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Remdesivir

Die Forschung geht weiter

Remdesivir (Veklury®) ist bislang der größte Hoffnungsträger zur Behandlung von Covid-19-Patienten. Mit beispielloser Geschwindigkeit wurde der RNA-Polymerasehemmer, der ursprünglich gegen andere Viruserkrankungen entwickelt worden war, auf Covid-19 umgemünzt, getestet und zugelassen. Welche Fragen sind trotzdem noch offen und wie geht es weiter mit Remdesivir? Dr. Karsten Kissel, Executive Director, Medical Affairs Germany beim Hersteller Gilead, gibt Antworten.
Annette Rößler
Sven Siebenand
29.07.2020  10:00 Uhr

Kissel: Ebola ist tatsächlich die Indikation, in der Remdesivir vor Covid-19 am intensivsten untersucht wurde. Aber es als Ebola-Medikament zu bezeichnen, ist nicht richtig, denn es wurde nie gegen Ebola zugelassen. Remdesivir ist ein antivirales Breitspektrum-Medikament, das im Labor eine antivirale Wirksamkeit gegen ganz unterschiedliche Virustypen gezeigt hat. Die Entwicklung begann vor circa zehn Jahren. In vitro und in vivo wurde es unter anderem gegen das respiratorische Synzytialvirus, die Coronaviren SARS und MERS, das Nipahvirus und Paramyxoviren getestet, an Patienten aber bislang nur bei Ebola und Covid-19.

PZ: Strebt Gilead eine Zulassung auch für andere Virusinfektionen an?

Kissel: Eine Zulassung bei Ebola ist noch nicht ganz vom Tisch. Remdesivir hat zwar in der PALM-Studie, in der vier Medikamente miteinander verglichen wurden, eine vergleichsweise geringe Wirkung gezeigt, sodass der entsprechende Arm beendet wurde. Dennoch ist eine weitere Studie in Vorbereitung mit Patienten, die Ebola überlebt haben. Momentan sind wir ganz auf Covid-19 fokussiert.

PZ: Was konnte Remdesivir in Studien bei Covid-19 bislang zeigen?

Kissel: Das wichtigste Ergebnis war sicher die Zwischenauswertung der ACTT-Studie, die unter der Federführung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH steht. Diese Studie enthält auch einen Placeboarm. Die Zwischenauswertung zeigte, dass die Zeit bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus um vier Tage verkürzt war bei Patienten, die mit Remdesivir behandelt wurden. Das waren Patienten, die zum großen Teil auf Intensivstation waren und auch beatmet wurden.

Wenn wir jetzt über die Mortalität sprechen, also die Frage: Rettet Remdesivir Leben? Da würde ich sagen, es gibt Hinweise dafür, dass es wahrscheinlich so ist, aber der letztliche Beweis steht noch aus. Kürzlich wurden Daten der SIMPLE-Severe-Studie von Gilead bei einer Konferenz präsentiert, die eine 62-prozentige Verringerung der Mortalität gegenüber einer gematchten Vergleichsgruppe zeigen. Diese Studie enthält allerdings keinen Placeboarm.

Es gibt Hinweise darauf, dass Remdesivir Leben rettet, aber der letztliche Beweis steht noch aus.
Dr. Karsten Kissel

PZ: Laufen alle diese Studien noch?

Kissel: Ja. Bei den drei großen Studien, der NIH-Studie und den beiden SIMPLE-Studien von Gilead, beziehen sich die Publikationen bislang erst auf wenige Hundert Patienten. In die Studien sind aber zum Teil mehrere Tausend Patienten eingeschlossen. Wir erwarten überall noch Veröffentlichungen mit längerer Nachbeobachtungsdauer und höheren Fallzahlen. Da werden wir hoffentlich auch eine Bestätigung der Sicherheitsdaten sehen und einen signifikanten Überlebensvorteil.

PZ: Wann ist mit den nächsten Ergebnissen zu rechnen?

Kissel: Das Entscheidende ist hier die NIH-Studie. Von der wissen wir nicht genau, wann die Analyse veröffentlicht wird, weil Gilead die Studie nicht selbst durchführt. Eigentlich müssten die Daten vorliegen. Es wird also wahrscheinlich nicht mehr lange dauern.

PZ: Werden auch bestimmte Kombinationstherapien getestet?

Kissel: Es kristallisiert sich heraus, dass man bei Covid-19 antivirale und antientzündliche Behandlungen kombinieren beziehungsweise sequenzieren muss, und zwar indem man die antiviralen Therapien früher im Verlauf gibt und die antientzündlichen später. Zu späteren Zeitpunkten spielt die Virusreplikation keine so große Rolle mehr, dafür aber die Immunvorgänge in der Lunge. Im Moment laufen Studien mit Remdesivir in Kombination mit dem Interleukin-6-Rezeptor-Antagonisten Tocilizumab und mit dem Januskinase-Inhibitor Baricitinib. Auch eine Kombination mit Dexamethason ist denkbar.

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