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Image-Offensive

05.11.2014  09:48 Uhr

Am 1. Januar 2004 trat das GKV-Modernisierungsgesetz in Kraft. Ein Spargesetz wie viele Gesundheitsgesetze der vergangenen Jahrzehnte, allerdings mit Konsequzenzen für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel. Sie sind seitdem nur noch sehr eingeschränkt erstattungsfähig. Was die rot-grüne Regierung damals geritten hat, besonders gut verträgliche Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit auszugrenzen, bleibt ihr Geheimnis. Apotheker und Arzneimittelhersteller haben sich mit der Situation deshalb nicht abgefunden. Die Delegierten des Deutschen Apotheker­tages haben in München dafür votiert, OTC-Arzneimittel wieder Jugendlichen bis 18 Jahre zu erstatten. Im PZ-Interview fordert der Chef des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller, Jörg Wieczorek, auch Senioren über 65 Jahren OTC-Arzneimittel wieder zu erstatten (OTC-Markt: »Switches sind ein Wachstumsmotor«).

 

Gesundheitspolitiker denken ebenfalls über eine Ausweitung der OTC-Erstattung nach. Beim OTC-Gipfel des Apothekerverbands Nordrhein in Düsseldorf empfahl NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) die OTC-Erstattung für multimorbide Senioren.

 

Mit der Ausgrenzung aus der Erstattung ist der Stellenwert der OTC-Arzneimittel bei den Patienten gesunken. Was Kassen nicht bezahlen, wirkt auch nicht gut, ist eine weit verbreitete Fehleinschätzung. BAH und Apotheker arbeiten jetzt daran, diese zu entkräften. Das Grüne Rezept ist dabei ein wichtiges Instrument. Funktionieren kann die Image-Offensive OTC aber nur, wenn alle Beteiligten verantwortungsbewusst mit den Präparaten umgehen. Wenn sie in manchen Apotheken verramscht werden, Hersteller sie für einen besseren Abverkauf mit Warenzugaben versehen oder mit abstrusen Heilversprechen bewerben, dann darf sich niemand wundern, wenn Patienten die Präparate für Medikamente zweiter Wahl halten. Patienten nehmen OTC-Arzneimittel nur ernst, wenn Apotheker, Ärzte und Hersteller dies auch tun. Und nur, wenn der Wert der Präparate allgemein anerkannt ist, gibt es eine Chance auf weniger restriktive Erstattungsregelungen.

 

Kontraproduktiv ist allerdings die Strategie der Krankenkassen bei der OTC-Erstattung. Viele Kassen bieten ihren Versicherten eine begrenzte Kostenübernahme an. Doch das ist ausschließlich Marketing. Erstattet werden fast ausschließlich Homöopathika und Anthroposophika – Medikamente mit besonders geringer Evidenz. Darüber kann sich niemand freuen, dem die Selbstmedikation am Herzen liegt.

 

Daniel Rücker

Chefredakteur

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