Der LAV Hessen hält die Aussagen der KV Hessen für eine »gefährliche Verkürzung einer komplexen Versorgungsrealität«. / © Imago Images/CHROMORANGE
Gestern erklärte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen, dass es die Apotheken im Grunde nicht mehr braucht. Im Zuge der Sparpolitik der Bundesregierung könne man »radikal Kosten senken«, indem man die Apotheken abschaffe und die Versorgung über den Online-Versandhandel organisiere. Zudem sei das Dispensierrecht für Arztpraxen überfällig. Ein weiterer Vorschlag ist die Beschränkung auf wenige Regionalapotheken.
Der Hessische Apothekerverband (HAV) weist diese Überlegungen entschieden zurück. Die Äußerungen seien kein konstruktiver Beitrag zur notwendigen Weiterentwicklung der Versorgung, sondern eine »gefährliche Verkürzung einer komplexen Versorgungsrealität«, erklärte der Verband heute in einer Pressemeldung. »Gerade jetzt brauchen wir Respekt, Sachlichkeit und Kooperation zwischen den Heilberufen – keine öffentlichkeitswirksamen Vorschläge, die das Vertrauen zwischen Arztpraxen, Apotheken sowie Patientinnen und Patienten belasten.«
Natürlich müssten Strukturen modernisiert, Bürokratie reduziert und Kompetenzen sinnvoll verteilt werden. »Das gelingt aber nur mit den Apotheken und ihren pharmazeutischen Teams – nicht gegen sie. Wer die Versorgung der Menschen in Hessen ernst nehme, müsse Vor-Ort-Apotheken stärken, nicht ihre Abschaffung diskutieren.«
Wer Apotheken im Kern als reine Abgabestellen für Packungen beschreibe, blende zentrale Versorgungsleistungen vollständig aus, so der HAV weiter. Die Vor-Ort-Apotheken seien kein »logistischer Anhängselbetrieb, sondern ein unverzichtbarer Teil der Arzneimitteltherapiesicherheit und der niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung«, erklärte der HAV.
Apotheken würden täglich weit mehr als die Abgabe industriell hergestellter Arzneimittel leisten: »Sie prüfen Verordnungen, Dosierungen, Plausibilität, Wechselwirkungen und Kontraindikationen – häufig gerade an der Schnittstelle zwischen mehreren Ärztinnen und Ärzten«, so der HAV. Zudem beraten sie unmittelbar, persönlich und niedrigschwellig zur sicheren Anwendung ihrer Medikamente und stellen Arzneimittel individuell her, etwa Rezepturen für Kinder, Palliativpatientinnen und Palliativpatienten oder besondere Versorgungssituationen. Apotheken sichern außerdem Nacht- und Notdienste, Botendienste, Akutversorgung und die Versorgung auch dort, wo digitale Lösungen oder Versandwege praktisch nicht helfen, und seien insbesondere für ältere, multimorbide und weniger digital affine Menschen ein vertrauter und oft unverzichtbarer Ansprechpartner vor Ort.
Ein 24/7-Fahrdienst ersetze kein pharmazeutisches Gespräch, und ein Drogerieregal ersetze keine heilberufliche Verantwortung, so der HAV weiter. »Und eine Arzneimittelversorgung, die vorrangig auf Versandhandel und wenige zentrale Standorte setzt, wird gerade im ländlichen Raum nicht sicherer, sondern ausgedünnt.«