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Diäten

Eine für alle gibt es nicht

Ob Zucker, Fett oder andere Nährstoffe: Wie der Körper auf verschiedene Lebensmittel reagiert, ist einer neuen Studie zufolge von Mensch zu Mensch so unterschiedlich, dass allgemeine Diätempfehlungen sinnlos erscheinen.
Annette Rößler
22.07.2020  10:00 Uhr

Die Kurven der Fallzahlen von Übergewicht und Adipositas kennen in den Industrienationen seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Weder die Appelle von Medizinern und Gesundheitspolitikern noch die diversen Diätempfehlungen aus Illustrierten und Social-Media-Kanälen hatten diesem Trend etwas entgegenzusetzen. Für einzelne Ernährungskonzepte wie die DASH-Diät oder die mediterrane Kost konnten zwar in Studien positive Effekte etwa auf das Herz-Kreislauf-System gezeigt werden. Doch funktionieren diese lange nicht für jeden Menschen gleich gut, was sicher auch, aber nicht nur an mangelnder Disziplin beim Essen liegt.

Ein bislang noch sehr wenig erforschter Faktor in diesem Zusammenhang ist die individuelle metabolische Reaktion eines Menschen auf die Nahrungsaufnahme. Diese fällt nämlich nicht bei allen Menschen gleich aus – und variiert auch bei ein und derselben Person abhängig von der Tageszeit erheblich. Das berichten Forscher um Professor Dr. Sarah Berry vom King's College in Londonaktuell im Fachjournal »Nature Medicine«.

Die vorliegende Auswertung ist der erste Teil der noch laufenden PREDICT-Studie (Personalized Responses to Dietary Composition), PREDICT 1. Berücksichtigt wurden 1002 Erwachsene aus Großbritannien, darunter auch Hunderte Zwillingspaare, sowie 100 aus den USA, die zur Validierung der Ergebnisse dienten. Bei den Teilnehmern wurden zunächst im Studienzentrum verschiedene Blutwerte, genetische Marker und die Diversität des Mikrobioms bestimmt sowie ihre Ernährungsgewohnheiten abgefragt. Zusätzlich wurden die Ausschüttung von Insulin und der Anstieg der Glucose- und Lipidwerte im Blut als Reaktion auf genau definierte Mahlzeiten erfasst. Die folgenden 13 Tage verbrachten die Probanden zu Hause, wo sie vorgegebene Mahlzeiten verzehrten, aber auch selbst gewählte. Währenddessen wurden sie über tragbare Devices weiter »vermessen«, etwa mittels kontinuierlicher Glucosemessgeräte und Schrittzählern.

Erstaunlich große Unterschiede

Die gemessenen interindividuellen Unterschiede der metabolischen Reaktion auf die Nahrungsaufnahme waren erstaunlich groß. So variierte etwa das Ausmaß des postprandialen Triglycerid-Anstiegs von Proband zu Proband nach dem Verzehr der identischen Mahlzeit um 103 Prozent, das der Glucose um 68 Prozent und das der Insulin-Ausschüttung um 59 Prozent. Individuelle Faktoren wie das Mikrobiom hatten dabei hinsichtlich der Fettaufnahme einen größeren Einfluss als die Zusammensetzung der Mahlzeit. Bezüglich des Blutzuckeranstiegs war es dagegen umgekehrt: Hier spielte es eine größere Rolle, was genau die Teilnehmer aßen, während individuelle Faktoren weniger Einfluss hatten.

Mit welchen Makronährstoffen – Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße und Ballaststoffe – der Metabolismus eines Probanden am besten zurechtkam, war dabei individuell unterschiedlich und ließ sich bemerkenswerterweise anhand der Gene kaum vorhersagen. So kam es vor, dass von zwei eineiigen Zwillingen der eine auf eine Kohlenhydrat-reiche Mahlzeit eine gesunde Reaktion zeigte, auf eine fettreiche aber nicht, während es bei seinem Geschwister genau andersherum war. Bei eineiigen Zwillingen stimmte das Mikrobiom zudem nur zu etwa einem Drittel überein.

Auch die Tageszeit spielte eine Rolle – jedoch nicht bei allen Teilnehmern. Bei einigen Probanden löste eine identische Mahlzeit abhängig von der Uhrzeit, zu der sie verzehrt wurde, verschiedene metabolische Reaktionen aus. Bei anderen Probanden hatte die Tageszeit wiederum keinerlei Einfluss auf die Stoffwechsel-Antwort, wenn sich an der Zusammensetzung der Mahlzeit nichts geändert hatte. Ein und dieselbe Person zeigte jedoch auf eine definierte Mahlzeit, wenn sie an verschiedenen Tagen um dieselbe Uhrzeit verzehrt wurde, stets dieselbe Reaktion.

Konsequenzen für die Praxis

Die erste Lehre, die sich aus diesen Ergebnissen ziehen lässt, lautet: Es gibt nicht die eine Ernährungsweise, die für jeden Menschen ideal ist. Zweitens: Auch eine Speisenauswahl auf Basis genetischer Merkmale ist nicht zielführend. Drittens: Die Tageszeiten, zu denen gegessen werden sollte, sind individuell unterschiedlich. Pauschale Empfehlungen wie »kein Essen mehr nach 18 Uhr« sind genau das, nämlich pauschal und damit bei Weitem nicht für alle Menschen optimal. Da die Reaktion auf bestimmte Nahrungsmittel zu bestimmten Tageszeiten jedoch bei einem bestimmten Menschen immer gleich ist, lassen sich in Kenntnis dieser Reaktionen individuelle Empfehlungen ableiten.

Auf absehbare Zeit wird es sicherlich zu aufwendig sein, jeden Diätpatienten erst all den Tests zu unterziehen, die die Teilnehmer der PREDICT-1-Studie durchliefen, um daraus einen personalisierten Diätplan abzuleiten. Deshalb werden Menschen, die ihre Ernährung optimieren wollen, weiter bei der bewährten Methode bleiben müssen: ausprobieren, was einem guttut, und das dann beibehalten. Dies allerdings nun mit der Gewissheit, dass es keine Diät mit Erfolgsgarantie gibt.

Auch Entzündungsmarker steigen an

Auf der Plattform »The Conversation« weist Seniorautor Professor Dr. Tim Spector noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin, den die Gruppe kürzlich bei einer Fachtagung auf einem Poster unabhängig von den anderen Studienergebnissen präsentierte. Das Ausmaß, in dem Entzündungsmarker wie Interleukin-6 und GlycA nach den Mahlzeiten anstiegen, habe bei den Studienteilnehmern um bis zu Faktor 10 variiert. Auch bei anscheinend gesunden Probanden seien die Entzündungsmarker dabei teilweise stark angestiegen, und zwar infolge einer ungesunden metabolischen Reaktion auf eine fettreiche Mahlzeit.

Diese Art der Reaktion nennt Spector eine Diätentzündung (Dietary Inflammation). Sie steht laut dem Genetiker und Epidemiologen mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes, nicht alkoholische Fettleber und Adipositas in Zusammenhang. Mit einer individuell optimierten Diät lasse sich so womöglich nicht nur das Gewicht ideal kontrollieren, sondern auch das Risiko für diese Folgeerkrankungen.

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