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Psychoonkologie

Krebspatienten brauchen gute Bewältigungsstrategien

Die Prognose einer neoplastischen Erkrankung hängt nicht nur von den biologischen Charakteristika des Tumors ab. Über den Stellenwert von Körper, Seele und Umwelt bei der Krebstherapie sprach die PZ mit dem Psychoonkologen Professor Dr. Volker Tschuschke.
Ulrike Abel-Wanek
22.05.2021  08:00 Uhr

PZ: Heute überleben mehr Menschen mit einer Krebserkrankung längere Zeit oder dauerhaft. Wird der Krankheit damit etwas von ihrem Schrecken genommen?

Tschuschke: Die sinkende Krebssterblichkeit trotz steigender Lebenserwartung ist in den verbesserten medizinischen Diagnostik- und Behandlungsmaßnahmen geschuldet und vermutlich den vor Jahren eingeführten Früherkennungsprogrammen. Für die meisten Betroffenen ist Krebs aber immer noch ein Synonym für Tod und Sterben, selbst in dem Fall, dass es sehr gute Behandlungsmöglichkeiten gibt.

PZ: Mit welchen psychischen Herausforderungen haben an Krebs Erkrankte am meisten zu kämpfen?

Tschuschke: Das hängt von der Grundstruktur der Persönlichkeit ab. Menschen haben ihre eigene Lebens- und Lerngeschichte, eigene Erfahrungen und Anlagen. Robustere Patienten mit genug Ressourcen durch zum Beispiel Familie, Freunde und günstige Bewältigungsstrategien werden die Diagnose besser verkraften und unter der Behandlung vermutlich weniger leiden. Nicht jeder Mensch wird durch ein schlimmes Ereignis traumatisiert.

Labilere Menschen brauchen jedoch Hilfe. Bei den an Krebs Erkrankten benötigen 10 bis 30 Prozent psychoonkologische Unterstützung. Grundsätzlich sind Menschen mit einer Krebserkrankung aber psychisch nicht gestörter als jeder andere Mensch. Die Erkrankung wird nicht durch unbewältigte Konflikte oder andere psychische Probleme verursacht. Diese These geht auf frühe Annahmen zur Psychosomatik des Krebses zurück und ist wissenschaftlich nicht haltbar.

PZ: Inwieweit spielt Stress eine Rolle bei der Krebsentstehung?

Tschuschke: Es gibt eine unüberschaubare Fülle an kanzerogenen Risiken. Den individuellen Risiken kommen dabei die größte Bedeutung zu. Dazu zählen deutliches oder extremes Übergewicht, Infektionen, ernährungsbedingte Faktoren und Umweltverschmutzung. Weitere bekannte Risiken sind Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Drogen und Stress. Mit Stress ist der maligne Dauerstress gemeint, nicht die normale Anspannung, die wir zum Leben brauchen.

Lange Zeit haben Onkologen und Psychoonkologen bestritten, dass Stress kausal für eine Krebserkrankung sein könnte. Das haben Studien inzwischen widerlegt. Dauerstress bei Menschen, die nicht über die Bewältigungsstrategien verfügen, von ihrer Dauererregung herunterzukommen, wirkt sich auch auf den körpermedizinischen Bereich aus. Die über Jahre dauerhaft ausgeschütteten Stresshormone greifen an Zielorganen des Organismus an und können Zellschäden verursachen, was Mutationen in der Zellgenetik nach sich zieht und zu malignem Wachstum führen kann. Das kann Krebs auslösen, aber auch alle möglichen anderen Krankheiten. Beim Krebs handelt es sich um eine multiple Erkrankungsform, bei der verschiedene Faktoren zusammenkommen müssen. Es gibt nur wenige monokausale Auslöser wie Asbest oder Benzol zum Beispiel.

PZ: Welche Patienten suchen psychoonkologische Hilfe?

Tschuschke: Fast jeder, der eine Krebsdiagnose erhält, hat erstmal ein großes Informationsbedürfnis zu den therapeutisch möglichen Maßnahmen, der Prognose, der Heilung sowie den Risiken der Behandlung. Bei jüngeren Patienten und Patientinnen, die ihr Leben noch nicht gelebt haben, ist das Bedürfnis stärker ausgeprägt als bei älteren. Die aktive Suche von Patienten nach Informationen zeigt, dass wahrscheinlich auch günstige Bewältigungsstrategien vorliegen, um Lebenskrisen zu meistern.

Nur wenige Menschen wollen grundsätzlich keine Informationen oder Hilfsangebote an sich heranlassen. Sie vermeiden die Auseinandersetzung mit ihren Ängsten, weil sie glauben, dass der ganze Spuk irgendwie an ihnen vorbeigehen wird oder dass sie noch mehr geängstigt und verunsichert werden als ohnehin schon.

Patienten muss man überzeugen, nicht überreden, psychoonkologische Hilfe anzunehmen. Dazu gibt es aber kein Patentrezept. Es läuft immer über den persönlichen menschlichen Kontakt. Dabei ist Offenheit gegenüber psychoonkologischen Angeboten eher bei Patienten anzutreffen, die sich für das eigene Innenleben interessieren, einen psychischen Leidensdruck spüren und merken, dass ihre Lebensqualität einmal besser war.

PZ: Wie sieht es mit empirischer Evidenz bei psychoonkologischen Interventionsmaßnahmen aus?

Tschuschke: Zurückliegende Studien wiesen eine sehr gute Evidenz bei der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie auf. Hier verbesserte sich bei den onkologischen Patienten die Lebensqualität und das Bewältigungsverhalten deutlich und auch nachhaltig. Außerdem reduzierten sich psychische Belastungen wie Angst, Depression und Stress. Aber es gibt natürlich ganz unterschiedliche Maßnahmen, die den Patienten helfen können. Bei sehr bewegungsfreudigen Menschen kann die Sport- und Bewegungstherapie das Mittel der Wahl sein. Auch Entspannungsverfahren und meditative Techniken erzielten sehr gute Effekte bei der Dämpfung von Ängsten und erhöhten die Lebensqualität. Einen besonders effektiven therapeutischen Ansatz stellen gruppentherapeutische Maßnahmen dar, weil hier ein Gefühl von Gemeinsamkeit eine maßgebliche Rolle spielt.

PZ: Wer kann Psychoonkologe oder Psychoonkologin werden?

Tschuschke: Das Berufsbild des Psychoonkologen ist bedauerlicherweise immer noch nicht gesetzlich geregelt. Es ist nicht definiert, wer Psychoonkologe oder Psychoonkologin ist. Insofern können sich alle möglichen Leute so nennen oder sich die Berufsbezeichnung aufs Schild schreiben, auch Esoteriker.

Spezialisierte Kliniken und Tumorzentren müssen für ihre Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) allerdings anerkannt psychoonkologisch fortgebildetes Personal beschäftigen, das in von der DKG zertifizierten Fortbildungsinstituten ausgebildet wurde. Das Institut PsyOnko in Köln, das ich seit 2010 leite, gehört dazu. Hier werden Ärzte und Psychotherapeuten weiterqualifiziert, aber auch Schwestern und Pfleger, Seelsorger, Pädagogen und Verwaltungsangestellte – alle Berufsgruppen, die mit den Patienten in Kontakt kommen. In der Kürze eines Klinikaufenthalts und bei dem Stress von Betroffenen und ihren Angehörigen ist es oft weder sinnvoll noch möglich, eine Psychotherapie anzubieten oder durchzuführen. Man braucht aber psychosozial geschulte Menschen aus dem Onkologiebereich, die Gespräche führen können, ohne Therapeuten zu sein, die Patienten und Patientinnen professionell unterstützen und Antworten auf Fragen geben können wie: Was passiert nach meiner Entlassung? Wo bekomme ich finanzielle Unterstützung? Wie läuft die Reha ab?

PZ: Viele Menschen sind gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie psychisch sehr angespannt und warten auf einen der wenigen Therapieplätze. Wie sieht es im psychoonkologischen Bereich aus?

Tschuschke: Es gibt viel zu wenig Plätze für die psychisch leidende Bevölkerung und bei den Psychoonkologen ist es noch viel schwieriger. Eine erhöhte Angst vor dem Coronavirus bei an Krebs Erkrankten habe ich bei persönlichen Gesprächen nicht beobachtet. Wie will man auch stärker bedroht und betroffen sein von potenziellem Sterben als durch eine Krebserkrankung? Aber natürlich gibt es Krebspatienten und -patientinnen, die in Zeiten der Pandemie stärker dekompensieren.

Eine bundesweite Liste der anerkannt psychoonkologisch fortgebildeten, approbierten Psychotherapeuten finden Interessierte beim Krebsinformationsdienst unter www.krebsinformationsdienst.de.

Die Medizin befindet sich im Umbruch. In der Onkologie wird zunehmend der subtile Zusammenhang zwischen psychischer Befindlichkeit und Körper beziehungsweise Tumor ernst genommen, die Psychoneuroimmunologie ist ein wichtiger Unterbereich in der psychoonkologischen Wissenschaft geworden. Wir brauchen ein neues Narrativ in der Medizin. Die jüngere, nachwachsende Generation an Medizinern wird sich hoffentlich dafür stark machen.

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