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Psychoonkologie

Krebs bei Kindern

Die Krebserkrankung eines Kindes ist für Betroffene und Angehörige mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Die psychoonkologische Begleitung in dieser Extremsituation gilt heute als Teil der Standardtherapie.
Evelyn Griep
24.05.2020  08:00 Uhr

Rund 1800 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren erkranken gemäß des Deutschen Kinderkrebsregisters, Mainz, jährlich neu an Krebs. Die häufigsten Diagnosen sind Leukämien, Tumoren am Zentralnervensystem und Lymphome.

Dank verbesserter Diagnostik und multimodaler Therapiekonzepte sind die Heilungschancen gestiegen. Durch die medizinischen Fortschritte in der Behandlung maligner Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter können heute mehr als 80 Prozent aller Betroffenen rezidivfrei überleben. Die Behandlung krebserkrankter Kinder erfolgt zumeist in pädiatrisch-onkologischen Zentren und stützt sich auf die drei Kernbereiche Operation, Strahlen- und Chemotherapie.  Interdisziplinäre psychoonkologische Teams, bestehend unter anderem aus Psychologen, Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Psycho-, Physio- und/oder Ergotherapeuten, stehen den Familien auf Wunsch zur Seite. Sie beraten auch in praktischen Dingen des Alltags, zum Beispiel bei der Inanspruchnahme von Sozialleistungen.

Schockdiagnose für alle

Warum passiert uns das? Die Diagnose trifft Familien häufig mit ganzer Wucht aus voller Gesundheit. Der Satz »Ihr Kind hat Krebs« verändert das Leben einer Familie von einer Sekunde auf die andere. Ängste, Sorgen und Hoffnungen prägen von nun an den Tag. »Oftmals ordnen Eltern mögliche Symptome zunächst anderen Erkrankungen zu und denken nicht an Krebs. Die tatsächliche Diagnose überrollt alle – das Kind, Mutter, Vater, Geschwister und die weiteren Angehörigen«, beschreibt Professor Dr. Tanja Zimmermann ihre Erfahrungen. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Psychosomatik und Psychotherapie mit den Schwerpunkten Transplantationsmedizin und Onkologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) widmet sich im Rahmen ihrer Forschungen den Bewältigungsprozessen bei Krebserkrankungen und der Effektivität psychosozialer Unterstützungsangebote für Krebspatientinnen und -patienten.

»Eltern geraten zunächst in einen Schockzustand, verknüpft mit massiver Angst. ›Haben wir etwas falsch gemacht?‹ Sehr schnell stellt sich mit Blick auf die Erkrankung auch die Frage nach Ursache und Schuld«, so Zimmermann. Das sei verständlich angesichts des Versuchs, in Beantwortung dieser Frage die Kontrolle über die Krankheit zu erlangen. »Nur kennen wir bei Krebs die Ursachen oft nicht. Man hat nichts falsch gemacht«, sagt Zimmermann.

Die psychosoziale Versorgung krebserkrankter Kinder und ihrer Angehörigen zählt heute zum Standard in der Behandlung. Sie beginnt mit dem Zeitpunkt der Diagnosestellung. »Die Intensität hängt vom Bedarf ab. Sowohl dem Kind als auch den Eltern werden immer wieder Angebote gemacht«, betont sie. Das gelte auch für die Geschwisterkinder. Jede Familie durchlebe die Krebserkrankung eines Kindes anders. Es seien individuelle Belastungsfaktoren und Ressourcen, die die Fähigkeit, sich der neuen Situation zu stellen, beeinflussen. Die Unterstützung der Psychoonkologen, so Zimmermann, baut auf diesen Gegebenheiten auf.

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