| Daniela Hüttemann |
| 24.04.2026 18:00 Uhr |
Bei der sekundär progredienten Multiplen Sklerose kommt es zu einem Fortschreiten der Erkrankung, häufig auch ohne aktive Schübe. Mit der Zeit verlieren die Betroffenen ihre Eigenständigkeit. / © Getty Images/StockPlanets
Die sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS) entwickelt sich oft nach Jahren aus einer schubförmigen MS (RRMS), der häufigsten MS-Form. Dabei kommt es mit oder ohne Schübe zu einer zunehmenden Verschlechterung der Symptome wie Fatigue, kognitiven Beeinträchtigungen, Bewegungsstörungen und einem Verlust der Unabhängigkeit.
Eine aktive SPMS, bei der noch Schübe auftreten, wird laut Leitlinie mit Siponimod oder (off Label) Ocrelizumab behandelt. Für die progrediente, nicht aktive SPMS ohne Schübe und ohne MRT-Aktivität gibt es derzeit keine zugelassene krankheitsmodifizierende Therapie. Das könnte sich bald ändern, denn die EMA empfiehlt nun die Zulassung von Tolebrutinib zur Behandlung von SPMS-Patienten ohne Schübe in den vergangenen zwei Jahren.
Tolebrutinib ist ein oral verfügbarer, ZNS-gängiger Brutonkinaseinhibitor. Er wurde laut Hersteller Sanofi spezifisch dafür designt, chronische Neuroinflammation zu dämpfen und damit die Ursache der Erkrankung zu bekämpfen.
Die Zulassungsempfehlung basiert auf der Phase-III-Studie HERCULES, an der 1131 Patientinnen und Patienten mir nicht schubförmiger SPMS teilnahmen. Zwei Drittel bekamen einmal täglich 60 mg Tolebrutinib, ein Drittel ein Placebo. Primärer Endpunkt war ein Stopp des Fortschreitens von Behinderungen für mindestens sechs Monate. Während sich bei 30,7 Prozent der Teilnehmenden unter Placebo der Behinderungsgrad verschlechterte, waren es unter Tolebrutinib nur 22,6 Prozent – eine relative Risikoreduktion um 31 Prozent. Die Daten wurden vor fast genau einem Jahr im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.
Das Sicherheitsprofil sei über das gesamt Studienprogramm konsistent, teilte Sanofi mit. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Covid-19 und Infektionen der oberen Atemwege. Auch erhöhte Leberwerte wurden sehr häufig beobachtet. Arzneimittelinduzierte Leberschäden (DILI) wurden als Sicherheitsrisiko eingestuft. Daher wird eine strenge Überwachung der Leberfunktion unter der Behandlung empfohlen.
Tolebrutinib wird auch bei der häufigsten MS-Form RRMS im GEMINI-Studienprogramm untersucht sowie in der PERSEUS-Studie bei primär progredienter MS (PPMS). Hier sollen entsprechende Zulassungsanträge folgen. Über die Erstzulassung bei SPMS muss nun die Europäische Kommission in den kommenden Monaten entscheiden.