Neue Ansätze zielen unter anderem darauf ab, molekulare Veränderungen im Gehirn noch vor dem Einsetzen klinischer Symptome zu erfassen. / © Getty Images/Westend61
In Deutschland leben derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit Demenz. Diese Zahl könnte aufgrund des demografischen Wandels bis 2050 auf etwa 2,3 bis 2,7 Millionen ansteigen. Demenzerkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit sind durch einen fortschreitenden Verlust von Nervenzellen und deren Funktionen gekennzeichnet. Sie sind bislang trotz erheblicher Fortschritte in Forschung, Diagnostik und Therapie nicht heilbar. Die derzeit verfügbaren Therapien beschränken sich weitgehend auf die symptomatische Behandlung mit Acetylcholinesterase-Hemmern oder dem NMDA-Rezeptorantagonisten Memantin.
Mit den Anti-Amyloid-Antikörpern Lecanemab (Leqembi®) und Donanemab (Kisunla®) sind zudem erstmals krankheitsmodifizierende Therapieoptionen verfügbar, die den kognitiven Verfall zumindest abbremsen können. Allerdings ist der therapeutische Nutzen dieser Antikörper umstritten und die Anwendung kommt nur bei einer sehr begrenzten Patientengruppe in der Frühphase der Erkrankung infrage. Auch Antikörper-Strategien, die sich gegen die Tau-Pathologie bei Alzheimer-Demenz richten, kommen dem Ziel Heilung bislang nicht näher. Damit rücken verstärkt Präventions- und Interventionsstrategien bereits vor einem ausgeprägten kognitiven Funktionsverlust in den Mittelpunkt.
Der größte Risikofaktor für eine Demenzerkrankung ist das Alter. Darüber hinaus gibt es 14 modifizierbare Risikofaktoren, die in verschiedenen Lebensphasen das Risiko einer Demenzentwicklung beeinflussen können (Abbildung 1). Prävention sollte demnach früh ansetzen und ein Leben lang erfolgen.
Neue Forschungsansätze richten sich gezielt gegen immunologische, genetische und metabolische Prozesse, die bereits Jahre vor der klinischen Manifestation einer Demenz einsetzen. Dazu zählen Impfungen, Interventionen am Apolipoprotein E, Ansätze zur Modulation des glymphatischen und metabolischen Systems sowie niedrig dosierte Lithiumsalze (Tabelle 1).
Abbildung 1: Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz über den Lebensverlauf mit den kalkulierten Anteilen der Demenzfälle, die durch entsprechend gezielte Prävention verhindert werden könnten (modifiziert nach »Lancet«2024. DOI: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0 / © PZ/Stephan Spitzer
Der geistige Abbau im Alter kann durch schwere und häufig wiederkehrende Infektionen begünstigt werden. Mögliche Ursachen sind anhaltende Entzündungen im Körper, Gefäßschäden, Delirien sowie die Aktivierung von Immunzellen im Gehirn. Mehrere Beobachtungsstudien zeigen, dass Impfungen, insbesondere gegen Herpes Zoster und Influenza, mit einer geringeren Häufigkeit von Demenzdiagnosen verbunden sind. Eine 2025 in der Fachzeitschrift »Age and Ageing« veröffentlichte Metaanalyse berichtete für die Influenza-Impfung eine relative Risikoreduktion von rund 13 Prozent (DOI: 10.1093/ageing/afaf331). Ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Demenzschutz lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Geimpfte und ungeimpfte Personen unterscheiden sich häufig auch in anderen Faktoren, etwa ihrem Gesundheitsverhalten oder der medizinischen Versorgung.
Interessant sind auch die Daten zur Herpes-Zoster-Impfung nach Einführung des rekombinanten, mit dem Adjuvans AS01 verstärkten Impfstoffs. Retrospektive Analysen zeigten, dass mit dem neuen Impfstoff ein geringeres Demenzrisiko beobachtet wurde als mit dem zuvor verwendeten Lebendimpfstoff. Diskutiert werden sowohl eine Verhinderung der Zoster-Erkrankung als auch spezielle immunologische Wirkungen von AS01. Das Adjuvans enthält die Wirkstoffe Monophosphoryl-Lipid A und QS-21 und induziert eine ausgeprägte angeborene und adaptive Immunantwort. Präklinische Studien deuten darauf hin, dass die dadurch angestoßenen Immunreaktionen möglicherweise auch Prozesse der Amyloid-Clearance beeinflussen können. Zudem wurde bei kognitiv gesunden älteren Menschen eine stärkere Aktivität der IL-12/IFN-γ-Achse, einem zentralen Signalweg des Immunsystems, mit einem günstigeren Verlauf der geistigen Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht. Ein direkter klinischer Nachweis einer durch AS01 vermittelten Demenzprävention steht jedoch noch aus.
| Mechanismus | Strategie (Wirkstoff) | Entwicklungsstand |
|---|---|---|
| therapeutische Ansätze gegen das glymphatische System | ||
| Verbesserung der AQP4-Lokalisation | Apigenin, Dystrophin, α-Synthrophin | Präklinik |
| Modulierung von AQP4 | Melatonin | Präklinik |
| therapeutische Ansätze gegen ApoE | ||
| erhöhte Expression von ApoEε2 | AAV-vermittelter Gentransfer (LX1001) | Phase I/II |
| ApoEε4-Spiegel senken | ApoE-Antikörper(HAE-4) | Präklinik |
| Veränderung der ApoE-Struktur | Strukturkorrektor (PH002) | Präklinik |
| Verstärkung der ApoEε4 Lipidierung | ABCA1-Agonist(CS-6253) | Phase I |
| Erhöhung des Cholesterol-Transports und Myelinisierung | Cholesterol-Biosynthese-Hemmer | |
| (Cyclodextrin) | Phase II | |
| sonstige therapeutische Ansätze | ||
| Hemmung des Abbaus von APP zu Aβ | Inhibitor der GSK-3 (Lithiumorotat) | Phase I/II |
| Stimulation der Autophagie | Sigma-Rezeptoragonist Blacarmesin | Phase IIb/III |
| Normalisierung des Laktat-Spiegels | IDO1-Inhibitor (PF06840003) | Präklinik |
| Hemmung des cGAS-STING-Signalwegs | NAD+-Vorläufer (Nicotinamid Ribosid) | Phase I, Phase II |