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Examensfeier Uni Mainz

Echte Zeugnisse, falsche Medikamente

07.01.2013
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Von Katrin Viertel, Mainz / Im Rahmen einer Feierstunde erhielten die Pharmazeutinnen und Pharmazeuten der Johannes-Gutenberg-Universität nach dem erfolgreich bestandenen zweiten Abschnitt der pharmazeutischen Prüfung ihre Zeugnisse.

Professor Dr. Thomas Efferth gratulierte den 30 glücklichen Absolventen im Namen des Instituts. Mit der Redewendung »Non scholae, sed vitae discimus« – Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – betonte er die Bedeutung des Zusammenhanges zwischen Lehre, Lernen und dem Leben. Schaue man jedoch in die Herkunftsquelle dieses Zitats, so entdecke man erstaunlicherweise die Inversion der häufig verwendeten Phrase: »Non vitae, sed scholae discimus« – Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir. Seneca übte mit seiner Äußerung Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit, die Bildung nur reichen Römern ermöglichte. Mit dem Untergang der Römerwelt und der Gründung erster Klosterschulen im Mittelalter habe Bildung und Lehre auch Laien erreichen können und somit eine Allgemeinbildung für alle ermöglicht. Efferth forderte die Absolventen abschließend auf: »Handeln Sie überlegt, aber niemals beliebig!« und appellierte an die Prämisse des lebenslangen Lernens.

Der Vizepräsident der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz, Pharmazierat Peter Stahl, überbrachte die Glückwünsche seiner Institution. Die »Schwelle zur praktizierenden Pharmazie« sei nun überschritten und spannende sowie anspruchsvolle Aufgaben in der Betreuung und Beratung von Patienten stünden bevor. Mit Ärzten seien »Gespräche auf Augenhöhe« nötig, in denen das erlangte medizinische Wissen angebracht und steigende Verantwortung übernommen werden müsse. Die seit einigen Monaten gültige neue Apothekenbetriebsordnung ließe viele Fragestellungen offen und bedürfe zudem eines konstruktiven Dialogs und einer kritischen Auseinandersetzung. Die zukünftigen Apothekerinnen und Apotheker stellten das Fundament ihres Berufsstandes dar. Stahl rief die Absolventen daher auf: »Bringen Sie sich als Basis ein!«

 

Dr. Michael Cramer, Referatsleiter im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz, hob die Quantität der von den Studenten während des Studiums in komprimierter Form erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten hervor und lobte die großen Perspektiven der Ausbildung. Der über 770 Jahre alte Berufsstand der Apotheker sei lange nicht so gut aufgestellt gewesen wie heute. Gerade daher müsse der Trivialisierung zum reinen Abgabeberuf, Pick-up-Stellen sowie Kettenapotheken entgegengewirkt werden. Der Beruf berge eine Menge an Ressourcen und Chancen und dürfe nicht durch Aufbaustudiengänge auf Fachhochschulniveau, wie es mit der Angewandten Pharmazie in Pirmasens forciert würde, in der Qualität abgesenkt werden. Der Hochschulabsolvent besitze höhere Qualifikationen wie sie beispielsweise für die Promotion und Industrie vonnöten seien. Umsonst sei das im Studium erlangte Wissen in der öffentlichen Apotheke jedoch auch nicht, ermutigte Cramer die Alumni, ihre Chancen zu nutzen und über den Tellerrand hinauszuschauen.

 

Sie sollten stolz auch sich und ihre erbrachten Leistung sein, beglückwünschte Dr. Michael Stein, Geschäftsführer der DPhG, die Absolventen. Die kommenden Pharmazeuten im Praktikum würden sich in Zukunft mit der Öffentlichkeit konfrontiert sehen. Die DPhG als eine der größten und ältesten wissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands leiste seit Jahren erfolgreiche PR-Arbeit und treibe das Ansehen und die Stellung der Apotheker in der öffentlichen Wahrnehmung voran, so Stein. Neben dem Vertrieb wissenschaftlicher Zeitschriften und der Planung von Tagungen und Konferenzen würde auch auf Arzneimittelfälschungen aufmerksam gemacht, leitete Stein zum Festvortrag »Arzneimittelfälschungen – wie sicher sind die Arzneimittel aus der Apotheke?« über.

 

Arzneimittel-Imitate aus dem Netz

 

Professor Dr. Ulrike Holzgrabe vom Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie des Instituts für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg begann ihre Präsentation mit dem Zitat Gandhis: »Die Erde hat genug für die Bedürfnisse eines jeden Menschen, aber nicht für seine Gier.« Sie brachte damit gleich zu Beginn eine Erklärung für die Existenz und Zunahme der weltweiten Produktpiraterie. Mit zahlreichen Beispielen verdeutlichte Holzgrabe die Tragweite und Brisanz des Themas. Rund 30 Milliarden Euro und somit etwa 7 Prozent des Welthandelsvolumens würden jährlich an gefälschten Produkten den Weltmarkt überschwemmen. Arzneimittelfälschungen seien jedoch keine neumodische Erscheinung, erklärte Holzgrabe. Es gäbe diese so lange wie die Menschheit existiere.

 

Arzneimittelfälschungen ließen sich laut WHO-Definition von 2006 in verschiedene Kategorien einteilen. Dazu gehörten das vollständige Fehlen eines Wirkstoffes, der Gebrauch eines Wirkstoffes schlechter Qualität, eine zu gering deklarierte Wirkstoffmenge, der Einsatz eines falschen Wirkstoffes oder eine fehlerhafte Umverpackung oder Beiliegen eines inkorrekten Beipackzettels. Holzgrabe führte fort, dass 30 Prozent der gefälschten Arzneimittel in Schwellenländern wie Mexiko oder Russland produziert würden und berief sich dabei auf Angaben des German Pharma Health Funds. Laut amerikanischer Zulassungsbehörde FDA und Daten der chinesischen Arzneimittelbehörde nähme die Virulenz der Arzneimittelfälschungen zu. Allein in diesem Jahr wurde bereits 2000 Fälschern das Handwerk gelegt, wobei jeder Fall ein tragischer Fall sei. Am Frankfurter Flughafen wurden im Juni 2012 zahlreiche Beschlagnahmungen durchgeführt. Bei rund einem Viertel handelte es sich dabei um Medikamente, drei Viertel davon stammten aus China. All die genannten und bekannten Zahlen seien jedoch mit Vorsicht zu genießen: »Sie sind nur die Spitze des Eisberges«, erklärte Holzgrabe.

 

Hauptsächlich gefälscht werden vor allem Anabolika, Schlankheitspillen, Haarwuchsmittel – und Viagra. Wichtig, so Holzgrabe, ist dabei aber zu betonen, dass keine dieser Fälschungen über den HV-Tisch in der Apotheke in den Umlauf gelange. Der Kauf erfolge dagegen zumeist im Internet. Laut WHO seien 10 Prozent aller im Internet erworbenen Arzneimittel gefälscht.

 

Doch nicht nur Lifestylemittel befänden sich in der Gefahr der Fälschung, erläuterte Holzgrabe. Zu den weltweit am meisten imitierten Wirkstoffen zählen Antibiotika und Chemotherapeutika wie Penicilline oder Tetracyclin, sowie schmerz- und entzündungshemmende Substanzen wie ASS, Paracetamol oder Prednisolon.

 

Arzneimittelfälschungen würden laut Holzgrabe dadurch begünstigt, dass sich durch die Globalisierung die Vertriebswege eines einzigen Präparates vervielfältigten und über die ganze Welt verteilen ließen, eine Herstellungskontrolle damit erschwere und somit das Einschleusen von gefälschten Medikamenten erleichtere. Während 1990 noch rund 80 Prozent der Arzneimittelproduktion in der EU oder den USA stattgefunden habe, läge der Hauptanteil mittlerweile in asiatischen Staaten wie China oder Indien.

Die Regierungen seien sich der Problematik zunehmend bewusst. Dieses Jahr habe eine weltweite Razzia gegen 751 Internetapotheken in 24 Ländern mit 72 Webseiten stattgefunden. Zudem wurden im Oktober 2012 4010 Internetapotheken vom Netz genommen. Unter Beachtung der zunehmenden Präsenz von gefälschten Arzneimitteln gewinne die Rolle des Apothekers an Bedeutung, schlussfolgerte Holzgrabe. Doch auch der Kunde kann seinen Teil beisteuern, um den Fälschern das Handwerk zu erschweren. So machte Holzgrabe auf die Gefährlichkeit des Kaufs von Arzneimitteln im Internet aufmerksam und empfahl abschließend: »Kaufen Sie niemals bei einer Internetapotheke ohne Impressum oder wenn diese für verschreibungspflichtige Medikamente kein Rezept anfordert!« /

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