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Impfkampagne

Was tun mit zu viel Covid-19-Impfstoff?

Zu Beginn der Coronavirus-Impfkampagne war Covid-19-Impfstoff in Deutschland knappes Gut. Jetzt ist genug davon vorhanden, so dass jeder, der sich impfen lassen will, es auch zeitnah tun kann. Doch die Nachfrage stockt und offenbar sind die Lagerbestände inzwischen so groß, dass es Retouren gibt. Zudem verfallen Ende Juli die ersten Impfstoffe. Derweil hat Deutschland noch keine einzige Impfstoff-Dosis an Drittstaaten weitergegeben.
dpa
Charlotte Kurz
30.07.2021  10:45 Uhr

Covid-19-Impfstoff war bis vor kurzem noch heiß begehrt. Ende Dezember 2020 startete die Impfkampagne zunächst in Alten- und Pflegeheimen. Danach waren Zug um Zug zunächst ältere Personen und Risikogruppen an der Reihe. Viele mussten monatelang auf einen Impftermin warten. Doch in den vergangenen Wochen hat sich das Blatt gewendet – immer mehr Impfstoff-Dosen wurden nach Deutschland geliefert. Die Impfzentren leeren sich zusehends, in vielen Arztpraxen wird nur noch wenig geimpft. Vor dem Hintergrund dieser nachlassenden Impfnachfrage geben nun erste Bundesländer ungenutzte Impfdosen an den Bund zurück.

So wollen Hamburg und Berlin Zehntausende Impfdosen zurückführen. Andere Bundesländer prüfen noch oder aber beabsichtigen dies derzeit nicht. In einem Schreiben, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, hatte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) den Ländern die Möglichkeit eröffnet, »Impfstoffdosen, die in der nationalen Impfkampagne nicht mehr zum Einsatz kommen und deren Lagerhaltung eine Weitergabe an Drittstaaten im Rahmen von Spenden zulassen«, an das zentrale Lager des Bundes zurückzugeben.

Derzeit befinden sich an den zentralen Stellen des Bundes rund 0,7 Millionen Dosen Spikevax® von Moderna, 3,7 Millionen Dosen Vaxzevria® von Astra-Zeneca und 0,3 Millionen Dosen von Janssen (Johnson & Johnson), informierte ein BMG-Sprecher auf Nachfrage der PZ. Allerdings seien die Impfstoff-Lieferungen für diese Woche hierbei noch nicht berücksichtigt. Und: Diese Bestände werden mit den geplanten Rückführungen wohl bald anwachsen.

Die Impfstoffe, die an den Bund zurückgehen, sollten laut dpa-Meldung noch mindestens zwei Monate haltbar sein. Impfstoff aus Arztpraxen sowie von Betriebsärzten soll nicht an den Bund zurückgeführt werden. Als erstes sollen Covid-19-Vakzine von Astra-Zeneca und Janssen an den Bund zurückgehen, die in Verteilzentren gelagert und diese seit Lieferung durch den Bund nicht verlassen haben. »Nur so kann die pharmazeutische Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Covid-19-Impfstoffe unter Einhaltung der erforderlichen Lagerungs- und Transportbedingungen sichergestellt werden«, heißt es in dem Schreiben.

Viele Bundesländer geben Tausende Impfstoffe zurück

»Hamburg wird von dieser Möglichkeit Gebrauch machen«, sagte der Sprecher der dortigen Gesundheitsbehörde, Martin Helfrich, der dpa. Es gehe um einen Lagerbestand von rund 6000 Fläschchen mit rund 60.000 Dosen des Impfstoffs von Astra-Zeneca. »Dieser Impfstoff ist noch mindestens drei Monate haltbar.« Auch beim Vakzin von Janssen gebe es einen Lagerbestand. »Hiervon haben wir gegenwärtig etwa 24.000 Dosen vorrätig.« Das Mittel werde aber bei den mobilen Impfaktionen – etwa in Jobcentern – eingesetzt.

Berlin will bis zu 62.400 Impfdosen an den Bund zurückgeben, hieß es aus der Gesundheitsverwaltung. Demnach handelt es sich um den aktuellen Lagerbestand des Vakzins von Astra-Zeneca, der noch mehrere Monate haltbar ist. Auch Niedersachsen hält Impfstoffretouren an den Bund für wahrscheinlich. Es sei aber noch nicht absehbar, wie viele Impfdosen zurückgegeben werden, sagte eine Sprecher des Gesundheitsministeriums der dpa in Hannover. Dass es sich dabei vor allem um Dosen des Vakzins von Astra-Zeneca gehe, liege nahe.

In Rheinland-Pfalz ist eine Rückgabe von Impfdosen im Moment noch kein Thema. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Mainz sagte der dpa: »Derzeit erreichen wir voraussichtlich nahezu eine Vollverwertung des angelieferten Impfstoffs vor Ablaufdatum.« Sollte dies künftig nicht mehr gewährleistet sein – dies beträfe voraussichtlich erst im Oktober Chargen von Astra-Zeneca -, könnte sich Rheinland-Pfalz vorstellen, das Angebot des Bundes zur Rückgabe anzunehmen.

Die Gesundheitsministerien in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein prüfen Sprechern zufolge noch eine Rückgabe von Impfdosen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Baden-Württemberg teilte mit, dass das Land rund 4000 Dosen Astra-Zeneca zurückgeben wolle, bei denen allerdings das Verfallsdatum mit Ende Juli angegeben sei.

Was passiert mit abgelaufenen Impfstoffen?

Die drei Impfstoffe Comirnaty® von Biontech/Pfizer, Spikevax und Vaxzevria haben eine Haltbarkeit gemäß Zulassung von 6 bis 7 Monaten, erklärte das BMG. »Entsprechend ist damit zu rechnen, dass bis Oktober beziehungsweise November 2021 das Verfallsdatum von ausgelieferten Impfstoffchargen erreicht wird. Diese Impfdosen sind für bilaterale Abgaben vorgesehen.« Allerdings sagte der BMG-Sprecher gegenüber der PZ auch, dass einige Bundesländer darauf hingewiesen hätten, »dass einige in der Versorgung vorhandene Impfdosen bei Impfzentren – vor allem Vaxzevria – teils früher ablaufen«. Der Impfstoff von Janssen ist unkritisch: Dieser sei bei einer Lagertemperatur von -15 bis -25 Grad Celsius 2 Jahre lang haltbar.

Auf Nachfrage der PZ, was mit Impfstoffen geschehe, die verfallen, erklärte das BMG:  »Eine Anwendung bzw. Weitergabe von Covid-19-Impfstoffen nach dem Verfallsdatum an Drittstaaten ist aufgrund der derzeitigen ausreichenden Verfügbarkeit haltbarer Produkte und vor dem Hintergrund fehlender Daten, die eine ausreichende Wirksamkeit über die genehmigte Haltbarkeit hinaus belegen, nicht angezeigt. Covid-19-Impfstoffe sollen nach Ablauf des Verfalldatums fachgerecht entsorgt werden.«

Damit ist klar: In den kommenden Tagen werden wohl Tausende Covid-19-Impfstoffe vernichtet werden müssen. Auch für mögliche erste Auffrischimpfungen können die Dosen nicht verwendet werden, hier fehlt derzeit noch die Empfehlung der zuständigen Ständigen Impfkommission (STIKO). Denn: »Es gibt noch kein immunologisches Korrelat für einen Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion oder schwerem Covid-19, und ein Schwellenwert für einen Schutz ist nicht bekannt. Über die Erforderlichkeit von Auffrischungsimpfungen in bestimmten Personengruppen und einem geeigneten Zeitpunkt wird auch vor diesem Hintergrund noch beraten«, sagte das BMG der PZ.

Angesichts der vorherrschenden Impfstoff-Knappheit in vielen Ländern bleibt es unklar, wie es zu der baldigen Vernichtung kommen konnte. Zwar hat Deutschland bereits zugesagt, bis Ende des Jahres 30 Millionen Covid-19-Impfstoff-Dosen an andere Länder abzugeben. Hierfür sind laut BMG zunächst die Impfstoffe von Astra-Zeneca und Janssen vorgesehen. Allerdings erklärte das Ministerium auf PZ-Nachfrage auch, dass bislang noch keine Impfstoffe an Drittstaaten abgegeben wurden. Es werde aber »mit Hochdruck« daran gearbeitet, in Deutschland nicht mehr benötigte Impfstoffe Drittstaaten mit erhöhtem Bedarf rasch zukommen zu lassen, so das BMG.

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