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Geschlechterforschung
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Frauenherzen werden anders krank

Herz-Kreislauf-Erkrankungen äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern. Dennoch orientieren sich Diagnostik und Wahrnehmung vielerorts noch am männlichen Krankheitsbild. Welche Folgen das hat und warum geschlechtersensible Medizin Leben retten kann, erläuterte eine Kardiologin beim Pharmacon in Meran.
AutorKontaktLaura Rudolph
Datum 02.06.2026  15:45 Uhr

Männer werden anders herzkrank als Frauen – mit Folgen, die sich bis heute in einer tendenziell höheren Sterblichkeit von Frauen niederschlagen. Dies ist nicht nur auf physiologische, sondern auch auf soziokulturelle Faktoren zurückzuführen, wie Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Seniorprofessorin an der Berliner Charité, in ihrem Vortrag veranschaulichte.

Das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei erst zu Beginn dieses Jahrhunderts gewachsen. »2004 haben wir festgestellt, dass die Sterblichkeit bei jüngeren Frauen nach Bypass-Operationen rund zweieinhalbmal so hoch war wie bei Männern. Das hat uns damals sehr überrascht«, berichtete Regitz-Zagrosek. Diese Erkenntnis habe maßgeblich zur Entwicklung der kardiovaskulären Genderforschung beigetragen.

»Das Bild, das wir von einem Herzinfarkt im Kopf haben, ist ein männliches«, so die Referentin. Symptome wie ein linksthorakaler Druck, der in den linken Arm ausstrahlt, seien bei Frauen unter 70 Jahren seltener. Bei ihnen äußert sich ein Herzinfarkt häufig unspezifischer, etwa durch Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Oberbauch- oder Rückenschmerzen, Nacken- und Kieferbeschwerden, starke Müdigkeit, Schwindel oder ein ausgeprägtes Erschöpfungsgefühl.

Dies führt dazu, dass ein Herzinfarkt bei Frauen häufig später erkannt wird. »Frauen mit Herzinfarkt gehen meist nicht direkt in die Notaufnahme, sondern zunächst zum Hausarzt – und auch das mit Verzögerung. Sie kümmern sich häufig noch zuerst um das Kind, die Katze, den Hund und den Mann«, sagte Regitz-Zagrosek.

Verzögerte Diagnose und Behandlung

Eine Untersuchung aus der Schweiz zeigte, dass der Zeitunterschied bis zur Vorstellung in der Notaufnahme im Jahr 2017 zwischen den Geschlechtern noch rund eine halbe Stunde betrug. Im Jahr 2002 hatten Frauen sogar durchschnittlich eine Stunde länger gewartet.

Auch die Mechanismen hinter einem Herzinfarkt unterscheiden sich deutlich. Bei Männern sind klassischerweise die großen Koronararterien betroffen. Bei Frauen unter 80 Jahren gehen Infarkte, Ischämien und Angina pectoris dagegen häufig nicht mit einer Obstruktion großer Herzkranzgefäße einher. Stattdessen liegen oft Störungen der Mikrozirkulation vor. »Die Beschwerden treten häufig scheinbar unvermittelt auf«, so die Referentin. Die eher diffusen Symptome und das Fehlen relevanter Gefäßverengungen können dazu führen, dass eine Koronarangiografie trotz bestehender Erkrankung unauffällig bleibt – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für Diagnose und Behandlung.

Störungen der Mikrozirkulation und Gefäßspasmen

Bei jüngeren Frauen sind häufiger Funktionsstörungen der kleinen Herzgefäße oder Gefäßspasmen und seltener Verengungen der großen Herzkranzgefäße die Ursache. Kommt es dadurch zu einer Minderdurchblutung des Herzmuskels, spricht man von INOCA (Ischemia with Non-Obstructive Coronary Arteries). Auch Herzinfarkte und Angina pectoris treten bei Frauen häufiger ohne relevante Verengung der Herzkranzgefäße auf. Diese Krankheitsbilder werden als MINOCA (Myocardial Infarction with Non-Obstructive Coronary Arteries) beziehungsweise ANOCA (Angina with Non-Obstructive Coronary Arteries) bezeichnet. Erst ab einem Alter von etwa 70 Jahren zeigen sich auch bei Frauen wieder vermehrt die »klassischen« Obstruktionen großer Koronargefäße.

Da auch Männer – wenn auch seltener – an INOCA, ANOCA und MINOCA erkranken, profitierten beide Geschlechter von den Erkenntnissen der Genderforschung, betonte die Referentin.

Regitz-Zagrosek machte zudem auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei kardiovaskulären Risikofaktoren aufmerksam. So habe Stress bei Frauen einen größeren Einfluss auf die Herzgesundheit als bei Männern. Hinzu kommen Risikofaktoren, die naturgemäß nur Frauen betreffen können, darunter eine frühe Menopause, das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, vormals polyzystisches Ovarialsyndrom, PCOS), Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie und postpartale Depressionen. »Bei Frauen, die sich einer Fertilitätstherapie unterzogen hatten, ist das Herz-Kreislauf-Risiko im Alter besonders stark erhöht.«

Da dieses Wissen in der Bevölkerung bislang nur unzureichend verbreitet sei, sieht Regitz-Zagrosek Apothekenteams als wichtige und niedrigschwellige Anlaufstellen für Aufklärung und Prävention.

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