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OTC-Markt

»Switches sind ein Wachstumsmotor«

05.11.2014  09:48 Uhr

Von Daniel Rücker, Darmstadt / Seit Jahren stagniert das Geschäft im OTC-Bereich. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) setzt auf altbewährte und neue Strategien, um das zu ändern. BAH-Chef Jörg Wieczorek will über den Switch ganzer Indikationen in die Selbstmedikation und die Erstattung von OTC-Arzneimitteln für Jugendliche und Senioren dem Markt zu neuem Schwung verhelfen.

PZ: Der BAH ist 60 Jahre alt geworden. Bei vielen Menschen beginnen in dem Alter die Beschwerden. Wie steht es um Ihren Verband?

 

Wieczorek: Der BAH ist auch mit 60 Jahren noch kerngesund. Wir sind mit 469 Mitgliedern der stärkste Verband der Branche.

 

PZ: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Kerngeschäft, dem Markt der OTC-Arzneimittel?

Wieczorek: OTC war lange Zeit unser Kerngeschäft, das stimmt. Wir beschäftigen uns heute aber auch mit dem Erstattungsmarkt. Wir sind inte­ressenpolitische Vollversorger. Der OTC-Markt stagniert leider seit vielen Jahren. Mehr oder weniger ausgeprägte Erkältungswellen bewirken kurzfristige Auf-und-ab-Bewegungen. Die Dynamik ist in der Tat überschaubar.

 

PZ: Mit der Situation kann der BAH nicht zufrieden sein. Wie wollen Sie diese verbessern?

 

Wieczorek: Hier gibt es verschiedene Ansätze. Ein Beispiel hierfür ist das Grüne Rezept: Ein ganz wichtiges und – wie ich glaube – auch erfolgreiches Instrument. Wir haben es gemeinsam mit den Apothekern entwickelt, heute kümmert sich die »Initiative Grünes Rezept« darum. Mit 14 Millionen Rezepten pro Jahr sind wir meiner Ansicht nach ziemlich erfolgreich. In einer Umfrage hat die Hälfte der Befragten angegeben, das Grüne Rezept zu kennen und immerhin zwei Drittel der Ärzte setzen es ein. Ganz klar: Das Grüne Rezept ist ein gelerntes Instrument, das nicht nur den OTC-Markt stabilisiert, sondern darüber hinaus durch eine Erhöhung der Kundenfrequenz auch die Apotheke vor Ort stärkt.

 

PZ: Beim Deutschen Apothekertag in München hat die Hauptversammlung den Antrag angenommen, der auf eine Ausweitung der Erstattungsfähigkeit von OTC-Arzneimitteln für Jugendliche drängt. Was halten Sie davon?

 

Wieczorek: Es ist sinnvoll, wenn OTC-Arzneimittel bis zum Alter von 18 Jahren grundsätzlich von den Krankenkassen erstattet werden. Ich sehe für dieses Vorhaben auch gute Chancen. In der Politik gibt es Stimmen, die uns unterstützen. Sinnvoll wäre die Erstattung aber auch für Senioren ab 65 Jahren mit Polymedikation. Hier geht es jedoch um deutlich mehr Geld. Die Politiker sind deshalb sehr viel zurückhaltender.

 

Grundsätzlich geht es darum, dass Patienten das für sie geeignete Arzneimittel erhalten – und das unabhängig von der Frage, ob es rezeptpflichtig oder rezeptfrei ist. OTC-Arzneimittel sind aufgrund ihrer geringen Nebenwirkungen und ihrer Anwendungs­sicherheit nicht verschreibungspflichtig. Gleichwohl sind sie wirksam. Zudem sind Selbstmedikationspräparate mit einem Durchschnittspreis von 9,68 Euro deutlich günstiger als Rx-­Präparate mit 49,28 Euro. Dieser Tatsache dürfen sich Politik und Kassen nicht verschließen.

 

PZ: Wir haben jetzt über das Grüne Rezept und die Ausweitung der Erstattungsfähigkeit gesprochen. Was tun Sie noch, um das Ansehen von OTC-Arzneimitteln zu verbessern?

 

Wieczorek: Wir hinterfragen uns auch selbst kritisch. Als Pharmahersteller gehen wir manchmal nicht ausreichend ethisch mit Arzneimitteln um. Ich denke da an On-Pack-Promotionen. Wenn Pharmahersteller zu ihrem eigentlichen Produkt kostenlos ein zweites mitgeben, das mit dem ersten in keinem Zusammenhang steht, dann sollten sie sich Gedanken darüber machen, ob sie mit dieser Strategie das Ansehen von Arzneimitteln langfristig unterstützen. Sorgen bereitet mir aber auch das Vorgehen einiger Apotheker, die mit Sonder­aktionen Selbstmedikationsarzneimittel nicht ethisch und wertig genug darstellen.

 

PZ: Die Apothekerkammer Nordrhein hat auf dem Apothekertag einen Antrag gestellt, wieder Festpreise für OTC-Arzneimittel einzuführen. Der Antrag wurde in den Ausschuss verwiesen. Was halten Sie von festen OTC-Preisen?

 

Wieczorek: Ich kann die Motivation für diesen Antrag gut verstehen. Grundsätzlich wird sich der BAH aber nicht weiter zu OTC-Preisen äußern.

 

PZ: Wenn Sie sich für eine Ausweitung der OTC-Erstattung einsetzen, dann würde aber doch der Anteil der OTC-Arzneimittel, die zu einem festen Preis abgegeben werden, steigen. Wäre das nicht ein Schritt auf dem Weg zurück zum Festpreis?

 

Wieczorek: Nein, einen Festpreis wird es nur geben, wenn das Arzneimittel verordnet wird. Der Preis in der Lauer-Taxe ist dann der Erstattungspreis. Der frei kalkulierbare OTC-Preis bleibt davon unberührt.

 

PZ: Ist die Ausweitung der Erstattungsfähigkeit von OTC-Arzneimitteln im BAH Konsens?

 

Wieczorek: Sie ist zumindest mit großer Mehrheit erzielte Beschlusslage und eine seit Jahren erhobene politische Forderung.

 

PZ: Welche Rolle spielen Switches für ihren Plan einer Stärkung von OTC-Arzneimitteln? Ist die Entlassung von Rx-Arzneimitteln aus der Verschreibungspflicht ein wichtiges Instrument dabei?

Wieczorek: Switches zu forcieren, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Sie sind ein wichtiger Wachstumsmotor für den OTC-Markt.

 

PZ: Wie wollen Sie Switches fördern?

 

Wieczorek: Bislang gibt es sie vor allem auf Basis von Wirkstoffen. Ich könnte mir aber auch den Switch einer Indikation vorstellen. Nehmen Sie Augenleiden oder Harnwegsentzündungen. Hier könnte man festlegen, dass alle Medikamente in dieser Indikation bei einem Akutfall für den Gebrauch von höchstens drei Tagen nicht mehr verordnet werden müssen, sondern dem Apotheker in die Hand gegeben werden. Bei Migräne hat es auch funktioniert, dem Apotheker die Akuttherapie zu übergeben. Von dieser Regelung würden die Patienten stark profitieren, etwa wenn sie ein Medikament am Wochenende benötigen. Der Weg in die Apotheke ist meistens kürzer als der zum ärztlichen Notdienst. Außerdem entfällt die Wartezeit. Wir sehen hier ein großes Potenzial für die Apotheker, sich noch mehr als Berater der Patienten zu positionieren. Die Kompetenz der Apotheker liegt in der Beratung. Der Indikationsswitch stärkt den Apotheker und entlastet den Arzt monetär. Insofern ist das Thema auch für Kassen und die Politik interessant.

 

PZ: Aber vermutlich nicht für die Ärzte.

 

Wieczorek: Natürlich tun sich Ärzte damit schwer, Kompetenzen abzugeben. Das wissen wir auch. Für den von uns vorgeschlagenen eng umgrenzten Rahmen halte ich das aber für sehr hilfreich. Volkswirtschaftlich ist es ganz sicher sinnvoll, den Apotheker an dieser Stelle zu stärken.

 

PZ: Sie haben die gute Zusammenarbeit von Apothekern und dem BAH schon betont. Eines der wichtigsten gemeinsamen Projekte, an dem viele Herstellerverbände und der pharmazeutische Großhandel beteiligt sind, ist Securpharm zum Schutz vor gefälschten Medikamenten. Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Stand?

 

Wieczorek: Ich bin sehr zufrieden und zu 100 Prozent überzeugt, dass Securpharm der Fälschungsschutz sein wird, der sich in Deutschland durchsetzt. Es gibt zwar in anderen Ländern ähnliche Projekte. Wir sind aber mit Abstand am weitesten fortgeschritten. Die Planung ist so, dass Securpharm mit den beiden Datenbanksystemen der pharmazeutischen Verbände und der Apotheken so weit entwickelt ist, dass ab Mitte 2016 eine flächendeckende Serialisierung und Verifizierung im Vollbetrieb möglich ist. Das europäische Recht sieht den flächendeckenden Fälschungsschutz für Mitte 2018 zwingend vor. Bis dahin bleibt aber noch viel zu tun. Eine Herausforderung wird beispielsweise sein, die Verpackungs- und Produktionsanlagen in den Unternehmen rechtzeitig umzurüsten. Hier könnte es zu Engpässen kommen. /

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