteil betrifft auch das strittige Thema »Vorteil 24«.

 

Leicht positive Signale gibt es von der Selbstverwaltungsebene. Die alljährliche KBV-GKV-Arzneimittel-Rahmenvereinbarung gemäß § 84 Absatz 7 SGB V sieht für 2012 einen um 2,4 Prozent erhöhten Verordnungsspielraum vor. Im abgelaufenen Jahr war noch mit minus 0,3 Prozent ein Rückgang vereinbart worden.

Natürlich wird auch die Politik das Jahr 2012 beeinflussen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat offenbar die feste Absicht, die Novellierung der Apothekenbetriebsordnung noch im ersten Quartal abzuschließen. Kurzfristige betriebswirtschaftliche Einflüsse sind in diesem Jahr aber nicht zu erwarten. Mittel- und längerfristige Effekte hängen wesentlich davon ab, ob das vom BMG verfolgte Konzept einer »Filiale light« Bestand hat oder verworfen wird. Eine unmittelbare betriebswirtschaftliche Relevanz hat dagegen eine »Klarstellung« im GKV-Versorgungsstrukturgesetz: Demzufolge muss den Apotheken im Direktbezug der Großhandelsfixzuschlag über 70 Cent vom Hersteller in Rechnung gestellt werden. Dadurch wird der Direktbezug für die Apotheken in vielen Fällen ökonomisch uninteressant.

 

Bleiben die Marktpartner. Hier dürften viele Apotheker bereits eine zumeist negative Entwicklung festgestellt haben Da der Wareneinsatz etwa drei Viertel des Apothekennettoumsatzes ausmacht, sind selbst relativ kleine Änderungen von hoher betriebswirtschaftlicher Relevanz für die Apotheken. Die zum 1. Januar in Kraft getretene Großhandelsvergütung bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln wird die Einkaufskonditionen der Apotheken erneut verschlechtern, also den Wareneinkauf verteuern. Es zeigt sich dabei, dass 2012 die Konditionenmodelle erheblich komplexer werden, weil weitere mengen- und umsatzbezogene Boni und Mali sowie Referenzwerte als neue Stellschrauben eingeführt werden. Die Treuhand Hannover überarbeitet ihre Werkzeuge zur Analyse der Großhandelskonditionen permanent und passt sie der Marktentwicklung an.

 

Die Kundenkaufkraft dürfte in diesem Jahr zulegen. Trotz Euro-Krise ist die reale Wirtschaftsentwicklung in Deutschland gut. Sinkende Arbeits­losenzahlen und wachsende Löhne lassen auch bei den OTC-Umsätzen für 2012 auf einen Zuwachs hoffen; jedenfalls erscheint eine Fortsetzung der positiven Entwicklung aus 2011 möglich.

 

Neben dem generellen Branchenrahmen ist die jeweilige lokale Konkurrenzsituation bedeutsam. In 2012 werden bundesweit über 400 Apotheken geschlossen und zugleich 200 neu gegründet. Je nachdem, was sich davon im lokalen Konkurrenzumfeld einer Apotheke ereignet, kann über Umsatzgewinne oder -verluste eine sehr hohe betriebswirtschaftliche Betroffenheit eintreten. Auch die Personalkosten sind immer mehr von der lokalen Konkurrenzsituation abhängig: Wenn etwa der Wettbewerb veränderte Öffnungszeiten verhindert und dadurch auch Kürzungen der Wochenarbeitszeit schwierig werden, begrenzt dies betriebswirtschaftliche Reaktionen auf der Kostenseite.

 

Perspektive 2012

 

Auf die aktuelle Treuhand-Hochrechnung für 2011 lässt sich eine Prognose für 2012 aufsetzen. Wir gehen dabei davon aus, dass die Umsatzentwicklung in einem unteren Prognosebereich bei plus 2 Prozent und in einem oberen bei plus 4 Prozent gegenüber 2011 liegen wird. Was den Wareneinsatz anbelangt, gehen wir derzeit für die typische Apotheke bezogen auf den Apothekennettoumsatz von 0,8 Prozentpunkten Verteuerung für das Gesamtjahr 2012 aus. Auch in Zukunft wird die Spreizung der Konditionen stark von der individuellen Situation abhängen.

 

Im Ergebnis zeigt die Prognose 2012, dass sowohl in dem unteren als auch dem oberen Szenario sich die Rohgewinne der typischen Apotheke verschlechtern und steigende Betriebsausgaben zu einem erneut rückläufigen Betriebsergebnis führen. In dem unteren Szenario geht das Betriebsergebnis vor Steuern von 65 000 Euro Auf 56 000 Euro zurück und liegt dann bei 4,2 Prozent des Nettoumsatzes. Im oberen Szenario liegt es dann bei 63 000 Euro und 4,6 Prozent des Nettoumsatzes. Dementsprechend sinken in beiden Szenarien die Verfügungsbeträge und zwar von 27 000 Euro beziehungsweise 2,0 Prozent vom Nettoumsatz im unteren und auf 31 000 Euro beziehungsweise 2,3 Prozent des Nettoumsatzes im oberen Szenario.

 

Die Treuhand wird diese Prognose quartalsweise auf Basis der bis dahin vorliegenden Informationen aktuali­sieren.

 

Was tun?

 

Wie kann der einzelne Apotheker angesichts dieses Ausblicks reagieren? So banal sie klingen mag, bleibt die ökonomische Grundempfehlung zeitlos: Individuelle Abkopplung vom schlechten Branchentrend! Dazu müssen im lokalen Konkurrenzumfeld Alleinstellungsmerkmale entwickelt werden. Zugleich erfordern die engeren Margen eine moderne betriebswirtschaftliche Diagnostik zur Unternehmensnavigation. Für beides braucht der Apotheker Branchenprofis an seiner Seite. /

Dr. Frank Diener

Treuhand Hannover GmbH Steuerberatungsgesellschaft

www.treuhand-hannover.de.

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