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Gematik-Chef Leyck Dieken

»Der DAV ist in der Pole-Position«

Der neue Chef der Gematik Markus Leyck Dieken hat sich viel vorgenommen. Unter anderem steht das E-Rezept ganz oben auf seiner Agenda. Von der Überfülle an Projekten aus diesem Bereich hält er die Patienten-App des Deutschen Apotheker Verbands (DAV) derzeit für die überzeugende Lösung, wie er im PZ-Interview betont.
Jennifer Evans
Ev Tebroke
12.11.2019
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PZ: Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) ist seit Mai 2019 mit 51 Prozent Hauptgesellschafter der Gematik. Was hat sich an der Arbeit im Haus seit Ihrem Amtsantritt verändert?

Leyck Dieken: Das Ministerium hat nicht 51 Prozent übernommen, um einfach nur ein Gesellschafter zu sein, sondern um die Spielregeln innerhalb der Gematik zu verändern. Meine Aufgabe ist es nun, den Modus Operandi um 180 Grad zu drehen – und zwar von passiver Dienstbarkeit zum aktiven Konzepthaus. Das bedeutet auch für die rund 300 Mitarbeiter eine große Veränderung. Wir treten jetzt in den Dialog mit der Außenwelt. Das hat es vorher in dieser Form nicht gegeben.

PZ: Wie muss man sich die neue Arbeitsstruktur konkret vorstellen?

Leyck Dieken: Grundsätzlich haben wir die Struktur gestrafft. Die einzelnen Details der Konzeptionen liegt nun nicht mehr in der Hand der Gesellschafter, sondern bei uns. Wir haben uns in den drei Bereichen Konzept-, Test- und Zulassungsphase vollständig verändert. Die Konzepte werden künftig ausschließlich im Austausch mit der Versorgungsrealität entstehen. Dazu müssen wir die Versorgungslage genau kennen und im Austausch mit der Industrie stehen. Getestet wird in Zukunft nur noch, was auch von uns zertifiziert wird. In der Zulassungsphase wollen wir serviceorientierter werden. Dazu gehört, die Hersteller mit klaren Terminen und Ansprechpartnern zu versorgen, um Missverständnisse zu vermeiden.

PZ: Sie haben angekündigt, dass auch die Programmierer in Zukunft anders arbeiten werden. Wie soll das aussehen?

Leyck Dieken: Bisher haben wir mit Lastenheften gearbeitet und sehr wenig mit der sogenannten Scrum-Technologie, also einem iterativen Arbeitsprozess. Der geht von Konzeption, über Abtasten des Bedarfs beim Kunden bis hin zur erneuten Anpassung, um ein Produkt reifen zu lassen. Das ermöglicht uns im Vergleich zur alten Vorgehensweise, die neuen Erkenntnisse direkt einfließen zu lassen. Die Konzepte wollen wir künftig dann in einem größeren Umfeld – auch außerhalb des Gesellschafterkreises – verteilen, um mehr Ideen zugespielt zu bekommen.

PZ: Wie kommen die Neuerungen bei den Gesellschaftern an?

Leyck Dieken: Ich glaube, die Gesellschafter haben erkannt, dass dies der einzig gangbare Weg ist, um nach vorne zu kommen. Viele haben sich gegenüber der Gematik neu positioniert. Man will nun gemeinsam Vater des Erfolgs sein.

PZ: Angesichts des Zeitdrucks bis zur Einführung der elektronischen Patientenakte (EPA) Anfang 2021, was sind Ihre Prioritäten?

Leyck Dieken: Von den 17 Projekten in unserem Haus haben wir drei als Schlüsselvorhaben identifiziert, die wir als Schaufensterprojekte bezeichnen. An ihnen wird sich messen lassen, ob die Gematik in der Lage ist, zeitgerecht zu liefern. Das ist die elektronische Patientenakte, das E-Rezept sowie die sichere Kommunikation zwischen Leistungserbringern.

PZ: Wie sieht es mit der Umsetzung des E-Rezepts aus? Wann rechnen Sie mit dem bundesweiten Rollout?

Leyck Dieken: Zum 30. Juni 2020 müssen wir die Spezifikationen liefern. Wir haben überhaupt keinen Zweifel daran, dass wir das schaffen werden – solange die gesetzlichen Rahmenbedingungen keine Überraschungen bringen. Wenn die Industrie dann beginnt, ihre Produkte zu designen, können wir vermutlich die bundesweite Einführung des E-Rezepts kurz nach Start der EPA im ersten Quartal 2021 sehen. Aufgrund der vielen aktuellen Pilotprojekte halte ich das durchaus für realistisch. Das genaue Rezept-Design werden dabei die Partner des Bundesmantelvertrags festlegen.

PZ: Die Apotheker befürchten Lieferengpässe bei den Konnektoren, weil die Industrie mit der Produktion nicht hinterherkommt. Denken Sie, dass die Anbindung der Apotheken fristgerecht möglich sein wird?

Leyck Dieken: Da die vier Anbieter in unterschiedlichem Tempo unterwegs sind, arbeiten wir zurzeit daran, für einzelne Hersteller Überbrückungslösungen bereitstellen zu können. Deshalb sind wir optimistisch, dass die Apotheker rechtzeitig zum September 2020 an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sind.

PZ: Zunächst soll es das klassische GKV-Rezept digital geben, wie sieht es mit den anderen Rezeptarten aus?

Leyck Dieken: Das Betäubungsmittel- und das T-Rezept werden ein Jahr später kommen. Wir sind auch in der Diskussion zum Grünen Rezept und anderen Rezeptformen. Es geht darum, der Ärzteschaft das breite Angebot zu liefern, das sie derzeit auch analog benutzt. Das sollten wir digital auch widerspiegeln. Wie hoch die Nutzungsfrequenz dann ist, wird man sehen müssen.

PZ: Hinsichtlich einer verbesserten AMTS ist eine Einbindung von OTC in den elektronischen Medikationsplan gewünscht, oder?

Leyck Dieken: Wir setzen derzeit in der Konzeption alles daran, dass dies auch geschieht. Der elektronische Medikationsplan kann aus unserer Sicht nur vernünftig funktionieren, wenn er über die rezeptpflichtigen Arzneimittel hinaus auch OTC-Medikamente aufführt.

»Bei der Vielzahl der bunten Pilotprojekte zum E-Rezept steht der DAV in einer gewissen Pole-Position.«

PZ: Wie wollen Sie das umsetzen? OTC-Produkte tragen ja nicht den für die elektronische Erfassung notwendigen Data-Matrix-Code des Securpharm-Systems.

Leyck Dieken: In der Apotheke gibt es glücklicherweise in den Systemen genügend strukturierte Daten zu den OTC-Präparaten. Selbst wenn diese Produkte den Securpharm-Code nicht tragen, sind wir optimistisch, eine Brücke zu finden, diese Präparate in den elektronischen Prozess ein-speisen zu können. Denn nur dann wird der elek­tronische Medikationsplan als verlässliche Referenz von allen Beteiligten akzeptiert werden.

PZ: Derzeit gibt es zahlreiche Testballons zum E-Rezept. Wie bewerten Sie dies?

Leyck Dieken: Beim E-Rezept gibt es mit 52 Anbietern eine Überfülle von Projekten, die teilweise auch in Technologien ablaufen, die nicht mit der Spezifikation der Gematik korrespondieren werden. Letztlich werden wir ein bundesweites System haben, mit einem zentralen Dienst. Wir kommunizieren an alle, die derzeit noch in ihre Piloten investieren, dass sie diese in ein einheitliches nationales System werden überführen müssen. Auf der von der Gematik definierten Schnittstelle des zentralen Dienstes können dann App-Anbieter ihre Differenzierungen ausüben. Technisch wird es ein einziges technisches Rückgrat für das E-Rezept in Deutschland geben.

PZ: Was versprechen Sie sich von dem BMG-geförderten Modellprojekt zum E-Rezept im Raum Berlin/Brandenburg, das die Patienten-App des DAV einbindet?

Leyck Dieken: Bei der Vielzahl der bunten Pilotprojekte, die es derzeit gibt, steht der DAV in einer gewissen Pole-Position. Die Apothekerschaft kennt die vielen Rezept-Dimensionen und ihre Beratungsumgebungen: Wie viele Kreuze kann man im Nachgang noch auf einem Rezept machen? Was ist im Ablauf mit einem blinden Patienten erforderlich, dem jemand den Beipackzettel vorlesen muss? Diese Technicolor-Version des E-Rezepts wird meiner Meinung nach der über-zeugende Wurf sein. Der Gematik obliegt es, die Basis bereitzustellen, auf der sich alle differenzieren können. Es werden diejenigen erfolgreich sein, die am fantasievollsten mit sehr guter Nutzerführung ihre Angebote artikulieren.

»Ob es einen oder mehrere Anbieter für die elektronische Rezeptübermittlung geben wird, ist eine politische Entscheidung.«

PZ: Wenn der Test erfolgreich verläuft, wie stehen die Chancen, dass die App des DAV als einheitliche bundesweite Lösung zur Übermittlung des E-Rezepts fungieren wird?

Leyck Dieken: Die DAV-App fußt auf der von der Gematik definierten Schnittstelle. Darunter wird es den zentralen Dienst geben – mit zentralem Server, der deutschlandweit einheitlich den Austausch des E-Rezepts garantiert. Auf der Schnittstelle hat der DAV als Anbieter dieselben Möglichkeiten wie andere, sich zu differenzieren. Derzeit hat er den Vorteil, dass er mit der Gematik sehr konkordant in der Entwicklung ist. Ob es einen oder mehrere Anbieter für die elektronische Rezeptübermittlung geben wird, ist eine politische Entscheidung. Wir verhalten uns diesbezüglich neutral. Die Gematik ist angehalten, eine nicht-monolithische Lösung anzustreben.

PZ: Soll das E-Rezept künftig Teil der EPA sein?

Leyck Dieken: Bislang ist das E-Rezept gesetzlich separat definiert, mit einem eigenen Informationsablauf und eigener Struktur. Die Bevölkerung erwartet aber, dass das E-Rezept in den elektronischen Medikationsplan eingeht und dieser wiederum in die Ablage der EPA. Aktuell ist das noch nicht im Gesetz vorgesehen – auch aus datenschutzrechtlichen Aspekten, die noch zu berücksichtigen sind. Die Gematik wird alles daransetzen, dass die drei Elemente ineinander-greifen. Nur so kann der Medikationsplan aktuell gehalten werden. Wir erwarten, dass diese Themen mit einem weiteren Digitalgesetz kommen werden.

PZ: Die Gematik will sich künftig als europäisches Kompetenzzentrum im digitalen Gesundheitswesen etablieren. Wie soll das gelingen?

Leyck Dieken: Wir hosten ja das sogenannte Vesta Board, das zentrale Verzeichnis des Gesundheitswesens. Darin sind Standards gelistet, die in der Gematik anwendbar sind. Diese Listung muss künftig eine gewisse Verbindlichkeit haben. Zum einen braucht die Industrie für Neuentwicklungen verlässliche Standards, insbesondere für die kleinen und mittleren Unternehmen. Zum anderen haben wir bislang nur sehr national spezifische Standards gesetzt und sind damit EU-weit nicht anschlussfähig. Wir wollen aber Standards in einem internationalen Kaliber liefern. Am europäischen Tisch wird unsere Stimme nur dann von Belang sein, wenn der Brückenbau zu anderen internationalen Systemen gelingt.

PZ: Was müssen Sie beim Ausbau der digitalen Vernetzung berücksichtigen?

Leyck Dieken: Zuerst muss in Deutschland der sogenannte National Contact Point stehen, der die Überleitung von Informationen aus den nationalen Digitalsystemen möglich macht. Ohne diesen ist der Spurwechsel eines Datei-Typs in ein anderes Land nicht realisierbar. Für diesen Kontaktpunkt ist die Telematik­infrastruktur die Grundvoraussetzung.

PZ: Welcher Ansatz aus dem Ausland ist für Deutschland interessant?

Leyck Dieken: Die internationale Szene ist – insbesondere mit Blick auf fundamentale Grundhaltungsfragen – interessant. Die Skandinavier gehen zum Beispiel davon aus, dass jeder Mensch Herr seiner Daten ist. Er kann sie jederzeit einsehen und darf sie auch jederzeit löschen. Das ist eine Klarheit, die hierzulande nicht überall erkennbar ist. Wir sollten sie daher dringend diskutieren. 

 

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