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Hilfswerk in der Pandemie

»Kein Entweder-oder«

Covid-19 ist eine Erkrankung mit vielen Nebenwirkungen. Grassiert in Europa vor allem die Angst vor den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, verschärft das Virus in Entwicklungsländern zusätzlich den ohnehin schwierigen Überlebenskampf von Millionen von Menschen.
Ulrike Abel-Wanek
13.10.2020  07:00 Uhr

»In vielen ärmeren Ländern der Welt konnte die Behandlung anderer Krankheiten wegen der Corona-Pandemie nicht fortgeführt werden«, sagte Sid Peruvemba, Vorstandssprecher des Medikamentenhilfswerks action medeor anlässlich einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die die Ausfälle der weltweiten Gesundheitsversorgung seit Pandemie-Ausbruch untersuchte. Betroffen sind schwere Krankheiten wie Krebs ebenso wie die Notversorgung von Patienten mit Blutkonserven.

Allein an den »großen Drei« Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids sterben weltweit rund 2,6 Millionen Menschen. Die Behandlung dieser Krankheiten ist nach Angaben der WHO um bis zu 46 Prozent eingebrochen. Weil die Logistikketten unterbrochen sind und Medikamente und Schutzausrüstungen fehlen, gibt es weniger Impfungen, Malarianetze, HIV- und Tuberkulose-Medikamente. Auch der Hunger breitet sich wieder stärker aus, vor allem Kinder sind gefährdet. In Afrika erzeugt der Lockdown große wirtschaftliche Not, auch wenn das Virus selbst in den meisten Ländern dort bis jetzt nicht so viele Opfer gefordert hat wie viele Experten anfangs befürchteten.

500 Tonnen Arzneimittel verschickt

Seit mehr als 50 Jahren trägt das spendenfinanzierte Hilfswerk action medeor in vielen Ländern der Erde dazu bei, die Gesundheit von Menschen zu verbessern – mit dringend benötigten Medikamenten in der Not- und Katastrophenhilfe, langfristig angelegten Projekten zur nachhaltigen Stärkung der Gesundheitsstrukturen vor Ort sowie pharmazeutischer Fortbildung. Im Lager des Medikamentenhilfswerks mit Hauptsitz im niederrheinischen Tönisvorst werden auf 4000 Quadratmetern etwa 170 verschiedene Medikamente und rund 560 medizinische Bedarfsartikel und Geräte bevorratet. 2019 wurden fast 15.000 Pakete mit einem Gesamtgewicht von mehr als 500 Tonnen in 101 Länder verschickt, vor allem in Afrika, Lateinamerika und Asien.

In diesem Jahr aber war Vieles anders. »Die schon fertig gepackten Lieferungen für die Medikamentenhilfe gingen ab März nicht mehr hinaus und die dringend benötigten Schutzausrüstungen und Arzneimittel unserer Lieferanten kamen aufgrund des komplett gestoppten Waren- und Personenverkehrs nicht mehr herein«, so der Pressesprecher von action medeor, Dr. Markus Bremers, im Gespräch mit der PZ. Dieser Engpass war zwar auf rund zehn Wochen begrenzt, aber bei 100 Prozent des Warenverkehrs sei man auch heute nicht. Immer noch gingen weniger Flüge, die außerdem jetzt teurer seien als vor der Pandemie. Das treibt die Transportkosten in die Höhe. Geblieben ist ein gutes Spendenaufkommen, das sich trotz Krise um nur knapp 7 Prozent verringert hat. »Die Pandemie hat auch Menschen hierzulande gezeigt, wie es sich anfühlen kann, wenn einem das bestehende Gesundheitssystem eventuell nicht mehr helfen kann, weil es an seine Grenzen stößt. Und dass man womöglich ein Existenzproblem bekommt, wenn man krank wird. Für viele Menschen in ärmeren Ländern ist das ein Leben lang die Realität«, so Bremers.

2019 erhielt action medeor 7,7 Millionen Euro an freien und gebundenen Spenden, 0,9 Millionen Euro entfielen auf Sachspenden und 3,9 Millionen Euro waren Fördermittel, die meisten vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und dem Auswärtigen Amt (AA). »Wichtiger Bestandteil der Medikamentenhilfe sind Schmerzmittel und Antibiotika«, sagt die Pharmazeutin Dr. Irmgard Buchkremer, die unter anderem für die Qualitätssicherung von Arzneimitteln und die Auditierung der Herstellerfirmen in Asien und Europa bei action medeor zuständig ist. Außer zur Akuttherapie nehme aber auch der Bedarf an Medikamenten zur Behandlung chronischer Krankheiten zu, zum Beispiel Diabetes, Hypertonie oder Depressionen. Zurückzuführen sei das auf die zunehmend langjährige Versorgung von Menschen in Dauerkrisengebieten, beispielsweise dem Jemen.

Wie die meisten Player am Pharmamarkt, bezieht auch das Hilfswerk seine Arzneimittel für die Medikamentenhilfe überwiegend aus China und Indien. Einige werden in Tansania produziert, wo action medeor, ebenso wie in Malawi, weitere Niederlassungen unterhält. So können Gesundheitsstationen in den Regionen schnell und kostengünstig mit Medikamenten und pharmazeutischem Know-how versorgt werden. »Da, wo wir die Gesundheitssysteme lokal unterstützen können, tun wir es auch«, erklärt Bremers. Der Ausbruch der Pandemie habe diesen Weg noch beschleunigt.

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