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E-Health

»Die neuen Anwendungen können alles«

App statt Arzt: Digitale Anwendungen und webbasierte Dienste werden künftig in vielen Bereichen den Arzt ersetzen. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin, skizzierte auf dem DAV-Wirtschaftsforum die Gesundheitsversorgung der nahen Zukunft.
Ev Tebroke
10.05.2019
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Sprachassistenten wie Alexa kümmern sich: Anhand Ihrer Stimme hat der internetbasierte Dienst morgens erkannt, dass Sie schlapp sind und gleich mal ein paar Vitamine bestellt. Und während Sie mit der neusten Musik im Ohr zur Arbeit gehen, weiß Google bereits, dass Sie bald krank sein werden. Denn der Internet-Gigant patentiert zurzeit eine Technologie zur Erfassung der Körpertemperatur über Ohrstöpsel. Digitale Anwendungen werden in vielen maßgeblichen Bereichen die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ersetzen und generell viele Gesundheitsdienstleistungen übernehmen. Das illustrierte der Experte für Internetmedizin, Markus Müschenich, auf dem Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbands (DAV), das am 8. und 9. Mai in Berlin stattfand.

»Die neuen Anwendungen können alles«, so Müschenich. »Und deshalb knabbern sie am Gesundheitswesen.« Denn da, wo sie an Markt gewinnen, müssen analoge Dienstleister einpacken. Was für Ärzte und Patienten eine Entlastung oder einen Zugewinn darstellt, könnte vielen Unternehmen das Wasser abgraben. Zahlreiche Konzerne – insbesondere in den USA – haben demnach bereits die Weichen gestellt, um im medizinischen Terrain mit digitalen Services Kernkompetenzen anderer Unternehmen zu kapern. Amazon und Google sind dabei die bekanntesten, ersteres baut zurzeit mit seiner Amazon-Health-Company eine eigene Gesundheitssparte auf. Zuletzt hatte Amazon die Online-Apotheke Pillpack geschluckt. Diese kann so auf einen Schlag mit einem Kundestamm von 310 Millionen Kunden agieren. In England wiederum werden rund 40 Millionen Patientenakten über die Amazon-Cloud gehostet. Gleichzeitig patentiert Amazon derzeit seine Sprachassistentin Alexa für Diagnosen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wie Müschenich erläuterte, wird der Patient bei gewissen Indikationen in Zukunft eine App verschrieben bekommen. Beispiel Migräne: Apps wie etwa M-sense kümmern sich um Therapieüberwachung, Diagnose-Anpassung und mittelfristig auch um Empfehlung eines Medikaments. Über ein Migräne-Tagebuch, das der Nutzer zur Identifikation von Auslösefaktoren führt, erhält der Anbieter Unmengen an Daten, die wiederum seinem System helfen, Diagnosen und Services kontinuierlich zu optimieren. Auch Diabetes-Apps wie etwa Mysugr, die 2017 von Roche gekauft wurde, werden so immer erfolgreicher. Laut Müschenich hat diese App weltweit bereits 1,4 Millionen Nutzer und täglich kommen 1000 neue Nutzer hinzu. Das mache zwei Milliarden Datenpunkte, wichtige Informationen zur Diagnose-Optimierung. Und bares Geld für den Anbieter, denn gleichzeitig liefern solche Apps Patienten im kostengünstige Bundle Blutzucker-Messgeräte, -Teststreifen und dergleichen, sobald die alten aufgebraucht sind.

Müschenich spricht hier von disruptiven Prozessen, also solche, die anderen Konkurrenten jegliche Chancen auf Wettbewerb nehmen. Ein bedrohliches Szenario, dem es rechtzeitig gegenzusteuern gilt. »Virtuelle digitale Themen schieben sich zwischen Arzt und Patient.« Dabei entstehen neue digitale Wertschöpfungsketten, die die analogen Wertschöpfungsketten umhüllen. Die Frage hierbei, so Müschenich: »Bekennt sich das Gesundheitsministerium in seinem E-Health-Gesetz dazu, dass hier Geld aus den analogen Bereichen in die digitalen abfließen muss?« Dies koste viel Geld, das nicht durch Beiträge finanziert werden könne. Für 2025 rechnet der Experte mit rund 100 Milliarden Euro, die für digital assoziierte Leistungen zu Verfügung stehen müssen.

 

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