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Virologe Drosten

Die zweite Welle muss nicht kommen

Wie hoch der Dispersionsfaktor κ von SARS-CoV-2 ist, weiß man derzeit noch nicht. Wie bei Vielem, was das neue Coronavirus betrifft, orientierte sich die Wissenschaft auch diesbezüglich zunächst am Vorläufer des aktuellen Pandemievirus, SARS-CoV-1. Dieses hatte mit circa 0,1 einen sehr niedrigen κ-Wert. »Das bedeutet, dass 73 Prozent aller SARS-Infizierten weniger als einen Folgefall angesteckt haben, dass aber 6 Prozent mehr als acht Folgefälle angesteckt haben«, erklärte Drosten. Eine wahrscheinliche Erklärung für diesen sehr niedrigen Dispersionsfaktor sei gewesen, dass SARS-CoV-1 nicht in den oberen Atemwegen repliziert. Patienten, bei denen das Virus bereits die Lunge befallen habe, seien zu krank gewesen, um noch herumzulaufen und andere anzustecken.

Dies sei bei SARS-CoV-2 völlig anders. »Dieses Virus repliziert im Gegensatz zu SARS stark in den oberen Atemwegen«, so Drosten. Auch Infizierte mit nur leichten oder gar keinen Symptomen könnten bereits ansteckend sein. Als das klar wurde, sei man daher davon ausgegangen, dass κ nahe 1 sei, sich der Erreger also sehr gleichmäßig verbreite.

Für die Kontrollierbarkeit der Epidemie hätte das einen großen Nachteil bedeutet. Denn ein Infektionsgeschehen, das von Superspreadern getrieben wird, ist leichter einzudämmen als eines, das sich gleichmäßig ausbreitet. Ein hochinfektiöser Patient sei nämlich nicht unbedingt deshalb so infektiös, weil er eine höhere Viruslast habe als andere, so Drosten. Dies könne zwar ein Grund sein. Ein anderer Grund könne aber auch sein, dass der Superspreader sich in einer sozialen Situation befinde, in der er die Gelegenheit habe, viele andere anzustecken. »Und wenn man diese Situationen abschafft, schafft man auch diese Gelegenheiten ab«, verdeutlichte Drosten.

Der Dispersionsfaktor κ von SARS-CoV-2 sei zuletzt von verschiedenen Arbeitsgruppen geschätzt worden. Er halte die Schätzung der Arbeitsgruppe um den Epidemiologen Professor Dr. Gabriel Leung aus Hongkong von 0,45 für realistisch, sagte Drosten. Das sei zwar leider ein relativ hoher Wert, der anzeige, dass das Virus nicht so einfach unter Kontrolle zu halten sei. Die Studie von Leung und Kollegen habe aber auch gezeigt, dass im Fall eines Infektionsclusters eine verzögerte Isolierung der Fälle das Cluster nicht vergrößere – was sich erst einmal positiv anhöre. »So ist es aber nicht gemeint«, sagte Drosten. Es sei vielmehr so, dass auch eine sehr schnelle Isolation von Infizierten noch zu spät komme, wenn man erst die Bestätigung der Infektion abwarte. »Man kann keine Zeit mehr gewinnen durch eine Diagnostik im Cluster, weil die Übertragung schon läuft. Es ist alles schon entschieden.«

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