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Covid-19

Welche Vorerkrankungen sind ein Risiko?

Ältere und Menschen mit chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe von Covid-19. Doch das gilt nicht für alle Vorerkrankungen. Hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig.
Christina Hohmann-Jeddi
dpa
06.06.2020  12:20 Uhr

Bei 80 Prozent der infizierten Menschen verläuft eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 glimpflich. Sie entwickeln keine oder nur milde Symptome wie trockenen Husten und Fieber. Doch etwa 20 Prozent der Infizierten entwickeln Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge so schwere Verläufe, dass sie hospitalisiert werden müssen. Was sind die Risikofaktoren? Laut RKI zählt neben einem höheren Alter eine Reihe von chronischen Erkrankungen dazu. Fachgesellschaften plädieren dafür, genauer zu differenzieren.

ALTER: Bekannt ist, dass das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ab einem Alter von etwa 40 Jahren leicht und ab 50 bis 60 Jahren merklich ansteigt. Fast neun von zehn an Covid-19 gestorbenen Patienten (86 Prozent) waren laut RKI 70 Jahre oder älter. Wegen des weniger gut reagierenden Immunsystems können ältere Menschen nach einer Infektion schwer erkranken. Ein noch höheres Risiko sehen Experten, wenn neben einem hohen Alter auch Vorerkrankungen vorliegen.

LUNGENERKRANKUNGEN: Covid-19 galt anfangs vor allem als Lungenerkrankung, weshalb Patienten mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen als besonders gefährdet angesehen wurden. Das trifft aber nicht auf alle Erkrankungen zu, schrieb die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie Ende April in einer Stellungnahme. Demnach haben etwa gut therapierte Asthmapatienten kein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe und auch die Therapie mit inhalativen Steroiden stellt wohl keine Gefahr dar. Anders ist die Situation bei Menschen mit der chronischen obstruktiven Lungenkrankheit (COPD), interstitiellen Lungenerkrankungen inklusive Lungenfibrosen und Lungentumoren. Bei ihnen gebe es Hinweise, dass sie ein Risiko für schwere Covid-19-Verläufe darstellen. Für Mukoviszidose könne noch keine solide Einschätzung getroffen werden. Zigarettenrauchen wird ebenfalls vom RKI als Risikofaktor aufgeführt – auch wenn die Datenlage dazu laut dem Institut noch »schwach« ist. Die DGP empfiehlt dennoch dringend, das Zigaretterauchen zu beenden.

HERZ-KREISLAUF-ERKRANKUNGEN: Patienten mit Vorerkrankungen am Herzen wie eine koronare Herzerkrankung oder Vorhofflimmern werden eindeutig der Risikogruppe für schwere Krankheitsverläufe zugeordnet. Eine Infektion mit einem Virus stelle für das Herz eine zusätzliche Belastung dar und könne zur Überforderung führen, warnt das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung. Zudem ist bekannt, dass das Coronavirus Thrombosen, Herzmuskelentzündungen und Herzrhythmusstörungen auslösen kann, was das Herz-Kreislauf-System zusätzlich beeinträchtigt.

BLUTHOCHDRUCK: In der RKI-Liste findet sich auch Hypertonie als Risikofaktor. Einer großen Datenbasis aus den USA zufolge, die mehr als 24.000 Covid-19-Todesfälle in New York umfasst, ist die Hypertonie sogar mit 53 Prozent die am häufigsten vertretene Vorerkrankung überhaupt. Diese Häufung ist nicht verwunderlich, da Bluthochdruck in der Bevölkerung und vor allem bei älteren Menschen oft auftritt.

Eine aktuelle Analyse zeigt jedoch, dass Hypertoniker tatsächlich ein erhöhtes Sterberisiko haben: In der retrospektiven Beobachtungsstudie von chinesischen Forschern um Chao Gao mit 2877 hospitalisierten Covid-19-Patienten aus Wuhan hatten Hypertoniker eine doppelt so hohe Mortalität wie Patienten ohne Bluthochdruck (»European Heart Journal«, DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa433). Außerdem hatten hypertone Covid-19-Patienten ohne antihypertensive Therapie ein deutlich erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu Patienten unter einer Bluthochdruck-Therapie (7,9 versus 3,2 Prozent). Bei der Behandlung machte es der Untersuchung zufolge keinen Unterschied, ob die Patienten ACE-Hemmer oder andere Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) erhalten hatten.

ÜBERGEWICHT: Dieser Faktor rückt zunehmend ins Blickfeld. Eine ganze Reihe von Studien zeigt, dass eine Adipositas den Verlauf von Covid-19 verkomplizieren kann. So weist zum Beispiel  eine Untersuchung aus Frankreich einen Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index (BMI) und der Covid-19-Komplikationsrate nach. »Daraus geht klar hervor: Je höher der BMI ist, desto häufiger treten schwere Covid-19-Verläufe auf und desto häufiger sind Patienten auch gestorben«, erklärt Professor Dr. Jens Aberle, Endokrinologe am Hamburger Universitätsklinikum, gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Eine Theorie ist, dass das Immunsystem durch das Fettgewebe chronisch aktiviert ist und darüber zu dem bei einigen Covid-19-Patienten beobachteten Zytokinsturm beiträgt.

DIABETES: »Es sind bislang zu wenige Zusammenhänge mit Diabetes bekannt, um das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung abschließend bewerten zu können«, sagt der Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Professor Dr. Baptist Gallwitz. Statt Diabetes-Patienten pauschal als Risikogruppe einzustufen, plädiert der Tübinger Mediziner dafür, nach Alter und Vorerkrankungen zu differenzieren. Ältere Patienten mit Typ-2-Diabetes wiesen oft auch weitere Risikofaktoren auf. »Das sind sicher Patienten, die bei einer Coronavirus-Infektion ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben.« Bei einem gut eingestellten Typ-1-Diabetes sei dagegen kein erhöhtes Risiko auszumachen. »Das Gleiche gilt auch für jüngere Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne eine weitere Begleiterkrankung«, betont Gallwitz gegenüber dpa.

Eine aktuelle französische Untersuchung zeigt das hohe Sterberisiko bei Diabetikern mit Covid-19. Von 1317 Patienten mit Diabetes, die wegen Covid-19 in ein Krankenhaus kamen, mussten 31,1 Prozent innerhalb von sieben Tagen auf die Intensivstation verlegt werden, 20,3 Prozent wurden beatmungspflichtig und 10,6 Prozent starben innerhalb dieses Zeitraums (»Diabetologica«, DOI: 0.1007/s00125-020-05180-x). Dabei war den Forschern zufolge ein erhöhtes Sterberisiko mit einem erhöhten BMI und schon vorliegenden Spätkomplikationen assoziiert, aber nicht mit einer schlechten Blutzuckereinstellung. Auch die Medikation scheint das Risiko nicht zu beeinflussen. 

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