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Finanzkommission Gesundheit
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Das Ende der Schonzeit

Beim Frankfurter »House of Pharma« erläuterte Professor Ferdinand Gerlach, Mitglied der Finanzkommission Gesundheit, die Sparvorschläge der Kommission und warum nicht nur die Kosten sinken, sondern auch die Einnahmeseite optimiert werden muss.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 21.04.2026  16:40 Uhr

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer strukturellen Finanzierungskrise, die trotz rekordhoher Ausgaben droht, außer Kontrolle zu geraten. Dem will und muss die Politik entgegensteuern. Beraten lässt sie sich von der von ihr eingesetzten »Finanzkommission Gesundheit«. Zu den Empfehlungen dieser Kommission veranstaltete das House of Pharma & Healthcare am Montagabend in Frankfurt am Main ein Perspektivgespräch.

Mit 538 Milliarden Euro, was umgerechnet rund 6444 Euro pro Einwohner entspricht, zählt Deutschland zu den Ländern mit den weltweit höchsten Gesundheitsausgaben. Die Behauptung, das System werde kaputtgespart, sei angesichts dieser Zahlen schlicht nicht haltbar, resümierte der Referent des Abends, Professor Ferdinand M. Gerlach, gleich zu Beginn der Veranstaltung.

Gerlach ist seit 2004 Universitätsprofessor für Allgemeinmedizin sowie Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe‑Universität Frankfurt am Main. Von 2007 bis 2023 war Gerlach Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, ab 2012 war er dessen Vorsitzender. Im September 2025 wurde er in die Finanzlommission Gesundheit berufen und ist aktuell deren stellvertretender Vorsitzender. Dies sind ideale Voraussetzungen, um einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise und die erarbeiteten Empfehlungen dieser wichtigen Kommission erwarten zu können.

Einnahmen und Ausgaben driften immer weiter auseinander

Wenn man über Gesundheitsausgaben spricht, hat man es mit großen Zahlen zu tun. Alleine die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) erstattete im Jahr 2025 Leistungen in der Größenordnung von 370 Milliarden Euro, davon 111 Milliarden für Kosten, die im Bereich der Krankenhäuser anfielen, 58,5 Milliarden für Arzneimittel und 57 Milliarden für ärztliche Behandlungen.

Das eigentliche Problem, so Gerlach, liege jedoch im Auseinanderdriften von Ausgaben und Einnahmen. Während die Ausgaben 2025 um 7,9 Prozent stiegen – der höchste Wert seit 30 Jahren –, legten die Einnahmen lediglich um 5,3 Prozent zu. Diese Schere sei nicht allein konjunkturellen Faktoren wie Inflation und Energiekrise geschuldet, sondern habe auch strukturelle Ursachen, darunter eine alternde Bevölkerung, stagnierende sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und ein seit Jahren eingefrorener Bundeszuschuss von zwölf Milliarden Euro.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung eine zehnköpfige Finanzkommission aus Ökonomen, Juristen und Medizinern eingesetzt, deren erster Bericht, für den die Kommission lediglich sechs Monate Zeit hatte, vor Kurzem vorgelegt wurde. In diesem Bericht analysiert das Gremium die Kostentreiber und benennt kurzfristig wirksame Sparmaßnahmen, um den Zusatzbeitragssatz bei 2,9 Prozent stabil zu halten. Ohne Reformmaßnahmen drohe dieser Zusatzbeitragssatz bis 2030 auf 4,7 Prozent zu steigen, warnte Gerlach, was ein Deckungsdefizit von 40,4 Milliarden Euro bedeuten würde.

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