Bei einer seltenen Migräneform – der vestibulären Migräne – steht Schwindel, nicht Kopfschmerz im Vordergrund. Kopfschmerzen können zusätzlich auftreten, müssen dies aber nicht. / © Adobe Stock/Andrey Popov
Ursachen für Schwindel gibt es viele. Die vestibuläre Migräne zählt zu den häufigsten Ursachen für wiederkehrende spontane Schwindelattacken, auch wenn sie oft erst spät erkannt wird. Die Attacken wirken für viele Betroffene sehr bedrohlich und können den Alltag stark einschränken.
Der entscheidende Unterschied zur klassischen Migräne liegt in der führenden Symptomatik. Während bei der »gewöhnlichen« Migräne pulsierende Kopfschmerzen im Vordergrund stehen, prägen bei der vestibulären Form wiederkehrende Schwindelattacken das Krankheitsbild. Kopfschmerzen können laut dem internationalen Konsensuspapier »Vestibular migraine: Diagnostic criteria« zusätzlich vorhanden sein, fehlen jedoch oft auch vollständig (»Journal of Vestibular Research« 2021, DOI: 10.3233/VES-201644). Außerdem können Schwindel und Kopfschmerz auch zeitlich versetzt auftreten. Viele Betroffene erleben beide Beschwerden unabhängig voneinander. Teilweise gehen migränetypische Kopfschmerzen den vestibulären Symptomen voraus, teilweise folgen sie erst nach der Attacke.
Der Schwindel kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Oft handelt es sich um einen Drehschwindel, möglich sind jedoch ebenso ein Schwankschwindel oder ein diffuser Benommenheitsschwindel. Die Beschwerden können spontan auftreten, durch Lagewechsel ausgelöst werden oder sich bei Kopfbewegungen verstärken. Auch visuelle Bewegungsreize können Attacken provozieren.
Die Dauer der Beschwerden variiert erheblich. Manche Attacken halten nur Sekunden an, andere mehrere Stunden oder sogar Tage. Nicht selten ist die Bewegungsempfindlichkeit so ausgeprägt, dass Betroffene während der Attacken möglichst bewegungslos im Bett bleiben. Können Betroffenen keine alltäglichen Aufgaben mehr verrichten, sprechen Fachleute von einer starken Intensität der vestibulären Symptome. Bei einer mittleren Intensität behindern die Symptome den Alltag, verhindern aber Aktivitäten nicht vollständig.
Zusätzlich zum Schwindel treten auch Migränesymptome auf. Das kann – muss aber nicht – der typische Migränekopfschmerz sein. Kennzeichen sind, dass er pulsierend, einseitig und sehr schmerzhaft ist und sich bei Bewegung verstärkt. Zusätzlich treten häufig vegetative und sensorische Begleitsymptome auf. Dazu gehören Übelkeit und Erbrechen ebenso wie Licht-, Lärm- oder Geruchsempfindlichkeit. Manche Patienten berichten über visuelle Auren, beispielsweise Flimmern vor den Augen. Häufig besteht während der Attacken ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis.
Auch auditorische Beschwerden sind möglich. Dazu zählen Tinnitus, Ohrendruck, Lärmempfindlichkeit oder vorübergehende Hörminderungen. Im Vergleich zum Morbus Menière (dem Anfalls-Drehschwindel) sind diese Symptome jedoch meist schwächer ausgeprägt und reversibel.
Die Abgrenzung zum Morbus Menière ist nicht ganz einfach. Beide Erkrankungen verursachen anfallsartige Schwindelbeschwerden, unterscheiden sich jedoch vor allem hinsichtlich der Hörsymptomatik. Während Morbus Menière auf einem Flüssigkeitsstau im Innenohr beruht, handelt es sich bei der vestibulären Migräne um eine neurologische Erkrankung. Bei der vestibulären Migräne bleibt das Hörvermögen meist erhalten oder ist nur vorübergehend leicht beeinträchtigt. Beim Morbus Menière nehmen die Schäden an der Hörschnecke (Cochlea) dagegen typischerweise im Verlauf zu.
Kommt es zusätzlich zum Schwindel auch zu migränetypischen Symptomen wie Photophobie oder Kopfschmerzen, spricht das eher für eine vestibuläre Migräne. Treten dagegen eher progressive Hörstörungen auf, könnte eher ein Morbus Menière zugrunde liegen. Abgesehen davon können auch andere Erkrankungen episodischen Schwindel verursachen, beispielsweise transitorische ischämische Attacken oder Vestibularisparoxysmien (Reizungen des Gleichgewichts- und Hörnervs).
Die vestibuläre Migräne betrifft dem Konsensuspapier zufolge etwa 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Da sie oft nicht erkannt wird, liegt die Dunkelziffer vermutlich höher. Sie tritt bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Besonders häufig manifestiert sich die Erkrankung zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, grundsätzlich kann sie jedoch in jedem Alter erstmals auftreten. In vielen Fällen besteht bereits seit Jahren eine klassische Migräne, bevor vestibuläre Symptome hinzukommen. Eine langjährige Migräneanamnese gilt daher als wichtiger Risikofaktor.
Was genau die vestibuläre Migräne verursacht, ist noch unbekannt. Eine familiäre Häufung weist jedoch auf genetische Faktoren hin. Als mögliche Auslöser gelten unter anderem Schlafmangel, hormonelle Schwankungen, intensive Licht- oder Geräuschreize sowie bestimmte Gerüche.
Eine ursächliche Heilung der vestibulären Migräne ist nicht möglich. Ziel der Therapie ist es, die Häufigkeit der Attacken zu verringern sowie akute Beschwerden zu lindern. Im Anfall können laut der S2k-Leitlinie »Vestibuläre Funktionsstörungen«, die sich in der Überarbeitung befindet, Antivertiginosa wie Dimenhydrinat oder Cinnarizin eingesetzt werden, insbesondere bei starker Übelkeit. Ergänzend kommen nicht steroidale Antirheumatika oder Analgetika infrage, beispielsweise Ibuprofen, Diclofenac, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure. Bei ausgeprägter Übelkeit können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon sinnvoll sein.
Zur Migräneprophylaxe ist körperliche Betätigung, vor allem Ausdauersport, zu empfehlen. / © Adobe Stock/Jlacomba
Bestehen gleichzeitig migränetypische Kopfschmerzen, können auch Triptane verwendet werden. Für die eigentliche Schwindelsymptomatik scheint ihre Wirkung jedoch begrenzt zu sein. Das zeigt zum Beispiel eine kleine randomisierte Studie, bei der Rizatriptan gegenüber Placebo in der Akutmedikation verglichen wurde. Das Ergebnis: Nach einer Stunde bestand kein Unterschied, nach 24 Stunden hatte das Triptan die Kopfchmerzsymptomatik tendenziell besser reduziert als das Placebo, die Schwindelsymptomatik dagegen nicht (»JAMA Neurology« 2025, DOI: 10.1001/jamaneurol.2025.1006).
Zur Prophylaxe werden unterschiedliche Wirkstoffgruppen eingesetzt. Die Empfehlungen orientieren sich an denen für andere Migräneformen. Dazu gehören:
Für Anti-CGRP-Antikörper liegen bislang lediglich kleinere Studien vor, die jedoch positive Effekte auf die Schwindelsymptomatik vermuten lassen. Auch Gepante werden als mögliche zukünftige Therapieoption diskutiert.
Eine wichtige Rolle spielt das Erkennen individueller Triggerfaktoren. Viele Patienten profitieren davon, Schlafmangel, starke Sinnesreize oder andere persönliche Auslöser konsequent zu vermeiden.
Empfohlen werden außerdem regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Ausdauersport, ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus sowie ausreichende Ruhephasen. Außerdem gibt es Hinweise, dass Übungen aus der Vestibulären Rehabilitation hilfreich sein können, zum Beispiel Balanceübungen im Stehen und Gehen mit und ohne Bewegung des Kopfes oder des Blickes.