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Polyneuropathien
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Wenn Arzneimittel Nerven schädigen

Einige Medikamente schädigen die Nerven – oft schleichend, teilweise irreversibel. Die oft unterschätzte Nebenwirkung kann die Lebensqualität der Patienten stark einschränken.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 06.07.2025  08:00 Uhr

Kaum ein anderes neurologisches Krankheitsbild ist so vielgestaltig wie die Polyneuropathie (PNP). Gelegentlich auch als »periphere Polyneuropathie« oder einfach nur »periphere Neuropathie« bezeichnet, umfasst sie zahlreiche Ätiologien, Verlaufsformen und Symptome. Eine Untergruppe sind die durch Arzneimittel induzierten Polyneuropathien, die durch ganz unterschiedliche Substanzklassen verursacht werden können.

Polyneuropathien sind grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, dass im Gegensatz zur Mononeuropathie, bei der nur ein einzelner Nerv betroffen ist, mehrere Nerven an verschiedenen Stellen des Körpers gleichzeitig geschädigt sind. Periphere Nerven liegen außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Es werden motorische, sensible und autonome Nerven unterschieden (1–3).

Eine Polyneuropathie kann sich sehr unterschiedlich äußern, je nachdem, welche Nervenfasern betroffen sind. Typische Beschwerden sind brennende oder stechende Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche und ein gestörtes Temperatur- und Schmerzempfinden. Diese Symptome erschweren alltägliche Tätigkeiten und erhöhen das Sturzrisiko. Oft sind die Beschwerden nachts besonders stark.

Da Verletzungen oder Verbrennungen durch die gestörte Wahrnehmung unbemerkt bleiben können, steigt das Infektionsrisiko, vor allem an schlecht durchbluteten Körperstellen wie Füßen und Unterschenkeln. Ist das autonome Nervensystem betroffen, können auch Verdauung, Kreislauf oder Blase aus dem Takt geraten.

Die vielfältigen und unspezifischen Symptome können an andere Erkrankungen wie Fibromyalgie oder Multiple Sklerose erinnern, sodass eine sorgfältige Differenzialdiagnose wichtig ist (1, 4).

Nervenschädigung als Nebenwirkung

Arzneimittel-induzierte Polyneuropathien (drug-induced polyneuropathy, DIPN) treten besonders häufig unter bestimmten Chemotherapeutika auf, können aber auch durch einige Antiinfektiva, kardiovaskuläre Medikamente oder Immunsuppressiva ausgelöst werden. Bei der Diagnose schließt der Arzt andere Ursachen für die Nervenschäden wie Diabetes, Alkoholkonsum, Mangel an bestimmten Vitaminen oder Immunerkrankungen aus. Zu bedenken ist, dass sich verschiedene Ursachen überlagern können – gerade bei multimorbiden Patienten.

Wie häufig die Nebenwirkung bei einzelnen Arzneistoffen auftritt, variiert. Einige Chemotherapeutika wie Cisplatin, Taxane oder Bortezomib sind zum Beispiel häufig mit neuro-pathischen Nebenwirkungen assoziiert, während andere Wirkstoffe wie Statine zwar selten neuropathische Beschwerden verursachen, aber deutlich häufiger verordnet werden (Tabelle 1).

Medikamentenklasse Beispiele
Antiinfektiva Chinolone, Chloroquin, Dapson, Ethambutol, Isoniazid, Linezolid, Metronidazol, Nitrofurantoin
antivirale Therapie Nukleosidanaloga
Antirheumatika und Immunsuppressiva Chloroquin, Ciclosporin, Tacrolimus, TNF-α-Inhibitoren
zielgerichtete Krebstherapien BRAF-/MEK-Inhibitoren, Immun-Checkpoint-Inhibitoren
Chemotherapeutika Bortezomib, Platin (Oxaliplatin, Cisplatin, Carboplatin), Taxane (Paclitaxel, Docetaxel), Vinca-Alkaloide (Vincristin, Vinblastin, Vinorelbin)
kardiovaskuläre Medikamente Amiodaron, Propafenon, Statine
sonstige Wirkstoffe Lithium, Phenytoin, Überdosierung von Pyridoxin (Vitamin B6), Thalidomid
Umweltgifte Acrylamid, Arsen, Blei, Diethylenglykol, Organophosphat-Verbindungen, Quecksilber, Schwefelkohlenstoff, Thallium
Tabelle 1: Arzneistoffe mit neuropathischem Potenzial (1, 2)

Das Risiko für eine Polyneuropathie steigt bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren wie bestehender Polyneuropathie, Diabetes mellitus oder genetisch bedingter Prädisposition (3). Die Symptome treten in der Regel verzögert nach Wochen bis Monaten auf, da die Nebenwirkung dosisabhängig ist und eine Akkumulation der neurotoxisch wirkenden Arzneistoffe im Blut voraussetzt.

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