| Laura Rudolph |
| 02.06.2026 15:45 Uhr |
Frauen zeigen häufig andere Symptome und eine andere Pathophysiologie bei einem Herzinfarkt als Männer. / © Getty Images/Patrick Heagney
Männer werden anders herzkrank als Frauen – mit Folgen, die sich bis heute in einer tendenziell höheren Sterblichkeit von Frauen niederschlagen. Dies ist nicht nur auf physiologische, sondern auch auf soziokulturelle Faktoren zurückzuführen, wie Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Seniorprofessorin an der Berliner Charité, in ihrem Vortrag veranschaulichte.
Das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei erst zu Beginn dieses Jahrhunderts gewachsen. »2004 haben wir festgestellt, dass die Sterblichkeit bei jüngeren Frauen nach Bypass-Operationen rund zweieinhalbmal so hoch war wie bei Männern. Das hat uns damals sehr überrascht«, berichtete Regitz-Zagrosek. Diese Erkenntnis habe maßgeblich zur Entwicklung der kardiovaskulären Genderforschung beigetragen.
Seniorprofessorin Dr. Vera Regitz-Zagrosek / © PZ/Alois Müller
»Das Bild, das wir von einem Herzinfarkt im Kopf haben, ist ein männliches«, so die Referentin. Symptome wie ein linksthorakaler Druck, der in den linken Arm ausstrahlt, seien bei Frauen unter 70 Jahren seltener. Bei ihnen äußert sich ein Herzinfarkt häufig unspezifischer, etwa durch Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Oberbauch- oder Rückenschmerzen, Nacken- und Kieferbeschwerden, starke Müdigkeit, Schwindel oder ein ausgeprägtes Erschöpfungsgefühl.
Dies führt dazu, dass ein Herzinfarkt bei Frauen häufig später erkannt wird. »Frauen mit Herzinfarkt gehen meist nicht direkt in die Notaufnahme, sondern zunächst zum Hausarzt – und auch das mit Verzögerung. Sie kümmern sich häufig noch zuerst um das Kind, die Katze, den Hund und den Mann«, sagte Regitz-Zagrosek.
Eine Untersuchung aus der Schweiz zeigte, dass der Zeitunterschied bis zur Vorstellung in der Notaufnahme im Jahr 2017 zwischen den Geschlechtern noch rund eine halbe Stunde betrug. Im Jahr 2002 hatten Frauen sogar durchschnittlich eine Stunde länger gewartet.
Auch die Mechanismen hinter einem Herzinfarkt unterscheiden sich deutlich. Bei Männern sind klassischerweise die großen Koronararterien betroffen. Bei Frauen unter 80 Jahren gehen Infarkte, Ischämien und Angina pectoris dagegen häufig nicht mit einer Obstruktion großer Herzkranzgefäße einher. Stattdessen liegen oft Störungen der Mikrozirkulation vor. »Die Beschwerden treten häufig scheinbar unvermittelt auf«, so die Referentin. Die eher diffusen Symptome und das Fehlen relevanter Gefäßverengungen können dazu führen, dass eine Koronarangiografie trotz bestehender Erkrankung unauffällig bleibt – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für Diagnose und Behandlung.