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Demenzprävention

Vieles kann man vergessen

12.11.2013
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Von Iris Hinneburg / Die Aussichten sind trübe: Immer mehr Menschen leiden an einer Demenz. Umso größer ist das Interesse an der Prävention. Vieles wird propagiert: Arzneistoffe, Sport, Mikronährstoffe, Gehirnjogging. Doch was hilft wirklich? Ein genauer Blick auf die Evidenzlage ist ebenso überraschend wie ernüchternd.

Glückliches Altern: Für viele Menschen bedeutet das, den Lebensabend in guter Gesundheit im Kreis ihrer Lieben zu verbringen und möglichst selbständig zu sein. Die Diagnose Demenz setzt der Unabhängigkeit häufig schnell ein Ende. Demenzpatienten werden im Verlauf der Jahre meist stark pflegebedürftig und Medikamente können die Erkrankung allenfalls eine Zeitlang bremsen. Viele Patienten kommen irgendwann ins Pflegeheim. In den letzten Jahren forschen Wissenschaftler daher vermehrt an der Frage, welche Risikofaktoren die Entstehung einer Demenz begünstigen und welche Maßnahmen dem Vergessen Einhalt gebieten könnten.

 

Mit solchen Fragen wenden sich ­besonders ältere Menschen an ihre Apotheke. Für eine evidenzbasierte Beratung sollte der Apotheker nicht nur die eigene Erfahrung (interne Evidenz) und die Wünsche des Patienten berücksichtigen, sondern auch die externe Evidenz aus klinischen Studien. Der Titelbeitrag gibt einen Einblick in die aktuelle Studienlage.

 

Viele Formen des Vergessens

 

Nicht jede Form von Vergesslichkeit ist gleich eine Demenz. Nach der ICD-10-Definition wird die Diagnose nur gestellt, wenn neben Störungen der Gedächtnisfunktion weitere kognitive Defizite auftreten, etwa im Bereich von Denken, Orientierung und Urteilsvermögen, die die Alltagsbewältigung einschränken und nicht auf Beeinträchtigungen des Bewusstseins oder der Sinnesorgane zurückzuführen sind. Diese Beschwerden müssen mindestens über sechs Monate bestehen. Häufig kommen auch Veränderungen der emotionalen Kontrolle oder des ­Sozialverhaltens hinzu (1).

Für die Entstehung einer Demenz wird eine Reihe von Mechanismen diskutiert, vor allem neurodegenerative und vaskuläre Prozesse. Die bekannteste und häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit (Tabelle). Häufig treten auch Mischformen mit der vaskulären Demenz auf. Eine vaskuläre Demenz in »Reinform«, die frontotemporale Demenz, die Parkinson- sowie die Lewy-Körperchen-Demenz sind dagegen deutlich seltener. Die diagnostische Abgrenzung ist nicht immer einfach. Dabei müssen die Ärzte auch mögliche sekundäre Ursachen wie endokrine oder metabolische Erkrankungen, Infektionen mit Beteiligung des Gehirns oder andere seltenere Krankheiten berücksichtigen (1).

 

Mit höherem Alter lassen einige kognitive Fähigkeiten, etwa die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, bei vielen Menschen nach. Nehmen die Gehirnfunktionen aber deutlich stärker ab, kann es sich um eine »leichte kognitive Beeinträchtigung« (mild cognitive impairment, MCI) handeln. Bei dieser Diagnose dürfen die Kriterien für eine manifeste Demenz nicht erfüllt und der Pa­tient in seinen Alltagsfunktionen höchstens minimal beeinträchtigt sein. Allerdings gibt es bisher keine ­international einheitlichen diagnostischen Kriterien für diese Form der ­kognitiven Störung (2).

Tabelle: Eigenschaften verschiedener Demenzformen. Auswahl, nach (3)

Demenzform Typische klinische Eigenschaften Vermutlich beteiligte pathologische Prozesse
Alzheimer- Demenz Im Vordergrund zunächst Gedächtnisprobleme, Störungen des visuell-räumlichen Denkens, der Sprache, später weitere Störungen der kognitiven Funktionen und der Alltagskompetenz; langsamer Beginn, progressive Verschlechterung Neurodegeneration durch Bildung von extrazellulären Amyloidplaques und intrazelluläre Veränderungen durch Neurofibrillen aus hyperphosphorylierten Tau-Proteinen
Vaskuläre Demenz (verschiedene Unterformen) je nach Form abrupter oder schleichender Beginn, oft fluktuierender oder stufenartiger Verlauf; häufig neurologische Beschwerden Schädigung des Gehirns durch Störungen der Makro- oder Mikrozirkulation, Hämorrhagien, Ischämien (etwa nach Schlaganfall oder durch Arteriosklerose)
Frontotemporale Demenz (verschiedene Unterformen) Verhaltensstörungen mit Enthemmung und Aggressivität; Störungen von Aufmerksamkeit und zielgerichteten Handlungen; bei einigen Formen auch Wortfindungsstörungen; Gedächtnisstörungen häufig erst im späteren Verlauf; langsamer Beginn, progressive Verschlechterung Atrophien des Gehirns meist im Bereich des Frontal- und Temporallappens, bei einigen Formen Beteiligung von Tau-Proteinen
Parkinson-Demenz mehr als 12 Monate zwischen Beginn von motorischen und nachfolgend kognitiven Störungen; Demenz mit schleichendem Beginn und langsamer Progression, verbunden mit Veränderungen von Persönlichkeit und Verhalten Neurodegeneration durch Ablagerungen von Lewy-Körperchen mit Synuclein
Lewy-Körperchen-Demenz auffällige Fluktuation von Aufmerksamkeit und Wachheit, wiederkehrende visuelle Halluzinationen; Gedächtnisfunktion zu Beginn relativ gut erhalten; motorische Parkinson-Syndrome; schnellere Progression als bei Alzheimer-Demenz Neurodegeneration durch Ablagerungen von Lewy-Körperchen mit Synuclein, teilweise auch Amyloid-Plaques und Neurofibrillen

Eine MCI ist also keine Demenz, gilt aber als Risikofaktor dafür. In verschiedenen Studien entwickelten bis zu ­ 10 Prozent der Menschen mit MCI pro Jahr eine manifeste Demenz. Allerdings ist eine MCI nicht in jedem Fall ein frühes Anzeichen von neurodegenerativen oder vaskulären Veränderungen. In manchen Fällen treten Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit oder Desorientiertheit auch als Begleitsymptom von depressiven Episoden oder Nebenwirkung von Medikamenten (etwa Arzneimittel mit anticholinergen Nebenwirkungen oder Herzglykoside) auf. Dann kann eine vermeintliche MCI durchaus reversibel sein (1).

 

Nach bisherigem Forschungsstand beginnen die pathologischen Prozesse vermutlich lange vor dem Zeitpunkt, an dem erste klinische Symptome auftreten. Maßnahmen der Primärprävention, die den Krankheitsausbruch verhindern sollen, sollten also möglichst früh beginnen und richten sich an (noch) gesunde Menschen. Mittel der Sekundärprävention dagegen sollen bei Patienten in einem frühen Stadium – also etwa bei einer MCI – den Verlauf der Erkrankung aufhalten (Grafik 1) (3).

 

Risikofaktoren: veränderlich oder nicht?

 

In epidemiologischen Studien haben Forscher eine Reihe von veränderlichen und unveränderlichen Einflüssen identifiziert, die das Risiko für eine Demenz erhöhen. Der stärkste nicht-modifizierbare Risikofaktor ist das Alter. Betrachtet man die Zeitspanne zwischen dem 65. und 90. Lebensjahr, schätzen Experten, dass sich die Rate der Neuerkrankungen alle fünf Altersjahre verdoppelt. Dieser Effekt ist bei Morbus Alzheimer besonders ausgeprägt. Bei der frontotemporalen Demenz spielt das Alter als Risikofaktor jedoch keine Rolle.

 

Bei der Alzheimer-Demenz sind auch genetische Einflüsse bekannt. So führen vererbliche Mutationen der Gene für Amyloid-Precursor-Protein und bestimmte Präseniline zur familiären Häufung von Erkrankungen, die meist bereits vor dem 60. Lebensjahr auftreten. Diese Alzheimer-Formen sind aber relativ selten (etwa 5 Prozent der Kranken). Bestimmte Variationen des Gens für Apolipoprotein E (ApoE) lassen das Risiko zwar steigen, führen aber nicht zwangsläufig zu einer Alzheimer-Demenz. Ein besonders hohes Risiko besteht für hetero- oder homozygote Träger des ε4-Allels. Mutationen in verschiedenen Genen werden auch als Ursache für bestimmte Formen der frontotemporalen Demenz diskutiert (1, 3).

Daneben sind aus Beobachtungsstudien aber auch veränderliche Faktoren bekannt, die mit einem erhöhten Risiko besonders für die Alzheimer-Erkrankung und die vaskuläre Demenz verbunden sein könnten (Grafik 2). Allerdings ist es nicht möglich, aus beobachteten Assoziationen auf einen kausalen Zusammenhang und damit auf Präventionsmöglichkeiten zu schließen. Als Goldstandard zur Untersuchung von Präventionsmaßnahmen gelten randomisierte kontrollierte Studien (RCT). Diese liegen allerdings nur für wenige Ansätze tatsächlich vor (3). Darüber hinaus bergen Studien zur Demenzprävention einige methodische Herausforderungen (Kasten).

 

Schlecht für Herz und Hirn

 

Hypertonie, Typ-2-Diabetes mellitus, Rauchen und Hypercholesterinämie ­erhöhen nicht nur das Risiko für arteriosklerotische Gefäßveränderungen, sondern auch für eine vaskuläre Demenz. Entsprechend tritt diese Demenzform häufiger bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz oder bestehenden zerebrovaskulären Erkrankungen auf.

Methodische Probleme

Studien zur Demenzprävention bergen zahlreiche methodische Herausforderungen, nach (27).

 

  • Eine Demenz entwickelt sich langsam. Daher sind lange Behandlungs- und Nachbeobachtungszeiten notwendig. Damit steigt auch die Gefahr, dass Probanden vorzeitig aus der Studie ausscheiden.
  • Experten vermuten, dass es für die meisten Interventionen ein optimales Zeitfenster gibt, das aber nicht genau bekannt ist (vermutlich eher in mittleren als in späten Lebensjahren). Interventionen an älteren Probanden könnten möglicherweise zu spät einsetzen.
  • Werden unselektierte Probanden in die Studie eingeschlossen (nicht nur Menschen mit erhöhtem Risiko), ist eine große Fallzahl notwendig, um ausreichend Ereignisse für eine valide statistische Analyse zu erhalten.
  • Ergebnisse von selektierten Hoch­risikogruppen (etwa mit familiärer Veranlagung für eine Alzheimer-Demenz) sind nicht automatisch auf andere Gruppen übertragbar.
  • Als klinisch relevante Zielgröße ist das Auftreten einer Demenz sinnvoll. Die Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten kann bei Patienten mit bestehender kognitiver Beeinträchtigung eine geeignete Zielgröße sein. Jedoch muss das verwendete Verfahren valide sein und eine Aussage über die klinische Relevanz erlauben. Eine funktionelle Verschlechterung im Hinblick auf die Alltagsbewältigung ist ebenfalls eine patientenrelevante Zielgröße. Unklar ist jedoch, welche Messverfahren für kognitiven Abbau bei Probanden ohne beste­hende kognitive Einschränkungen geeignet sind.

Die kardiovaskulären Faktoren beeinflussen aber auch das Auftreten ­ und Voranschreiten einer Alzheimer-Demenz. Experten vermuten, dass die Gefäßschäden die sogenannte kognitive Reserve des Gehirns verringern und damit die Manifestationsschwelle für eine Demenz senken (4). Ob häufige Hypoglykämien bei Typ-2-Diabetikern das Risiko für eine Demenz erhöhen, wird kontrovers diskutiert (5). Die meisten dieser Risikofaktoren scheinen das Auftreten einer Demenz nur dann zu begünstigen, wenn sie ­bereits im mittleren Lebensalter und ­damit über einen längeren Zeitraum bestehen (3).

 

In epidemiologischen Studien verringerte eine Senkung des erhöhten Blutdrucks das Risiko für eine Demenz; allerdings fehlen zweifelsfreie Nachweise aus RCT. Studien kamen zu widersprüchlichen Resultaten (6). Auch für Statine gibt es keine solide Evidenz aus RCT, dass sie eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten aufhalten könnten (7). Gleiches gilt für die Frage, ob eine intensive Stoffwechselkontrolle beim Typ-2-Diabetiker das Risiko für eine Demenz senken kann (5).

Keine Evidenz für Medikamente

 

Auch andere Arzneistoffe, für die ein präventiver Effekt postuliert wird, enttäuschten in randomisierten kontrollierten Studien. So zeigten Cholin­esterase-Hemmer, die zur Therapie der Alzheimer-Demenz zugelassen sind, keine protektiven Effekte bei Patienten mit MCI (8). Aus epidemiologischen Studien wurde die Hypothese abgeleitet, dass die Einnahme von ­Sexualhormonen bei Frauen in den Wechseljahren das Demenzrisiko verringern könnte. Eine Metaanalyse von RCT ließ dies jedoch nicht erkennen. Bei Frauen über 65 Jahren, die mindestens ein Jahr lang mit Hormonen behandelt wurden, bestand sogar der Verdacht, dass sich dadurch das Demenzrisiko erhöhte (9).

 

Keine nachweisbare Schutzwirkung: Dies gilt auch für nichtsteroidale Antirheumatika, für die in epidemiologischen Studien eine Assoziation mit einem geringeren Demenzrisiko gefunden wurde (10).

 

Die Wirksamkeit von standardisiertem Ginkgo-biloba-Extrakt (zweimal täglich 120 mg) wurde in mehreren großen RCT getestet. Die GEM-Studie untersuchte den Einsatz an rund 3000 Patienten ab 75 Jahren mit normaler Kognition oder leichten kognitiven Einschränkungen. Weder die Inzidenz von irgendeiner Demenzform noch von Alzheimer-Demenz noch der kognitive Abbau ließen sich über einen Zeitraum von median sechs Jahren stoppen (11, 12). Zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen kam auch die GuidAge-Studie mit rund 2800 Teilnehmern ab 70 Jahren, die über subjektive Gedächtnisstörungen geklagt hatten. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sank die Konversionsrate zu einer Alzheimer-Demenz unter Verum im Vergleich zu Placebo nicht signifikant (13).

 

Depression: Vorläufer oder Auslöser?

 

In epidemiologischen Studien wurde für Patienten mit einer Depression ein etwa doppelt so hohes Demenzrisiko wie für Menschen ohne die psychische Erkrankung ermittelt. Die Behandlung der Depression verbesserte laut RCT aber nicht in allen Fällen die kognitiven Funktionen.

Experten diskutieren, ob eine Depression tatsächlich ein unabhängiger Risikofaktor für eine spätere Demenz ist (Grafik 2) oder ein frühes Symptom. Auch könnte eine Depression im mittleren Lebensalter die Entwicklung einer Demenz stärker beeinflussen als im höheren Alter. Zu berücksichtigen ist, dass Antidepressiva mit anticholinergen ­Eigenschaften, etwa Amitriptylin, die Kognition verschlechtern können. Das gilt besonders, wenn bereits leichte ­kognitive Störungen vorliegen (2, 14).

 

Lichtblick: Laufen gegen die Demenz

 

Nach den Ergebnissen von prospektiven Beobachtungsstudien kann körperliche Aktivität der Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten entgegenwirken. Das gilt sowohl für die Alzheimer-Krankheit (15) als auch für die vaskuläre Demenz (16). Sowohl gesunde Menschen (17) als auch Patienten mit MCI (18) können von mehr Bewegung profitieren. Keine protektiven Effekte ließen sich allerdings für die Parkinson-, die Lewy-Körperchen- und die frontotemporale Demenz zeigen (19).

 

Mit diesen Studien lässt sich eine Kausalität jedoch nicht zweifelsfrei belegen. Das Studiendesign lässt nämlich die Frage offen, ob tatsächlich mehr Bewegung eine Demenz verhindert oder ob nicht eher Frühstadien einer Demenz dazu führen, dass sich die Patienten körperlich weniger betätigen (Kausalumkehrung). Für einen kausalen Zusammenhang sprechen Ergebnisse aus RCT, in denen vermehrte körperliche Bewegung die kognitiven Fähigkeiten in einzelnen Bereichen über einen kürzeren Zeitraum verbesserte. Allerdings gibt es bisher keinen Nachweis aus RCT, dass körperliche Aktivität tatsächlich langfristig das Risiko senkt, an einer Demenz zu erkranken (19).

 

Fachleute diskutieren mehrere Hypothesen, warum körperliche Aktivität vor einem Rückgang der kognitiven Funktionen schützt. So könnte die Reduktion von vaskulären Risikofaktoren wie Adipositas, Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen zum protektiven Effekt beitragen. Im Tiermodell wurde bei körperlicher Aktivität auch die vermehrte Produktion von neurotrophen Substanzen im Gehirn beobachtet (17).

 

Aus der bisherigen Studienlage lassen sich noch keine konkreten Empfehlungen ableiten, welche Form, Häufigkeit und Intensität von körperlicher ­Aktivität am ehesten schützen (17). Experten empfehlen in Anlehnung an die Erkenntnisse zur kardiovaskulären Prävention 30 Minuten Aktivität mit mittlerer Intensität fünfmal in der Woche (19).

 

Besser mediterran ernähren?

 

Auch eine mediterrane Ernährungsweise (hoher Anteil an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Getreide und ungesättigten Fettsäuren sowie niedriger Verzehr von tierischen Lebensmitteln und gesättigten Fettsäuren) soll das Risiko für eine Demenz verringern, wie in Beobachtungsstudien gezeigt wurde. Allerdings fehlt bisher überzeugende Evidenz aus RCT, dass damit tatsächlich weniger Fälle von Demenz auftreten. Plausibel könnte der Zusammenhang sein, da eine mediterrane Ernährungsweise das Risiko für kardiovaskuläre ­Erkrankungen senken kann (20).

Zentrale Adipositas im mittleren Lebensalter scheint ebenfalls ein bedeutender Risikofaktor für eine spätere Demenz zu sein. Evidenz aus RCT zum Einfluss einer Gewichtsreduktion auf die Entwicklung einer Demenz liegt aber nicht vor (21). Dagegen geht Untergewicht bei älteren Menschen mit einem erhöhten Demenzrisiko einher. Womöglich ist das sinkende Körpergewicht aber ein frühes Symptom einer sich später manifestierenden Demenz.

 

Nahrungsergänzungsmittel enttäuschen in Studien

 

Weil eine mediterrane Ernährung mit einem geringeren Risiko für die Entwicklung einer Demenz assoziiert ist, gab und gibt es zahlreiche Empfehlungen zur Nahrungsergänzung mit Mikronährstoffen, die in dieser Kostform besonders reichlich vorhanden sind. Inzwischen liegen zahlreiche Präventionsstudien zu einzelnen Nährstoffen vor – mit enttäuschenden Resultaten.

 

Als eine mögliche Ursache der zere­bralen Neurodegeneration werden freie Radikale diskutiert. RCT mit Antioxidanzien wie Vitamin C oder E verliefen ­jedoch enttäuschend. So hatte eine ­Supplementierung mit Vitamin E bei gesunden Älteren keinen Einfluss auf die Kognition, und bei MCI konnte sie das Fortschreiten zu einer manifesten Demenz nicht aufhalten (20). Studien mit definierten Antioxidanzien-Mischungen konnten zwar in einigen Bereichen die kognitiven Fähigkeiten verbessern, jedoch gibt es keine Hinweise, dass diese Nahrungsergänzung eine Demenz tatsächlich verhindern könnte.

 

In einer Studie mit Betacarotin zeigte sich keine Wirksamkeit bei einer Einnahme über ein Jahr; allerdings verbesserten sich die kognitiven Fähigkeiten, wenn Betacarotin 18 Jahre lang supplementiert wurde. Ein verringertes Demenzrisiko wurde aber nicht nachgewiesen (21). Für Besorgnis sorgte dagegen eine Metaanalyse von RCT, die bei einer Supplementierung mit Betacarotin eine erhöhte Sterblichkeit fand (22).

 

Niedrige Spiegel von Vitamin B6, B12 und Folsäure können zu erhöhten Homocystein-Werten führen, die mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Prozesse und vaskuläre Schäden in Verbindung gebracht werden. Bei gesunden Älteren verliefen RCT zur Supplementierung mit diesen Vitaminen widersprüchlich. In einigen Studien zeigten sich Verbesserungen in einzelnen kognitiven Bereichen, bei der Mehrzahl der Studien jedoch nicht. Zudem gibt es keinen Nachweis, dass sich die Inzidenz der Demenz durch die Nahrungsergänzung verringert. Bei Patienten mit MCI ließ sich in einer kleineren Studie zwar eine verringerte Rate an Hirnatrophie feststellen. Eine langsamere Abnahme der kognitiven Fähigkeiten war jedoch nur in einer Untergruppe von Patienten erkennbar, die zu Beginn der Studie einen hohen Homocysteinspiegel aufwiesen. Ob sich der Übergang von einer MCI zu einer manifesten Demenz verlangsamen oder aufhalten lässt, wurde nicht untersucht (20, 21).

In epidemiologischen Studien haben Forscher bei Menschen mit hohem Verzehr von Seefisch ein geringeres Risiko für eine Demenz festgestellt. Eine protektive Rolle von Omega-3-Fettsäuren könnte physiologisch plausibel sein, da die mehrfach ungesättigten Fettsäuren als Modulatoren von Entzündungsreaktionen und oxidativem Stress bekannt sind (20). Randomisierte Studien verliefen jedoch enttäuschend.

 

Eine systematische Übersichtsarbeit analysierte Studien an Älteren ohne ­kognitive Einschränkungen, die Supplemente mit Omega-3-Fettsäuren einnahmen (24 Wochen bis 40 Monate lang). Die Supplementierung konnte weder die Inzidenz von Demenz noch die Verringerung der kognitiven Fähigkeiten signifikant gegenüber Placebo senken beziehungsweise aufhalten (23). Bei älteren Menschen mit subjek­tiven Gedächtnisbeschwerden gibt es Hinweise auf eine Verbesserung in einigen, aber nicht allen kognitiven Bereichen. Jedoch fehlt der Nachweis, dass die Gabe mit einem geringeren Risiko für eine Demenz verbunden wäre (20).

 

Bei Menschen mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel wurde in Beobachtungsstudien ein erhöhtes Risiko für eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten bemerkt. Jedoch gibt es derzeit keine Hinweise aus RCT, dass eine Supplementierung mit Vitamin D den kognitiven Abbau oder die Entstehung einer Demenz verhindern oder verzögern könnte (21).

 

Einfluss von Genussmitteln

 

Epidemiologische Studien haben ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko bei Rauchern gezeigt. Das gilt sowohl für die Alzheimer-Krankheit als auch für die vaskuläre Demenz. Allerdings fehlt bisher ein direkter Nachweis, dass ein Rauchstopp das Risiko für eine Demenz senken kann.

 

Beim Alkoholkonsum weisen Be­obachtungsstudien auf eine J-förmige Beziehung hin, also einen gewissen protektiven Effekt bei mäßigem Alkoholgenuss und ein stark erhöhtes Risiko bei Missbrauch. Allerdings ist unklar, welche Menge Alkohol den Grenzwert bildet und ob die Art des alkoholischen Getränks eine Rolle spielt (3). Da aus ethischen Gründen mit Alkohol und Rauchen keine kontrollierten Interventionsstudien durchgeführt werden können, werden sich diese Fragen vermutlich auch künftig nicht zweifelsfrei klären lassen.

Was hilft Gehirnjogging?

 

Nach so vielen ernüchternden Fakten aus randomisierten Studien bleibt noch die Hoffnung auf das viel gepriesene »Gehirnjogging«. Helfen Kreuzworträtsel und andere Knobeleien tatsächlich?

 

Wie sehr die kognitiven Fähigkeiten bei demenziellen Prozessen beeinträchtigt werden, scheint nicht nur vom Ausmaß der pathologischen Schäden abzuhängen. So fanden Forscher bei einigen Patienten in der Autopsie zwar deutliche pathohistologische Anzeichen einer Alzheimer-Demenz, doch hatten die Menschen zu Lebzeiten keine entsprechenden Symptome gezeigt. Diese Diskrepanz zwischen den histologischen und klinischen Befunden erklären Fachleute mit der Hypothese der »kognitiven Reserve«. Danach ist das Gehirn verschiedener Menschen in unterschiedlichem Ausmaß in der Lage, Schäden zu kompensieren; auch Unterschiede in der Verletzlichkeit gegenüber neurodegenerativen Vorgängen werden diskutiert.

 

Nach Ergebnissen aus epidemiolo­gischen Studien zählt die kognitive ­Reserve zu den modifizierbaren Risikofaktoren. So werden Demenz-Erkrankungen häufiger bei Menschen mit niedrigem Bildungsgrad und wenig geistig anspruchsvollen Aktivitäten in Beruf und Freizeit diagnostiziert. Dagegen sind ein intellektuell fordernder Lebensstil und vielfältige soziale Kontakte mit einem verringerten Risiko für alle Demenzformen assoziiert (24).

 

Aus diesem Grund werden in den letzten Jahren vermehrt Methoden des kognitiven Trainings oder kognitiver Stimulation (»Gehirnjogging«) getestet. In RCT konnten diese zwar einzelne kognitive Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit sowohl bei gesunden Älteren als auch bei Patienten mit MCI verbessern. Allerdings untersuchten nur wenige Studien die globalen kognitiven Fähigkeiten; völlig unzureichend ist die Studienlage bezüglich der Entwicklung einer Demenz oder der Lebensbewältigung im Alltag.

Experten weisen darauf hin, dass sich die Ergebnisse der Studien immer nur auf das spezielle überprüfte Trainingsprogramm beziehen (häufig computergestütztes Training oder Gruppenprogramme) und nicht auf andere Maßnahmen wie das Lösen von Kreuzworträtseln oder Sudokus übertragbar sind (25). Auch ist es fraglich, ob sich der Effekt des Trainings in einzelnen Bereichen auf andere kognitive Funktionen auswirkt (26).

 

Zwischen Hoffnung und Evidenz

 

Die Reduktion von kardiovaskulären Risikofaktoren, ausreichend körperliche Aktivität und ein geistig und sozial fordernder Lebensstil scheinen nach dem bisherigen Stand der Wissenschaft die aussichtsreichsten Strategien zu sein, um das Demenzrisiko zu verringern (1). Zahlreiche weitere Interventionen werden derzeit weiter erforscht. Dazu gehören beispielsweise Wirkstoffe auf pflanzlicher Basis wie Melissenextrakt oder Curcumin. Überzeugende Nachweise zur Wirksamkeit liegen jedoch noch nicht vor.

 

Derzeit laufen große Studien, die multifaktorielle Ansätze zur Demenzprävention testen. Sie sollen zeigen, ob kombinierte Interventionen mit körperlicher und geistiger Aktivität, gesunder Ernährung und der Kontrolle von metabolischen und vaskulären Risikofaktoren dem Vergessen nachhaltig Einhalt gebieten können. Man darf gespannt sein. /

Literatur

  1. S3-Leitlinie Demenzen, Stand Nov. 2009. AWMF-Registernr. 038-013
  2. Etgen, T., et al., Leichte kognitive Störung und Demenz. Dtsch. Ärzteblatt Int. 108 (2011) 743-750.
  3. Wallesch, C., Förstl, H. (Hrsg.), Demenzen. Thieme Stuttgart 2012.
  4. Lüders, S., et al., Prävention der vaskulären Demenz. Internist 53 (2012) 223-231.
  5. Exalto, L.G., et al., An update on type 2 diabetes, vascular dementia and Alzheimer’s disease. Exp. Gerontol. 47 (2012) 858-864.
  6. Levi Marpillat, N., et al., Antihypertensive classes, cognitive decline and incidence of dementia: a network meta-analysis. J. Hypertens. 31 (2013) 1073-1082.
  7. Ligthart, S., et al., Treatment of cardiovascular risk factors to prevent cognitive decline and dementia: a systematic review. Vasc. Health Risk Manag. 6 (2010) 775-785.
  8. Russ, T. C., Morling, J. R., Cholinesterase inhibitors for mild cognitive impairment. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD009132.
  9. Nelson, H. D., et al., Menopausal hormone therapy for the primary prevention of chronic conditions: a systematic review to update the U.S. preventive services taskforce recommendations. Ann. Int. Med. 157 (2012) 104-113.
  10. The Alzheimer’s Disease Anti-inflammatory Prevention Trial Research Group, Results of a follow-up study to the randomized Alzheimer’s Disease Anti-inflammatory Prevention Trial (ADAPT). Alzheimers Dement., im Druck (2013). DOI: 10.1016/j.jalz.2012.11.012.
  11. Snitz, B. E., et al., Ginkgo biloba for preventing cognitive decline in older adults: a randomized trial. JAMA 302 (2009) 2663-2670.
  12. DeKosky, S. T., et al., Ginkgo biloba for prevention of dementia: a randomized controlled trial, JAMA 300 (2008) 2253-2262.
  13. Vellas, B., et al., Long-term use of standardised Ginkgo biloba extract for the prevention of Alzheimer’s disease (GuidAge): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurol. 11 (2012) 851-859.
  14. Barnes, D. E., Yaffe, K., The projected effect of risk factor reduction on Alzheimer’s disease prevalence. Lancet Neurol. 10 (2011) 819-828.
  15. Hamer, M., Chida, Y., Physical activity and risk of neurodegenerative disease: a systematic review of prospective evidence. Psychol. Med. 39 (2009) 3-11.
  16. Aarsland, D., et al., Is physical activity a potential preventive factor for vascular dementia? A systematic review. Aging Ment. Health 14 (2010) 386-395.
  17. Sofi, F., et al., Physical activity and risk of cognitive decline: a meta-analysis of prospective studies. J. Intern. Med. 269 (2011) 107-117.
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  20. Otaegui-Arrazola, A., et al., Diet, cognition, and Alzheimer’s disease: food for thought. Eur. J. Nutr., im Druck (2013). DOI 10.1007/s00394-013-0561-3.
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  26. Owen, A. M., et al., Putting brain training to the test, Nature 465 (2010) 775-778.
  27. Richard, E., et al., Methodological challenges in designing dementia prevention trials – The European Dementia Prevention Initiative (EDPI). J. Neurol. Sci. 322 (2012) 64-70.

Die Autorin

Iris Hinneburg studierte Pharmazie an der Phi­lipps-Universität, Marburg, und wurde an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, promoviert. Nach Tätigkeiten in Forschung und Lehre in Halle und Helsinki (Finnland) arbeitet sie heute freiberuflich als Medizinjournalistin. Ihr Schwerpunkt ist die pharmazeutische Fortbildung. Sie ist Autorin der Bücher »Beratungspraxis Diabetes mellitus« und »Beratungspraxis Schilddrüsenerkrankungen« und produziert die Podcasts »3 Minuten Fortbildung« sowie gemeinsam mit Elisabeth Thesing-Bleck »Die seniorengerechte Apotheke«.

 

Dr. Iris Hinneburg, Wegscheiderstraße 12, 06110 Halle (Saale), E-Mail: medizinjournalistin(at)gmx.net, http://medizinjournalistin.blogspot.com

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