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Hyperhidrose
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Wenn Schwitzen zur Belastung wird

Kann der Körper nicht schwitzen, ist er akut gefährdet. Dagegen ist übermäßiger Schweißfluss belastend und unangenehm. Neben der physiologisch wichtigen Thermoregulation können Stoffwechselstörungen, Arzneimittelnebenwirkungen oder Erkrankungen Ursache einer Hyperhidrose sein. Da ist guter Apothekerrat gefragt.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 25.07.2021  08:00 Uhr

Deodoranzien oder Antitranspiranzien?

Deodoranzien sind Körperpflegemittel, die unangenehmen Körpergeruch verringern. Sie enthalten vor allem Duftstoffe sowie Substanzen mit antibakterieller Wirkung. Dagegen sollen Antitranspiranzien dafür sorgen, dass der Schweiß erst gar nicht fließt (Tabelle 3).

Schweißbildung mögliche Ursache Behandlung
Handschweiß (Hyperhidrosis palmaris) Arthritis, Schilddrüsenüberfunktion, Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Diabetes, Stress, psychische Erkrankungen Antitranspiranzien in Cremeform, Iontophorese,
Botulinumtoxin,
Operation
Achselschweiß (Hyperhidrosis axillaris) körperliche Anstrengung, Thermoregulation, hormonelle Schwankungen, Übergewicht, Arzneimittelnebenwirkung Antitranspiranzien, Schweißshirt, Iontophorese,
Botulinumtoxin, Operation
Kopfschweiß (Hyperhidrosis facialis) primäre Hyperhidrose, Wechseljahre, ungesunder Lebensstil, Übergewicht Botulinumtoxin, Anticholinergika
Fußschweiß (Hyperhidrosis plantaris) luftundurchlässiges Schuhwerk und Synthetikstrümpfe, Veranlagung,
alle Ursachen einer primären oder sekundären Hyperhidrose
Fußbäder mit Gerbstoffen (Phenol-Methanal-Harnstoff-Polykondensat, sulfoniert, Natriumsalz), Schuhwerk aus luftdurchlässigem Material regelmäßig desinfizieren und täglich wechseln, Baumwollsocken, schweißbindende Einlegesohlen,
Antitranspiranzien in Cremeform, Iontophorese, Botulinumtoxin, Operation
Schwitzen am Rumpf (Hyperhidrosis truncalis) sportliche Anstrengung, ungeeignete Kleidung, Stress, Infektionen, Grunderkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenüberfunktion, Herz-Kreislauf-Erkrankungen Antitranspiranzien, Iontophorese, Anticholinergika
Schwitzen im Intimbereich Übergewicht, primäre Hyperhidrose Intimpflege ohne Aluminiumchlorid
Tabelle 3: Ursachen und Behandlung fokaler Hyperhidrose

Aluminiumsalze wie Aluminiumchlorid-Hexahydrat oder -acetat sind Mittel der Wahl. Sie verringern die Schweißbildung, indem sie in den Gängen der ekkrinen Schweißdrüsen einen Komplex mit Mucopolysacchariden bilden, der die Ausführungsgänge abdichtet. Das Apothekenpersonal sollte darauf hinweisen, dass die Wirkung verzögert eintritt und die Anwendung am Abend wegen der besseren Haftung sinnvoll ist. Die morgendliche Reinigung der Haut reduziert Überempfindlichkeitsreaktionen. Bei einsetzender Wirkung kann die Häufigkeit der Anwendung schrittweise reduziert werden. Nächtliches Tragen von Handschuhen oder Strümpfen intensiviert die Therapie an Handflächen und Fußsohlen.

Das Neue Rezeptur-Formularium enthält die Rezeptur »Hydrophiles Aluminiumchlorid-Hexahydrat-Gel 15 %/20 %« (NRF 11.24.). Rezepturbestandteile sind der Wirkstoff Aluminiumchlorid-Hexahydrat (Ph. Eur.), der Gelbildner Hydroxyethylcellulose 250 und Gereinigtes Wasser. Frei verkäufliche Antitranspiranzien mit 1- bis 2-prozentiger Konzentration der Aluminiumsalze werden mehrmals täglich angewandt.

Seit einigen Jahren wird kontrovers diskutiert, ob Aluminiumsalze in Kosmetikprodukten das Risiko für Brustkrebs oder Morbus Alzheimer erhöhen. Dies ist durch keine Studien erhärtet und wird intensiv erforscht.

Aluminium ist ein sehr häufiges Element, das täglich über die Nahrung (Getreideprodukte, Tee), sogar über die Luft aufgenommen wird. Aus Aluminium-haltiger Verpackung gerät die Substanz zusätzlich in die Nahrung, wenn diese salz- oder säurehaltig ist. Sehr hohe Dosen von Aluminium führen zur Vergiftung mit Schädigung von Knochen und Gehirn. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) empfiehlt einen Höchstwert von 1 mg/kg Körpergewicht und Woche. Das BfR riet in einer Stellungnahme vom November 2019, die Aufnahme von Aluminium möglichst gering zu halten und Aluminium-haltige Antitranspiranzien vor allem bei gestörter Hautbarriere (lokale Hauterkrankung, frische Rasur der Achselhöhle) zu vermeiden.

Seit März 2020 gibt es eine neue Stellungnahme des Wissenschaftlichen Ausschusses für Verbrauchersicherheit der EU (SCCS) mit der Bewertung aktueller Studien (Ergebnisse bei Al-Konzentrationen von bis zu 10,6 Prozent in Sprüh-Antitranspiranzien und bis zu 6,25 Prozent in anderen Antitranspiranzien). Im Vergleich zur Aufnahme von Aluminium über die Nahrung seien die Mengen, die durch Antitranspiranzien in den Körper gelangen, vernachlässigbar. Der SCCS schreibt, dass »die große Mehrheit der angewandten Dosis außerhalb des Körpers bleibt«. Da die Aluminiumsalze Reizungen und Trockenheit der Haut verursachen können, ist es ratsam, diese Produkte nicht täglich, sondern nach Bedarf anzuwenden.

Besser verträglich, aber schwächer wirksam sind natürliche und synthetische Gerbstoffe (Phenol-Methanal-Harnstoff-Polykondensat, sulfoniert, Natriumsalz) mit adstringierenden Eigenschaften als Sitzbad oder Creme. Methenamin trocknet übermäßige Schweißbildung durch Freisetzung von Formaldehyd. Überempfindlichkeitsreaktionen, Kontaktekzem und lokale Reizungen sind jedoch möglich.

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