Hitze begünstigt Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Das Risiko lässt sich durch das eigene Verhalten aber zum Teil steuern. / © Getty Images/Valeriy_G
Schwitzen, schlecht schlafen, der Kreislauf wackelt: Hitze kann den Körper stark belasten. Wer Psychopharmaka nimmt, sollte an heißen Tagen besonders aufmerksam sein. Denn »Hitze kann die Wirkung von Medikamenten verändern. Das verunsichert viele«, sagt Apothekerin Stephanie Tiede aus dem Vorstand der Bundesapothekerkammer (BAK).
Warum Hitze bei Psychopharmaka relevant bis riskant ist, erklärt Professor Dr. Michael Paulzen, stellvertretender Leiter des Referats Psychopharmakologie bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) so: »Wenn es so heiß ist, schwitzen Sie mehr. Das beeinflusst die Körperhomöostase, denn wenn Sie vermehrt schwitzen, reduziert sich Ihre Nierenfunktion. Die Niere ist ein ganz zentrales Ausscheidungsorgan, gerade für Psychopharmaka.«
Wird der Flüssigkeitsverlust nicht ausgeglichen, akkumulieren wasserlösliche Arzneistoffmetaboliten, so Paulzen, der auch Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Alexianer Krankenhauses Aachen ist. Einfach gesagt: Kommen Körper und Organe durch Hitze und zu wenig Flüssigkeit aus dem Gleichgewicht, können manche Wirkstoffe oder Abbauprodukte langsamer ausgeschieden werden: Die Konzentration im Blut kann steigen – mit unangenehmen Folgen.
Das kann sich selbst bei Patienten, die ein Medikament jahrelang gut vertragen haben, anfühlen wie eine Verschlechterung der Grunderkrankung – etwa durch Unruhe, Schlafstörungen, Zittrigkeit oder Herzrasen, so Paulzen. Auch Verwirrtheit, Schwindel, starke Müdigkeit oder Benommenheit können auftreten. Wichtig ist dann, nicht nur an eine psychische Krise zu denken, sondern auch an eine unerwünschte Arzneimittelwirkung als Folge der Hitze.
Besonders hitzekritisch können laut einer Übersicht der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) unter anderem Antidepressiva sein, darunter SSRI, SNRI und trizyklische Antidepressiva. Sie können die Thermoregulation, also die Fähigkeit des Körpers, seine Temperatur konstant zu halten, beeinträchtigen; Trizyklika können zusätzlich das Schwitzen vermindern.
Auch Antipsychotika beziehungsweise Neuroleptika können die Wärmeregulation stören sowie müde machen. Benzodiazepine und Z-Substanzen können die Aufmerksamkeit verringern – Betroffene nehmen Hitzeerschöpfung dann womöglich später wahr.
Bei Lithium ist besondere Vorsicht nötig: Dehydrierung und eine verminderte Ausscheidung über die Nieren können das Risiko einer Überdosierung erhöhen. Auch zentral wirksame Stimulanzien wie Methylphenidat, das etwa bei ADHS eingesetzt wird, oder Sympathomimetika wie Modafinil können die Thermoregulation beeinträchtigen.