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Apothekenabschlag

Kassen fordern neutralen Prüfer

07.11.2012
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Von Stephanie Schersch / Vor der nächsten Verhandlungsrunde zum Apothekenabschlag 2013 wird der Ton deutlich schärfer. Die Krankenkassen zweifeln die Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Apotheken weiter an und fordern die Über­prüfung durch ein unabhängiges Institut. Dabei haben sie bereits genaue Vorstellungen, wer diese Aufgabe übernehmen könnte.

Schon bei der ersten Verhandlungsrunde am 17. Oktober hatte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) die vom Deutschen Apothekerverband (DAV) vorgelegten Treuhand- Zahlen abgelehnt. Auch Daten aus dem Bundeswirtschaftsministerium, die als Grundlage für die Anpassung des Apothekenhonorars ab 2013 dienen, halten die Kassen für unzureichend. Sie fordern daher, eine neutrale Stelle damit zu beauftragen, die Kostenentwicklung in den Apotheken zu beurteilen.

 

DAV weist Kritik zurück

 

Die Verbandsvertreter der Apotheker hätten bislang jedoch ihr Mitwirken an der Erstellung einer neutralen Datenbasis verweigert, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands. »Es drängt sich der Verdacht auf, dass die tatsächliche durchschnittliche Einkommenssituation der Apotheker besser ist, als die Apothekerlobby behauptet.«

Der DAV hat diese Kritik mit deutlichen Worten zurückgewiesen. Die Kassenvertreter müssten endlich wieder zu einem konstruktiven Dialog zurückfinden, hieß es dort. »Wenn die Krankenkassen nur ihre Geldschatulle hüten und vor lauter Sparwut die Versorgung der Patienten aus den Augen verlieren, dann kann das nicht richtig sein«, sagte DAV-Chef Fritz Becker. Der DAV habe von einer großen Steuerberatungs­gesellschaft testierte Zahlen zur wirtschaftlichen Lage der Apotheken vorgelegt, diese passten dem GKV-Spitzenverband offenbar nicht ins Konzept. Die Krankenkassen dürften sich im Rahmen der Abschlagsverhandlungen jedoch nicht vor der Verantwortung drücken. »Bevor die Krankenkassen für viel Geld Dritte mit Prüfaufträgen versorgen, sollten sie sich erst einmal mit den vorgelegten Zahlen befassen«, so Becker.

 

Mit Blick auf die Daten aus dem Wirtschaftsministerium sagte Lanz, die geplante Anhebung des Packungshonorars um 25 Cent sei gut nachvollziehbar. »Das Zahlenproblem für die Verhandlungen des Apothekenabschlags ist damit jedoch nicht gelöst.« Wenn die Apotheker eine höhere Vergütung anstrebten, müssten sie versuchen, dies über die Arzneimittelpreisverordnung durchzusetzen. »Es ist nicht einzusehen, dass ausschließlich die gesetzlich Versicherten durch eine Verringerung des Abschlags den Apothekern mehr Geld zahlen sollen«, so Lanz. Schließlich würden die Kosten für privat Versicherte und Selbstzahler auf diese Weise nicht steigen.

 

Der GKV-Spitzenverband hatte kurz nach der ersten Verhandlungsrunde vorgeschlagen, das Forschungsinstitut Prognos oder das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit der Prüfung der Kostenentwicklung zu beauftragen. Auch im Honorarstreit mit den Ärzten hatten die Krankenkassen im Sommer ein Gutachten bei Prognos in Auftrag gegeben, das ihnen sehr entgegenkam. Das Papier hatte für erheblichen Unmut unter den Medizinern gesorgt. Denn darin hieß es, die Einnahmen der Ärzte seien seit 2008 deutlich stärker gestiegen als die Kosten der Praxen. Die Kassen hatten da­raufhin gefordert, die Honorare der Mediziner zu kürzen.

 

Basis ist weiter strittig

 

Die nächste Verhandlungsrunde zum Apothekenabschlag soll am 14. November stattfinden. Neben den Zahlen zur Kostenentwicklung ist auch der Ausgangspunkt für die Verhandlungen strittig. Aus Sicht der Apotheker muss als Basis der Abschlag aus dem Jahr 2010 gelten, dieser lag bei 1,75 Euro. Die Krankenkassen halten hingegen den derzeitigen Rabatt in Höhe von 2,05 Euro für den richtigen Wert.

 

Sollte es in der kommenden Woche keine Einigung geben, wird aller Voraussicht nach die Schiedsstelle über den Apothekenabschlag 2013 entscheiden müssen. Für den Fall, dass die Gespräche mit den Krankenkassen scheitern, plant die ABDA verschiedene Aktionen. So könnte es bereits am 15. November eine Pressekonferenz in Berlin geben, auf der die Medien über den Stand der Dinge informiert werden. Für Apotheker soll es Plakate und Handzettel geben, mit denen sie ihre Kunden informieren können. Darüber hinaus sind Anzeigen unter anderem in bundesweiten Printmedien geplant. Auch Protestaktionen auf regionaler Eben sind möglich. /

Kommentar

Absoluter Nullpunkt

Der absolute Nullpunkt der Temperatur liegt bei -273,15 °C. Wo der absolute Nullpunkt für das Niveau einer Diskussion liegt, ist noch offen. Die Kassen testen dies derzeit aus. Beim GKV-Spitzenverband setzt man bei öffentlichen Kommentaren über Verhandlungen zum Apothekenabschlag mangels nachvollziehbarer Argumente auf Polemik. Die Zahlen zur wirtschaftlichen Lage der Apotheken aus dem Bundeswirtschaftsministerium seien als Basis ungeeignet, heißt es. Dabei hat sich das Ministerium noch nie der Vorteilsgewährung für Apotheker verdächtig gemacht. Von ähnlicher Klasse ist eine weitere Behauptung der Kassen: Wenn Apotheker mehr Honorar wollten, dann müsse dies über die Arzneimittelpreisverordnung und nicht über Abschlagsverhandlungen geregelt werden. Dumm nur, dass diese Verhandlungen kein Apotheker-Hobby sind, sie haben eine gesetzliche Grundlage. Keine Frage, der GKV-Spitzenverband ist dem Nullpunkt schon sehr nah. Ob es doch noch weiter runtergeht, werden die nächsten Wochen zeigen.

 

Daniel Rücker

Chefredakteur

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