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Lysosomale Speicherkrankheiten
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Neue Therapien bei Gendefekten

Bestimmte Gendefekte bei Neugeborenen waren früher gleichbedeutend mit schwerer Behinderung und frühem Tod des Kindes. Mittlerweile gibt es Therapiemöglichkeiten für einige Erbkrankheiten, bei denen nur ein Gen betroffen ist und die zu Stoffwechselfehlfunktionen im Lysosom führen – dank molekularbiologischer Diagnostik und gentechnisch erzeugter Arzneimittel.
AutorKontaktBettina Wick-Urban
Datum 28.03.2021  08:00 Uhr

Mukopolysaccharidosen

Da Mukopolysaccharide fast überall im Körper vorkommen, zeigen sich Mukopolysaccharidosen in vielen Geweben, zum Beispiel Leber, Milz, Herz und Haut, Nervensystem, Knorpel und Knochen (1).

Den Mukopolysaccharidosen (MPS) liegt ein angeborener Mangel an Enzymen zugrunde, die am Abbau von Glykosaminoglykanen (GAG, früher auch Mukopolysaccharide) beteiligt sind. GAG sind Polysaccharide, die an der Zelloberfläche, in der extrazellulären Matrix und deren Strukturen vorkommen. Dazu gehören Hyaluronsäure, Heparansulfat, Dermatansulfat, Chondroitinsulfat und Keratansulfat. Bis auf die Hyaluronsäure sind alle GAG an Proteine gebunden und bilden so Proteoglykane (1).

Es gibt sechs Hauptformen der MPS, die jeweils durch den Defekt eines anderen Enzymsubtyps bedingt sind (Tabelle 1). Medizinisch werden sie eingeteilt in MPS I (Morbus Hurler, Morbus Scheie plus Mischform), II (Hunter), III (Sanfilippo), IV (Morquio), VI (Maroteaux-Lamy) und VII (Sly).

Erkrankung, Prävalenz bei Geburt
(geschätzt)
Beginn der Erkrankung (Lebensjahr) Defektes Enzym Therapie
Hurler-Syndrom (MPS IH), totaler Aktivitätsverlust, 1:200.000 1 α-L-Iduronidase EET: Laronidase (Aldurazyme®):
100 E/kg KG iv, hämatopoetische Stammzelltransplantation: nur bei MPS IH, Kinder <2,5 Jahre
Scheie-Syndrom (MPS IS), partieller Aktivitätsverlust, 1:500.000 >5 α-L-Iduronidase EET: Laronidase (Aldurazyme®):
100 E/kg KG iv, hämatopoetische Stammzelltransplantation: nur bei MPS IH, Kinder <2,5 Jahre
Scheie-Hurler-Syndrom (MPS I SH), partieller Aktivitätsverlust, 1:435.000 5 bis 8 α-L-Iduronidase EET: Laronidase (Aldurazyme®):
100 E/kg KG iv, hämatopoetische Stammzelltransplantation: nur bei MPS IH, Kinder <2,5 Jahre
Morbus Hunter (MPS Typ II), 1:72.000 bis 1:132.000 2 bis 4 Iduronatsulfatase EET: Idursulfase (Elaprase®):
0,5 mg/kg KG iv, Knochenmark- oder Stammzelltransplantation
Sanfilippo-Syndrom (MPS Typ III A bis D), 1:65.000 2 bis 6 A: Heparan-Sulfamidase, B: α-N-Acetylglucosaminidase, C: α-Glucosaminid-N-Acetyltransferase, D: N-Acetylglucosamin-6-sulfat-Sulfatase unterstützende Therapie
Morquio-Syndrom (MPS IV Typ A), 1:250.000 1 bis 4 N-Acetylgalactosamin-6-sulfat-Sulfatase EET: Elosulfase alfa (Vimizim®):
2 mg/kg KG iv
Maroteaux-Lamy-Syndrom (MPS VI), 1:43.000 bis 1:1.500.000 ab 1 Arylsulfatase B EET: Galsulfase (Naglazyme®):
1 mg/kg KG iv
Sly-Syndrom (MPS Typ VII), <1:1.000.000 1 bis 4 β-D-Glucuronidase EET: Vestronidase alfa (Mepsevii®):
4 mg/kg KG alle 14 Tage iv
Tabelle 1: Übersicht über Mukopolysaccharidosen (1). EET: Enzymersatztherapie; KG: Körpergewicht, iv: intravenöse Infusion, wenn nicht anders angegeben: einmal wöchentlich

Am häufigsten tritt das Sanfilippo-Syndrom auf, bei dem je nach Typ verschiedene Enzyme des Heparansulfat-Abbaus defekt sind. Hier ist etwa ein Kind bei 65.000 Geburten betroffen, gefolgt von Morbus Hunter. Am seltensten in Deutschland ist die MPS VII (Sly-Syndrom). Lediglich eines von einer Million Kinder kommt mit dieser Erkrankung zur Welt.

Die Vererbung ist mit Ausnahme von Morbus Hunter autosomal-rezessiv. Die Erkrankungen manifestieren sich bereits im frühen Kindesalter. Die Anhäufung von GAG in den Lysosomen hat Knochen-, Weichteilgewebe- und ZNS-Veränderungen zur Folge. Die klinischen Symptome variieren mit dem Typ, wobei häufig veränderte Gesichtszüge, entwicklungsneurologische Verzögerungen und Regressionen, Gelenkkontrakturen, Organomegalien, steife Haare, fortschreitende Ateminsuffizienz, kardiovaskuläre Krankheiten, Skelettveränderungen und eine Luxation der Halswirbel auftreten. Bei den schweren Formen mit einem totalen Verlust der Enzymaktivität ist die Lebenserwartung gering (1, 4–11).

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