| Kerstin A. Gräfe |
| 28.10.2026 07:00 Uhr |
Lena (sechs Jahre) konnte schon früh nicht krabbeln oder allein essen. Es dauerte lange, bis Ärzte herausfanden, dass sie am Rett-Syndrom leidet. / © Imago Images/Funke Foto Services
Das Rett-Syndrom ist eine seltene, genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung, die nahezu ausschließlich Mädchen betrifft. Ursache sind Mutationen im MECP2-Gen auf dem X-Chromosom. Die Erkrankung wird meist im Alter zwischen sechs und 18 Monaten erkannt, wenn Entwicklungsmeilensteine ausbleiben oder bereits erworbene Fähigkeiten wieder verloren gehen. Typische Symptome sind stereotype Handbewegungen, Unruhe, Stimmungs- und Angststörungen sowie Schlaf- und Kommunikationsprobleme.
Mit Trofinetid (Daybu® 200 mg/ml Lösung zum Einnehmen, Acadia Pharmaceuticals) ist seit Oktober erstmals eine in der EU zugelassene Therapie für diese Indikation verfügbar. Das Präparat ist zugelassen zur Behandlung neurologisch bedingter Verhaltenssymptome des Rett-Syndroms bei Patienten ab fünf Jahren.
Trofinetid ist ein synthetisches Analogon des Tripeptids Glycin-Prolin-Glutamat (GPE), das neuroprotektive Eigenschaften besitzt und in einem Rett-Syndrom-Mausmodell die synaptische Funktion teilweise wiederherstellen konnte. Der genaue molekulare Wirkmechanismus von Trofinetid in der Behandlung neurologisch bedingter Verhaltenssymptome des Rett-Syndroms ist unbekannt.
Daybu ist zum Einnehmen oder zur Verabreichung über eine Ernährungssonde bestimmt. Es wird zweimal täglich morgens und abends abhängig vom Körpergewicht angewendet:
Bei mittelschwerer Nierenfunktionsstörung wird die Dosis halbiert. Bei schwerer Funktionsstörung wird die Anwendung von Trofinetid nicht empfohlen.
Unter der Therapie mit Trofinetid können Diarrhö, Erbrechen und ausgeprägter Gewichtsverlust auftreten, was eine Dosisunterbrechung, -reduktion oder ein Absetzen der Behandlung erforderlich machen kann. Entwickeln Patientinnen Durchfall, sollten frühzeitig Antidiarrhoika eingesetzt sowie der Flüssigkeitsstatus engmaschig überwacht werden. Gegebenenfalls ist die orale Flüssigkeitszufuhr zu erhöhen. Die Einnahme von Abführmitteln sollte bereits vor Beginn einer Therapie mit Trofinetid beendet werden.
Tritt nach der Einnahme Erbrechen auf, darf keine zusätzliche Dosis verabreicht werden. Stattdessen ist die nächste Dosis zum vorgesehenen Zeitpunkt einzunehmen.
Trofinetid ist ein schwacher Inhibitor von CYP3A4 und P-Glykoprotein (P-gp). Bei gleichzeitiger Verabreichung mit CYP3A4- und/oder P-gp-Substraten wird eine engmaschige Überwachung empfohlen.
Frauen im gebärfähigen Alter sollten angewiesen werden, während der Behandlung eine zuverlässige Verhütungsmethode anzuwenden. Die Anwendung von Trofinetid während der Schwangerschaft oder bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Es ist nicht bekannt, ob Trofinetid in die Muttermilch übergeht. Ein Risiko für das Neugeborene/Kind kann nicht ausgeschlossen werden.
Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie LAVENDER mit 187 Patientinnen mit Rett-Syndrom im Alter von fünf bis 20 Jahren. Die Teilnehmerinnen erhielten über einen Zeitraum von zwölf Wochen entweder Trofinetid (n = 93) oder Placebo (n = 94).
Als koprimäre Endpunkte waren die Veränderungen des Gesamtscores im Rett Syndrome Behaviour Questionnaire (RSBQ) sowie im Clinical Global Impression-Improvement (CGI-I) nach zwölfwöchiger Behandlung gegenüber dem Ausgangswert definiert. Der RSBQ ist ein standardisierter Fragebogen, der von Bezugspersonen ausgefüllt wird und typische Verhaltensauffälligkeiten sowie emotionale Merkmale von Menschen mit Rett-Syndrom erfasst. Niedrigere Werte weisen auf eine geringere Symptomschwere hin. Der CGI-I dient der ärztlichen Gesamtbeurteilung des klinischen Zustands und erfasst, ob sich dieser im Vergleich zum Ausgangszustand verbessert oder verschlechtert hat. Niedrigere Scores sprechen für eine stärkere klinische Verbesserung.
Nach zwölf Wochen verringerte sich der RSBQ-Gesamtscore unter Trofinetid im Mittel um 4,9 Punkte, verglichen mit 1,7 Punkten unter Placebo. Der statistisch signifikante Behandlungsunterschied betrug −3,1 Punkte. Auch beim CGI-I zeigte sich ein signifikanter Vorteil zugunsten von Trofinetid: Der mittlere Score lag nach zwölf Wochen bei 3,5 gegenüber 3,8 unter Placebo, was einem Behandlungsunterschied von −0,3 Punkten entspricht. Häufigste Nebenwirkungen waren Diarrhö, Erbrechen und Gewichtsverlust.
Daybu ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.
Mit Trofinetid steht erstmals in der EU eine gezielte pharmakologische Therapie für das Rett-Syndrom zur Verfügung. Bislang gab es nur symptomatische und begleitende Therapien. Für die Betroffenen und ihre Familien ist das ein wichtiger Fortschritt, wenn auch die genetische Ursache der Erkrankung durch Trofinetid nicht behoben wird. Der Wirkstoff, ein synthetisches Analogon des Glycin-Prolin-Glutamat-Tripeptids, setzt an neurobiologischen Prozessen an und kann bestimmte Symptome der seltenen neurologischen Erkrankung lindern. Der genaue Wirkmechanismus ist bislang noch unzureichend geklärt. Die klinischen Effekte sind moderat und die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) weist darauf hin, dass die Hauptstudie für einige der wichtigsten Symptome des Rett-Syndroms, etwa Krampfanfälle, keine Wirksamkeitsnachweise bringt. Hinzu kommt, dass sehr häufige Nebenwirkungen wie Diarrhö und Erbrechen die Anwendung erschweren. Trofinetid ist daher vor allem eine therapeutische Innovation in einem bislang schlecht behandelbaren Indikationsgebiet. Da es der erste zugelassene Wirkstoff bei dieser Erkrankung ist, darf Trofinetid trotz der genannten Einschränkungen vorläufig als Sprunginnovation bewertet werden.
Sven Siebenand, Chefredakteur