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Dauerbelastung

Wie beeinflusst Stress den Mikronährstoff-Haushalt?

Stress kann auf Dauer krankmachen, er kann aber auch die Versorgung mit Mikronährstoffen wie Magnesium beeinflussen. Erste Erkenntnisse hierzu fasst eine aktuelle Übersichtsarbeit zusammen. 
Kerstin Pohl
17.06.2020  08:00 Uhr

Stress ist in Deutschland ein Dauerthema. Laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 fühlen sich zwischen 34 und 82 Prozent der Erwachsenen in Deutschland gestresst. Durch die psychischen Belastungen der Coronakrise wird die Situation nicht besser. Ein erhöhtes Stresslevel kann auf Dauer die Gesundheit beeinträchtigen und etwa zu Schlafstörungen, Nervosität aber auch Herz-Kreislauf-Problemen führen. Hierfür werden vor allem erhöhte Spiegel von Stresshormonen, die Hochregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und die daraus resultierende chronische Entzündung im Körper verantwortlich gemacht.

Bislang weitgehend unbeachtet sind mögliche Einflüsse von Stress auf die Versorgung mit Mikronährstoffen. Darauf weist Dr. Adrian Lopresti von der Murdoch University in Perth, Australien, in einer Übersichtsarbeit im Fachjournal »Advances in Nutrition« hin (DOI: 10.1093/advances/nmz082). Demnach gibt es Hinweise darauf, dass Stress die Mikronährstoff-Level beeinflussen und zum Teil zu einem Mangel führen könnte.

Beispiel Magnesium

Untersucht wurde zum Beispiel der Mineralstoff Magnesium. In verschiedenen Tiermodellen führten unterschiedliche Stressoren zu einer Veränderung der Magnesium-Konzentration im Serum. Diese macht aber nur 1 Prozent des im Körper vorhandenen Magnesiums aus. Zu etwa 99 Prozent ist es im Skelett und in der Muskulatur gespeichert. Als Kofaktor von fast 300 Enzymen ist Magnesium an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt und wichtig für eine optimale psychische und körperliche Funktionsfähigkeit.

Auch beim Menschen gibt es laut Lopresti ähnliche Beobachtungen wie aus den Tierstudien: So habe beispielsweise eine Untersuchung bei Universitätsstudenten in Prüfungszeiten gezeigt, dass um den Prüfungstermin herum die Menge an im Urin ausgeschiedenen Magnesium anstieg. Diese Zunahme habe positiv mit der Zunahme des Angstgefühls korreliert, aber nicht mit dem Stresslevel. Andere Untersuchungen wiesen darauf hin, dass sowohl akuter als auch chronischer Stress mit einer geringen Blut-Magnesium-Konzentration und zunehmender Ausscheidung über den Urin assoziiert sind.

Um Defizite zu vermeiden, sollte Magnesium generell täglich in ausreichender Menge mit der Nahrung aufgenommen werden. Laut Angaben den Deutschen Gesellschaft für Ernährung sind dies 300 mg pro Tag für Frauen und 350 mg pro Tag für Männer. Jugendliche über 15 Jahren und junge Erwachsene unter 25 Jahren sowie Stillende haben einen etwas erhöhten Bedarf. Wenn diese Aufnahme nicht möglich ist, kann gegebenenfalls substituiert werden. Dabei ist jedoch die Löslichkeit von Salzverbindungen, ob organisch oder anorganisch, zu beachten, die in direktem Zusammenhang zur Bioverfügbarkeit des Mineralstoffes steht.

Ebenfalls zu beachten ist die Physiologie des Magnesium-Spiegels. Ist dieser niedrig, wird mehr Magnesium resorbiert. Ist der Spiegel hoch genug, sinkt die Resorption. Deshalb ist es günstig, Magnesium in mehreren Portionen über den Tag verteilt zu nehmen oder eine Depotformulierung zu wählen, die den Mineralstoff über mehrere Stunden verteilt freisetzt.

Weitere Mikronährstoffe

Zu Magnesium-Konzentrationen bei Stress liegen die meisten Publikationen vor, heißt es in dem Review-Artikel. Aber auch bei anderen Mikronährstoffen gebe es Hinweise darauf, dass psychologischer oder physischer Stress die Konzentrationen beeinflussen kann. Dies gelte zum Beispiel für Zink, Calcium, Eisen und Niacin, das zu den B-Vitaminen gehört. Bislang sei dieses Thema aber noch nicht gut erforscht, sodass keine abschließenden Aussagen getroffen werden könnten.

Dennoch sei ein Zusammenhang zwischen Stress, dem Absinken von Magnesium- und Zink-Konzentrationen und einer möglichen Verstärkung von depressiven Symptomen plausibel, heißt es in dem Review. So hätten Patienten mit Depressionen Studien zufolge niedrige Magnesium- und Zink-Spiegel und eine Supplementation mit den Substanzen könne antidepressiv und stressmindernd wirken. Bislang noch nicht ausreichend untersucht sei der Einfluss von Stress auf den Mikronährstoff-Haushalt in verschiedenen Populationen, die Nachhaltigkeit der Veränderungen und inwieweit sich diese auf den Organismus auswirken, schreibt Lopresti.

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