| Brigitte M. Gensthaler |
| 29.06.2026 18:00 Uhr |
Das Mädchen Lena (6) leidet am Rett-Syndrom. / © Imago/Funke Foto Services
Kürzlich hat der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung von Trofinetid (Daybu®, Acadia Pharmaceuticals, Niederlande) nach einem Überprüfungsverfahren befürwortet. Die Indikation ist die Behandlung neurobehavioraler Symptome (Verhaltensauffälligkeiten) bei Patienten mit Rett-Syndrom ab fünf Jahren. Das Medikament kann Symptome wie Reizbarkeit oder motorische Einschränkungen lindern, wirkt aber individuell sehr unterschiedlich.
Trofinetid ist ein synthetisches Analogon des N-terminalen Tripeptids Glycin-Prolin-Glutamat des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1 (IGF-1) und hat neuroprotektive Eigenschaften. Sein Wirkmechanismus beim Rett-Syndrom ist nicht vollständig geklärt. Das Medikament wird als 200 mg/ml-Lösung zum Einnehmen erhältlich sein.
Das Rett-Syndrom ist eine seltene, angeborene neurologische Entwicklungsstörung und betrifft etwa eines von 10.000 bis 15.000 neugeborenen Mädchen (Kasten). Typisch sind der Verlust schon erlernter Sprach- und Handfähigkeiten, stereotype Handbewegungen und Gangstörungen. Flankierend gibt es viele weitere Symptome, die sich altersabhängig ändern können, zum Beispiel Krampfanfälle, Skoliose/Kyphose, Schlafstörungen und teils schwere Verhaltensauffälligkeiten.
Zulassungsrelevant ist vor allem eine zwölfwöchige placebokontrollierte Phase-III-Studie, in der 197 Patientinnen mit Rett-Syndrom zweimal täglich entweder Trofinetid oder Placebo bekamen. Bei den primären und zentralen sekundären Endpunkten wurden statistisch signifikante Verbesserungen beobachtet. Die Wirksamkeit wurde hinsichtlich der Verhaltensaspekte sowie auf der Skala »Clinical Global Impression-Improvement« (CGI-I) nachgewiesen. Obwohl die Effektstärken gering waren, wurde ihre klinische Relevanz angesichts der Gesamtheit der Daten als akzeptabel angesehen, schreibt die EMA. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Durchfall, Erbrechen und Gewichtsverlust.
Derzeit ist Trofinetid in Deutschland im Rahmen eines Härtefallprogramms für Patienten ab zwei Jahren erhältlich.
Ursache des Rett-Syndroms sind Mutationen im MECP2-Gen, die dazu führen, dass die Reifung der Neuronen und die Ausbildung von Synapsen gestört sind. Das Kind entwickelt sich in den ersten sechs bis 18 Monaten im Allgemeinen scheinbar normal. Es folgt typischerweise eine Regressionsphase, in der das Kind erworbene Kommunikationsfähigkeiten und die zielgerichtete Handnutzung verliert. Es kann eine Plateauperiode mit einer leichten kognitiven Erholung erleben, aber die Körperbewegungen bleiben stark vermindert.
Es können sich auch Handstereotype wie Händewringen und Klatschen sowie Ganganomalien entwickeln. Die meisten Rett-Patienten leben bis ins Erwachsenenalter und benötigen eine intensive Betreuung.
Eine genaue Prognose über den Verlauf gibt es nicht. Das ist sehr belastend für die Betroffenen, wie der Verein »Rett Deutschland – Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom« schreibt: »Wenn dann die Regressionsphase einsetzt und das Kind in rascher Folge Fähigkeiten verliert, innerhalb weniger Wochen oder Monate stark einbricht, stehen die Eltern hilflos dabei und sind innerlich zerrissen vor Mitleid, Angst, Entsetzen, Trauer.«