| Annette Rößler |
| 22.10.2026 18:00 Uhr |
Bei Patienten mit SPMS schreitet die Behinderung kontinuierlich fort. Viele sind im Verlauf nicht mehr gehfähig und auf einen Rollstuhl angewiesen. / © Getty Images/Luis Alvarez
Die sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS) ist eine Verlaufsform der MS, die sich aus einer schubförmig remittierenden MS (RRMS) entwickeln kann. Kennzeichnend ist eine kontinuierliche, schleichende Verschlechterung der Beschwerden. Krankheitsschübe, die für die RRMS prägend sind, treten bei SPMS dagegen nur noch selten auf.
In der Leitlinie heißt es zur Behandlung der SPMS: »Nach der aktuellen Studienlage stehen nur für die aktive SPMS, definiert durch den Nachweis von Schubaktivität oder neuen Läsionen in der MRT, wirksame Immuntherapeutika zur Verfügung.« Bei nicht aktiver SPMS fehlen immuntherapeutische Optionen; ein zeitlich begrenzter Therapieversuch mit einem Anti-CD20-Antikörper könne laut Leitlinie erwogen werden.
Tolebrutinib (Cenrifki® 60 mg Filmtabletten, Sanofi-Aventis) ist nun das erste zugelassene Immuntherapeutikum bei SPMS ohne Schübe. Der Bruton-Tyrosinkinase-(BTK-)Hemmer darf bei erwachsenen Patienten mit SPMS eingesetzt werden, die in den letzten zwei Jahren schubfrei waren. Die Wirksamkeit bei MS beruht vermutlich auf einer Aktivierung von B-Zellen, Makrophagen und Mikroglia sowohl in der Peripherie als auch im ZNS.
Die empfohlene Dosis beträgt 60 mg einmal täglich zu einer Mahlzeit. Die Einnahme soll möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit erfolgen. Die Tabletten sind im Ganzen mit Wasser einzunehmen. Abhängig von der Leberfunktion können gemäß Anleitung in der Fachinformation eine Unterbrechung der Therapie oder ein dauerhaftes Absetzen notwendig werden.
Tolebrutinib kann die Leber schädigen. Bei Patienten mit leichter Leberfunktionsstörung ist bei der Anwendung Vorsicht geboten, bei Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Leberfunktionsstörung ist sie kontraindiziert. Eine weitere Kontraindikation stellt eine schwere Immundefizienz dar.
Um das Risiko eines arzneimittelbedingten Leberschadens (Drug-induced Liver Injury, DILI) zu minimieren, müssen die Blutwerte von Alanin-Aminotransferase (ALT), Aspartat-Aminotransferase (AST), alkalischer Phosphatase und Bilirubin engmaschig kontrolliert werden. Die Patienten müssen über Symptome einer Leberfunktionsstörung wie Müdigkeit, Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen und Fieber aufgeklärt sein und bei deren Auftreten die Behandlung unterbrechen. Sie müssen zudem einen Patientenleitfaden ausgehändigt bekommen und eine Patientenkarte während der Behandlung stets bei sich tragen.
Wichtig ist zudem, dass Patienten insbesondere während der ersten zwölf Behandlungswochen keine weiteren Arzneimittel einnehmen dürfen, die die Leber belasten. Das gilt auch für pflanzliche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel.
Tolebrutinib wird hauptsächlich durch CYP2C8 und in geringem Maß durch CYP3A4 verstoffwechselt, wobei der aktive Metabolit ausschließlich über CYP2C8 gebildet wird. Die gleichzeitige Anwendung mit moderaten oder starken CYP2C8-Inhibitoren oder -Induktoren sollte vermieden werden. Wird ein moderater oder starker CYP2C8-Induktor nur über weniger als zwei Wochen gleichzeitig mit Tolebrutinib angewendet, kann die Behandlung fortgesetzt werden.
Vorsicht ist geboten bei gleichzeitiger Anwendung von Tolebrutinib mit anderen Immunsuppressiva, darunter auch Corticosteroide in Langzeittherapie. Unter der Therapie mit Tolebrutinib dürfen keine Impfungen mit Lebendimpfstoffen erfolgen. Die Immunantwort auf Impfungen mit Totimpfstoffen kann beeinträchtigt sein.