| Christina Hohmann-Jeddi |
| 22.05.2026 16:20 Uhr |
Bei Frauen und Männern sind kardiologische Erkrankungen die Haupttodesursache. Sie unterscheiden sich aber in der Pathophysiologie. / © Adobe Stock/oes
»Kardiovaskuläre Erkrankungen sind bei Frauen mit rund 35 Prozent aller Todesfälle die führende Todesursache«, berichtete Dr. Priyanka Böttger von der Justus-Liebig-Universität in Gießen beim Internistenkongress Mitte April in Wiesbaden. Bei vielen Erkrankungen zeigten sich konsequent schlechtere Outcomes als bei Männern. So liegt nach Myokardinfarkt die Mortalität im ersten Jahr für Frauen bei 23 versus 18 Prozent bei Männern und die Fünf-Jahres-Mortalität bei 47 versus 36 Prozent. »Auch nach Schlaganfall haben Frauen ein deutlich ungünstigeres funktionelles Outcome«, sagte die Kardiologin.
Das gehe auch auf die Diagnostik zurück – so präsentierten Frauen sich häufiger mit atypischen Symptomen und kämen auch nach Auftreten von Symptomen später in der Klinik an. Der Unterschied der »Symptome to door«-Zeit betrage etwa 30 Minuten, berichtete Böttger. Das hänge auch mit der Erziehung der Frauen zusammen, die Schmerzen eher aushalten als Männer. Zudem seien Frauen therapeutisch unterversorgt, sie erhielten etwa weniger Revaskularisationen nach Myokardinfarkt und seltener eine leitliniengerechte Medikation.
Eine Rolle für die schlechteren Outcomes spiele auch die Evidenzlücke. »Frauen sind in Studien weiterhin stark unterrepräsentiert«, sagte Böttger. Zudem würden frauenspezifische Krankheitsbilder unzureichend charakterisiert und es fehlten genderspezifische pharmakologische Daten etwa zu Interaktionen und Dosierungen. »Wir behandeln Frauen immer noch nach Algorithmen, die aus männlich geprägten Kollektiven abgeleitet sind«, so die Medizinerin.
Die Evidenzlücke lasse sich klar quantifizieren. In einer aktuellen Metaanalyse von mehr als 1000 kardiologischen Studien mit insgesamt mehr als 1,4 Millionen Teilnehmenden, die in den Jahren 2017 bis 2023 registriert wurden, lag der Frauenanteil bei 41 Prozent ( »JAMA« 2025). Über alle untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinweg waren Frauen in klinischen Studien seltener vertreten als in der realen Population. Besonders deutlich wird das bei Arrhythmien und Schlaganfall. »Frauen sind systematisch unterrepräsentiert über das gesamte kardiovaskuläre Spektrum hinweg«, sagte Böttger. Überrepräsentiert waren Frauen hingegen der Analyse zufolge bei Adipositas und pulmonaler Hypertonie.
Leitlinien basierten demnach immer noch auf Daten aus männlich geprägten Studien, dabei unterschieden sich die Geschlechter hinsichtlich der Biologie und Pathophysiologie – etwa bei der koronaren Herzerkrankung, machte die Referentin deutlich. Frauen hätten im Mittel kleinere Koronararterien und damit höhere Scherstressbedingungen, was die hämodynamische Situation verändere, außerdem eine ausgeprägtere mikrovaskuläre Dysfunktion. Auch die Plaquebiologie unterscheide sich: Während bei Männern Rupturen dominieren, neigen Plaques bei Frauen zur Erosion. Das übersetze sich bei Frauen in ein anderes Krankheitsbild, sagte Böttger, weniger fokal obstruktive Läsionen, sondern eher eine diffuse Erkrankung mit atypischen Symptomen und einer stärkeren Assoziation mit einer Postinfarkt-Herzinsuffizienz.
Als Besonderheit bei Frauen käme hinzu, dass das kardiovaskuläre Risiko von verschiedenen Lebensphasen beeinflusst wird – wie Schwangerschaft und Postmenopause. Gerade in den Wechseljahren, vor allem, wenn diese besonders früh einsetzen, steige das kardiovaskuläre Risiko an. Für die Praxis bedeute dies, dass reproduktive Ereignisse, gynäkologische Erkrankungen wie polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS, jetzt umbenannt in PMOS) und das Alter bei Eintritt in die Wechseljahre bei der kardiologischen Anamnese mitberücksichtigt werden sollten.