Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

mRNA-Therapeutika 2.0
-
Was mit mRNA-Technologie alles möglich ist

Impfstoffe auf mRNA-Basis haben in der Pandemie vielen Menschen das Leben gerettet. Doch das war erst der Anfang: Die mRNA-Technologie wird künftig verschiedene neue Therapieansätze ermöglichen. Welches Potenzial steckt in der Technologie und welche Hürden müssen noch überwunden werden?
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 03.07.2026  16:20 Uhr

Entwicklung von Krebsvakzinen

Besonders dynamisch entwickelt sich das Feld personalisierter Krebsvakzinen. Hierfür wird zunächst das Genom des Tumors sequenziert,  individuelle Neoantigene identifiziert und auf diese abgestimmt innerhalb kurzer Zeit ein patientenspezifischer mRNA-Impfstoff hergestellt. Die bislang überzeugendsten klinischen Ergebnisse liegen für das Melanom vor: In Kombination mit Pembrolizumab reduzierte der Impfstoff Intismeran autogen das Rezidivrisiko über fünf Jahre um fast 50 Prozent.

Auch beim Pankreaskarzinom konnten langfristige tumorspezifische T-Zell-Antworten induziert werden. Damit entwickelt sich mRNA zunehmend zu einer Plattform für individualisierte Immuntherapien, deren entscheidender Vorteil in der schnellen Herstellung hochkomplexer, patientenspezifischer Impfstoffe liegt.

mRNA-Technologie zur Genomeditierung

Eine besonders weitreichende Perspektive eröffnet die Verbindung von mRNA mit Genome-Editing. Da Cas9 oder Base-Editoren nur kurzfristig exprimiert werden müssen, eignet sich mRNA hervorragend als temporärer Träger für CRISPR-Systeme. Die Genschere kann also über mRNA kurzfristig eingesetzt werden.

Klinisch am weitesten fortgeschritten ist NTLA-2001 zur Behandlung der Transthyretin-Amyloidose, bei der das krankheitsverursachende Gen in Hepatozyten dauerhaft ausgeschaltet wird. Auch Base-Editing-Anwendungen gegen familiäre Hypercholesterolämie oder seltene Stoffwechselerkrankungen befinden sich bereits in klinischer Entwicklung.

Besonders spektakulär war die kürzlich berichtete individualisierte CRISPR-Therapie eines Neugeborenen mit CPS1-Mangel, bei der innerhalb weniger Monate ein patientenspezifischer Base-Editor entwickelt und erfolgreich eingesetzt wurde – ein eindrucksvoller Beleg für die Geschwindigkeit und Flexibilität dieser Plattform. Das Kind erhielt einen Editierkomplex bestehend aus einer Leit-RNA und einer mRNA für das Cas-Enzym in LNP verpackt, um seine individuelle Mutation im CPS1-Gen zu korrigieren. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass Off-Target-Effekte, LNP-Toxizität und präzise Gewebeadressierung weiterhin bedacht werden müssen.

Darüber hinaus beginnt sich eine neue Klasse immunologischer Anwendungen zu etablieren. Hier werden Immunzellen entweder ex vivo oder künftig direkt im Körper mittels mRNA umprogrammiert. So können T-Zellen vorübergehend einen CA-Rezeptor exprimieren, wodurch CAR-T-Zellen ohne die Risiken permanenter Genintegration entstehen. Besonders interessant erscheinen neu entwickelte, ligandenkonjugierte LNP, die gezielt T-Zellen oder andere Immunzellpopulationen ansteuern und damit langfristig die Herstellung individueller Zelltherapien erheblich vereinfachen könnten. Noch befinden sich diese Ansätze überwiegend im präklinischen Stadium, sie markieren jedoch eine mögliche Konvergenz von Zelltherapie, Gentherapie und mRNA-Technologie.

Für die Zukunft sehen die Autoren den entscheidenden Innovationsschub weniger in weiteren Verbesserungen der mRNA selbst als vielmehr in der Entwicklung intelligenter Transportsysteme. Organselektive Lipidnanopartikel, inhalative Applikationen für Lungenerkrankungen, oral verfügbare mRNA-Formulierungen sowie KI-gestützte Entwicklung neuer Lipidformulierungen könnten weitere Durchbrüche ermöglichen.

Ebenso gewinnen selbstamplifizierende und zirkuläre RNA-Moleküle an Bedeutung, da sie die Expressionsdauer verlängern und die notwendige Dosierung reduzieren könnten. Erst wenn diese Technologien zusammengeführt werden, dürfte sich das volle therapeutische Potenzial der mRNA-Plattform entfalten.

Die Autoren ziehen daher eine Parallele zur Entwicklung des Smartphones: Nicht die Hardware allein machte deren Erfolg aus, sondern die intelligente Bereitstellung der Anwendungen. Für die mRNA-Technologie dürfte künftig weniger die Sequenz selbst als vielmehr ihre präzise und zielgerichtete Zustellung über den klinischen Erfolg entscheiden.

Mehr von Avoxa