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Lysosomale Speicherkrankheiten
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Neue Therapien bei Gendefekten

Bestimmte Gendefekte bei Neugeborenen waren früher gleichbedeutend mit schwerer Behinderung und frühem Tod des Kindes. Mittlerweile gibt es Therapiemöglichkeiten für einige Erbkrankheiten, bei denen nur ein Gen betroffen ist und die zu Stoffwechselfehlfunktionen im Lysosom führen – dank molekularbiologischer Diagnostik und gentechnisch erzeugter Arzneimittel.
AutorKontaktBettina Wick-Urban
Datum 28.03.2021  08:00 Uhr

Neuer Ansatz: Substratreduktion

Nachteilig bei allen Enzymersatztherapien ist die mangelnde Wirksamkeit im Zentralnervensystem, da die Blut-Hirn-Schranke für die Enzyme eine unüberwindbare Barriere darstellt. Ein neuartiger Therapieansatz sind niedermolekulare Substanzen, die eine Neubildung der im Lysosom nicht abbaubaren Makromoleküle verhindern oder zumindest reduzieren. Diese Therapie setzt also auf die Substratreduktion. Ein weiterer Vorteil gegenüber der EET ist die patientenfreundlichere orale Anwendung (33).

Als Substratreduktionstherapie (SRT) ist Eliglustat (Cerdelga®) zugelassen für die Langzeitbehandlung von erwachsenen Patienten mit Morbus Gaucher Typ 1 sowie Miglustat (Zavesca®) bei leichten bis mittelschweren Formen des Typ 1, wenn eine Enzymersatztherapie nicht möglich ist, sowie zur Behandlung progressiver neurologischer Manifestationen bei erwachsenen und pädiatrischen Patienten mit Niemann-Pick-Krankheit Typ C (Tabelle 2). Beide Arzneistoffe hemmen spezifisch das Enzym Glucocerebrosid-Synthase. Für die Behandlung von Morbus Fabry befindet sich mit Lucerastat eine weitere SRT im fortgeschrittenen Stadium der klinischen Erprobung (34–36).

Die Gabe von Miglustat beziehungsweise Eliglustat verbesserte bei unbehandelten Gaucher-Patienten die Hämoglobin- und Thrombozytenwerte und verringerte das Milz- und Lebervolumen. Bei Patienten, die von einer EET auf eine SRT umgestellt wurden, blieben die klinischen Symptome in der Regel stabil. Zudem hatte die Behandlung einen positiven Effekt auf die Knochendichte.

In der klinischen Erprobung war Eliglustat im Hinblick auf hämatologische Parameter, Organvolumen und Knochendichte stärker wirksam auch bei schwereren Formen der Erkrankung, weshalb es für die Erstbehandlung zugelassen ist. Klinische Daten bis zu vier Jahren legen nahe, dass es bei Langzeitbehandlung den Krankheitsverlauf bei Morbus Gaucher Typ 1 stabilisiert.

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Eliglustat in den klinischen Studien waren Kopfschmerzen, Arthralgie, Nasopharyngitis, obere Atemwegsinfektionen, Diarrhö, Schwindel und Herzklopfen. Unter Miglustat wurden Diarrhö, Blähungen, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust und Tremor beobachtet. Die häufigste schwerwiegende Nebenwirkung war eine periphere Neuropathie (34, 35).

Wichtig bei Eliglustat: Vor Therapiestart muss der CYP2D6-Metabolisierungsstatus bestimmt werden. Der Arzneistoff wird hauptsächlich über CYP2D6 in der Leber metabolisiert. Patienten, die ultraschnelle CYP2D6-Metabolisierer sind, erreichen möglicherweise keine ausreichenden Konzentrationen für eine therapeutische Wirkung. Deshalb ist der Arzneistoff für diese Patienten nicht zugelassen. Intermediäre und schnelle CYP2D6-Metabolisierer sollten zweimal täglich eine Kapsel à 84 mg Eliglustat, langsame CYP2D6-Metabolisierer einmal täglich eine Kapsel schlucken (34).

Die Niemann-Pick-Krankheit Typ C ist eine sehr seltene, progredient und tödlich verlaufende neurodegenerative Erkrankung, bei der der intrazelluläre Lipidtransport aufgrund eines Mangels der Transportproteine NPC-1 und -2 beeinträchtigt ist (Tabelle 4). Die neurologischen Manifestationen sind eine Folge der Anreicherung von Glykosphingolipiden in Neuronen und Gliazellen. In klinischen Studien konnte die Behandlung mit Miglustat das Fortschreiten neurologischer Symptome aufhalten (35, 37).

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