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Alternativmedizin

Helfen Heilpilze oder TCM-Pflanzenextrakte bei Covid-19?

Auch unter Pflanzenextrakten wird seit Pandemiebeginn nach möglichen Therapeutika zum Einsatz bei Covid-19 gesucht. Ist vielleicht bei der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) oder bei sogenannten Heilpilzen etwas dabei? US-Forscher führen dazu klinische Studien durch.
Theo Dingermann
25.11.2021  18:00 Uhr

Die anfängliche Suche nach potenziellen Wirkstoffen unter den etablierten Substanzen zur Behandlung von Covid-19, das sogenannte Drug Repurposing, machte auch nicht vor traditionell eingesetzten Naturheilmitteln halt. Allerdings blieben zumindest in den westlichen Forschergruppen Rezepturen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und von Heilpilzen größtenteils unbeachtet.

Dies störte Dr. Gordon Saxe, Epidemiologe und Geschäftsführer des Krupp Center for Integrative Research an der University of California in San Diego (UCSD). Auch Andrew Shubov, Leiter der Abteilung für stationäre integrative Medizin am Zentrum für Ost-West-Medizin an der University of California in Los Angeles (UCLA), hielt dies für einen Fehler. »Die Menschen nahmen immer giftigere Medikamente ein, und nichts funktionierte«, sagte Shubov in einem Interview.

Also ergriffen die Forscher selbst die Initiative und beantragten im April 2020 bei der FDA die Genehmigung zur Durchführung von zwei randomisierten Phase-I- beziehungsweise Phase-I/II-Studien. In diesen doppelblinden, placebokontrollierten Studien wollen sie die Sicherheit und Machbarkeit einer Behandlung von leichtem bis mittelschwerem Covid-19 entweder mit Heilpilzen oder mit einer chinesischen Kräuterrezeptur ausloten. Die gewählten Heilpilze werden seit langem als natürliche Therapeutika für Lungenkrankheiten eingesetzt. Mit der chinesischen Kräuterrezeptur werden Patienten mit Covid-19 im Rahmen der traditionellen chinesischen Medizin behandelt.

Die FDA genehmigte schließlich die MACH-19-Studien (Mushrooms and Chinese Herbs for Covid-19), die jetzt an der UCLA und der UCSD laufen und vom Krupp-Stiftungsfonds finanziert werden. In der Zwischenzeit wird in einer dritten MACH-19-Studie die Verwendung von Heilpilzen als Adjuvans für Covid-19-Impfstoffe untersucht. Über diese interessante Geschichte berichtet jetzt Anita Slomski in einem Medical News & Perspectives-Beitrag im Fachjournal »JAMA«.

Heilpilze als Ausgang für Covid-19-Therapeutika

Die erste Phase-I/II-Studie untersucht das therapeutische Potenzial zweier Pilze, die beide als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sind. Laut Saxe, der die MACH-19-Studie leitet, ist es biologisch plausibel, dass die beiden Pilze Trametes versicolor (Truthahnschwanz/Schmetterlingstramete) und Fomitopsis officinalis (Lärchenschwamm/Agarikon) immunmodulierende Eigenschaften gegen SARS-CoV-2 haben könnten.

Diese Pilze besitzen Polysaccharide, die wohl mit Rezeptoren auf T-Zellen interagieren können. Auf diese Weise könnten Immunzellen dahingehend moduliert werden, dass sie eine mögliche Wirkung gegen SARS-CoV-2 entfalten könnte, so Saxe. Der Lärchenschwamm zeigt in vitro inhibitorische Aktivitäten gegenüber verschiedenen Viren, zum Beispiel gegen Influenzaviren.

Der Truthahnschwanz wurde ausgiebig als Immunmodulanz im Rahmen von Chemotherapien untersucht. Eine 2012 von Forschern in Hongkong durchgeführte Metaanalyse von 13 klinischen Studien ergab eine 9-prozentige absolute Verringerung der Fünf-Jahres-Sterblichkeit bei Krebspatienten, die zusätzlich zur Chemotherapie mit Truthahnschwanz behandelt wurden.

Die MACH-19-Forscher glauben, dass die Kombination aus Truthahnschwanz und Lärchenschwamm das Potenzial hat, Covid-19 durch Hemmung der Virusreplikation positiv zu beeinflussen. Diese Hypothese soll demnächst in der Phase-II überprüft werden.

TCM-Rezeptur aus Wuhan im Test

In der zweiten Studie wird in Phase-I ein Mischextrakt aus 21 Kräutern aus vier chinesischen Kräuterrezepturen getestet, der zur Behandlung von Covid-19 in Wuhan entwickelt wurde. Für diese modifizierte Qing Fei Pai Du Tang-Rezeptur (mQFPD) scheinen umfangreich Erfahrungen vorzuliegen. »Die von uns verwendete Rezeptur basiert auf Vorschriften, die bis ins dritte Jahrhundert zurückreichen«, sagt Shubov, der Leiter der Studie.

So hatte man in einer großen Beobachtungsstudie in China zeigen können, dass Patienten, die Anfang 2020 mit Covid-19 stationär behandelt wurden und die mQFPD verwendeten, ein geringeres Sterberisiko aufwiesen als Patienten, die diese Rezeptur nicht erhielten.

Diese Studie weist allerdings erhebliche Mängel auf, da sich beispielsweise die Basismedikation in den beiden Behandlungsgruppen unterscheidet. Allerdings war der Effekt erstaunlich, denn die Patienten in der mQFPD-Gruppe wiesen ein um 50 Prozent niedrigeres Sterberisiko auf im Vergleich zu den Patienten, die den Pflanzenextrakt nicht bekamen.

Für jede der MACH-19-Behandlungsstudien planen die Forscher, 66 Patienten zu rekrutieren, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden und die sich mit leichten bis mittelschweren Symptomen in häuslicher Quarantäne befinden. Die Teilnehmer werden randomisieret und erhalten entweder die Pilzkombination, den chinesische Kräuterextrakt oder ein Placebo über zwei Wochen. Neben der Sicherheit werden die Forscher auch die Wirksamkeit im Bezug auf Covid-19-Symptome, deren Schweregrad und Dauer sowie die Zahl der Krankenhausaufenthalte und der Aufnahmen auf der Intensivstation untersuchen.

Pilze als Impfstoff-Adjuvans oder zu viel Immunstimulation?

Zudem untersuchen die Wissenschaftler auch, ob die Pilzmischung als Covid-19-Impfstoffadjuvans eingesetzt werden könnte. Dazu erhalten 66 Probanden ab dem Tag ihrer ersten Impfstoffdosis vier Tage lang die Pilzmischung oder ein Placebo. Personen mit früheren SARS-CoV-2-Infektionen können teilnehmen. »Wir messen die Antikörperspiegel der Teilnehmer zu Beginn der Studie und kontrollieren diese«, so Saxe.

Neben der Sicherheit wird in der Studie auch untersucht, ob die Pilzkombination die Antikörpertiter erhöht, die unerwünschten Wirkungen des Impfstoffs verringert, die therapeutische Dauer des Impfstoffs verlängert oder andere Marker der Immunfunktion beeinflusst.

Ein Cavet sehen Wissenschaftler darin, dass man das Immunsystem auch überreizen könnte. »Wir wissen, dass ein Zytokinsturm das größte Risiko für die Covid-19-Mortalität darstellt, nicht das Virus selbst. Die Gefahr bestehe darin, dass ein immunstimulierender Wirkstoff wie Pilze die Immunantwort einer Person überlagern und zu einem Zytokinsturm führen könne«, so Dr. D. Craig Hopp, der stellvertretende Direktor der Division of Extramural Research am National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH).

Der Immunologe Dr. Stephen Wilson, der als Leiter des La Jolla Institute for Immunology bei den MACH-19-Studien beratend tätig ist, sieht das anders. »Pilze dürften bei Menschen mit leichter oder mittelschwerer Covid-19 keinen Zytokinsturm auslösen, da ihre Bestandteile keine entzündlichen Zytokine imitieren«. Man gehe davon aus, dass jede Dosis das Zusammenspiel von angeborenem und adaptivem Immunsystem erhöht, erklärte Wilson in einem Interview.

Die TCM-Rezeptur scheint laut Hopp wenig oder gar keine Bedeutung für immunologische Reaktionen zu haben. Er sieht das Potenzial verschiedener chinesischer Kräuter, die bei der Behandlung von Covid-19 nützlich sein können, bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

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