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Gerinnungshemmer

Bei angeborenem Herzfehler lieber VKA als DOAK

Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) verdrängen die Vitamin-K-Antagonisten (VKA) mehr und mehr. Bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern ist das jedoch problematisch, wie eine aktuelle Studie zeigt.
Annette Rößler
19.11.2020  07:00 Uhr

DOAK wie Apixaban (Eliquis®), Dabigatran (Pradaxa®), Edoxaban (Lixiana®) und Rivaroxaban (Xarelto®) haben gegenüber VKA wie Phenprocoumon (Marcumar® und andere) den Vorteil, dass sie weniger interaktionsträchtig sind und kein Monitoring der Blutgerinnung erfordern. Dass DOAK den VKA überlegen oder zumindest nicht unterlegen sind, konnte in großen Studien bei Patienten mit Vorhofflimmern oder Venenthrombosen sowie zur Thromboseprophylaxe gezeigt werden. Seitdem steigt die Verordnungshäufigkeit – auch bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern, die jedoch an diesen Studien gar nicht teilgenommen hatten.

Laut einer aktuellen Mitteilung des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler ist das eine gefährliche Entwicklung. Denn DOAK waren in einer Studie von Forschern um Dr. Eva Freisinger vom Universitätsklinikum Münster bei erwachsenen Patienten mit angeborenen Herzfehlern mit einer höheren Komplikations- und Sterberate assoziiert als VKA. Für die im »European Heart Journal« erschienene Studie wertete die Gruppe die Daten von rund 44.000 Versicherten der Krankenkasse Barmer aus den Jahren 2005 bis 2018 aus. In diesem Zeitraum stieg der Anteil derjenigen Patienten, die oral antikoaguliert wurden, stetig an; mit der Verfügbarkeit der DOAK erhöhte sich zudem ihr Anteil an den Verschreibungen auf zuletzt 45 Prozent.

Die Patienten profitierten davon jedoch nicht, im Gegenteil: Unter DOAK waren innerhalb des ersten Behandlungsjahres mehr Thrombosen (3,8 versus 2,8 Prozent), schwere kardiovaskuläre Ereignisse (7,8 versus 6,0 Prozent) und Blutungen (11,7 versus 9,0 Prozent) zu verzeichnen als unter VKA. Auch die Sterblichkeit war höher (4,0 versus 2,8 Prozent). Im Langzeitverlauf und unter Berücksichtigung diverser Patientencharakteristika zeigte sich ein ähnliches Bild: Das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse war um 22 Prozent erhöht, die Sterblichkeit um 43 Prozent und die Blutungsrate um 16 Prozent.

Die Studie belege, dass die mit der Einnahme von DOAK verbundenen Risiken bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern mit ihren anatomischen und physiologischen Besonderheiten deutlich höher lägen als bei Patienten mit erworbenen Herzerkrankungen, so das Kompetenznetz Angeborene Herzfehler. Seniorautor Professor Dr. Gerhard-Paul Diller erklärt: »Dass der Gerinnungsstatus bei den DOAK nicht überwacht werden muss, führt dazu, dass die Patienten nicht engmaschig genug beobachtet werden.« Vor diesem Hintergrund sei zu prüfen, ob bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern anstelle von DOAK nicht doch eher VKA in Betracht gezogen werden sollten. In jedem Fall solle die Behandlung durch einen spezialisierten Kardiologen an einem entsprechenden Zentrum begleitet werden.

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