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Medizintechnologie

Branche schafft weiter Arbeitsplätze

08.11.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Die Medizintechnologie-Hersteller dürfen sich über ein wirtschaftlich erneut gutes Jahr und eine verbesserte Innovationsförderung durch die Regierung freuen. Kritik am neuen Versorgungsstrukturgesetz und den Kassen übt die Branche dennoch.

Medizinprodukte – das sind beispielsweise Lesebrillen, Rollstühle und der inzwischen klassische Herzschrittmacher. In einigen Jahren könnte die Kategorie aber schon um einige Neuzugänge reicher sein.

 

Um Hüftprothesen mit einem Sensor etwa, der frühzeitig Lockerungszustände alarmiert; um ein Ventil, das die Hirnwasserableitung optimal steuert; oder um einen implantierbaren Glucosemesser, der Diabetikern jederzeit den Zuckerspiegel anzeigt.

 

Regierung fördert Medizintechnik

 

Das sind drei von insgesamt neun Beispielen »sehr grundlagenorientierter Forschung« von Herstellern, die Dr. Hans-Jürgen Wildau von der Biotronik KG vergangene Woche in Berlin bei einer Veranstaltung des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) vorstellte. Sie allesamt sind Kandidaten im Förderschwerpunkt »Intelligente Implantate«, für den unter Federführung des Bundesforschungsministeriums 23,4 Millionen Euro zur Verfügung stehen. »Damit kann man Akzente setzen«, so Wildau.

Regelrecht euphorisch bewertet der gelernte Ingenieur den ressortübergreifenden Strate­gieprozess Medizintechnik der Bundes­regierung unter Einbeziehung von Wirt­schafts-, Forschungs- und Gesundheits­ministerium. »Für mich ist das eine neue Ära«, schwärmte Wildau. »Es ist großartig, dass mehrere Ministerien zusammen­arbeiten.«

 

Bis die Patienten möglicherweise in den Genuss der für sie segensreichen Innova­tionen kommen, werden zwar noch einige Jahre vergehen. Gleichwohl zeigen die Forschungen zu intelligenten Implantaten und der Strategieprozess an, dass sich in der Branche auch in den kommenden Jahren einiges bewegen wird.

 

»Es gibt viele gute Ansätze der Innovationsförderung«, lobte auch BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt das koordinierte Vorgehen der drei Ministerien. »Aber es fehlt weiterhin an einer sinnvollen Vernetzung.« Am geplanten Versorgungsstrukturgesetz übte Schmitt in zweierlei Hinsicht Kritik. Zum einen bestehe die Gefahr, dass durch die vorgesehene Erprobungs- regelung für medizintechnologische Neuerungen die Einführung von Innovationen verlangsamt werde.

 

Verband für differenzierte Nutzenbewertung

 

Der BVMed schlägt deshalb eine nach Risikoklasse und Modifikationsgrad differenzierte Nutzenbewertung vor, die klar regelt, in welchem Fall welche Art von Studie nötig und wann überhaupt keine Studie erforderlich sei.

 

Zum anderen fordert Schmitt eine Beteiligung der Industrie an der Verfahrensordnung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA). »Es geht uns nicht um ein Stimmrecht«, stellte der Geschäftsführer klar. »Aber wir wollen von Beginn an unsere Expertise einbringen können.«

 

Dass die wirtschaftliche Großwetterlage in der Branche weiter freundlich, wenngleich teilweise bewölkt ist, zeigt die Herbstumfrage des Verbandes unter 117 Herstellern. 80 Prozent der befragten Unternehmen rechnen für 2011 gegenüber dem Vorjahr mit einem Umsatzwachstum – überwiegend wegen Exportzuwächsen.

 

Mit einem Umsatzrückgang kalkulieren 13 Prozent. Die Gewinnsituation ist im Vergleich zu 2010 bei 47 Prozent besser oder deutlich besser; bei einem Drittel ist sie unverändert. Für kommendes Jahr prognostizieren 46 Prozent ein Plus, 39 Prozent gehen von einer konstanten Geschäftslage aus. Die Hälfte der Firmen hat in diesem Jahr nach eigenen Angaben Arbeitsplätze geschaffen, 11 Prozent strichen Stellen. Der BVMed errechnet daraus einen Zuwachs von etwa 3000 neuen Jobs. Insgesamt beschäftigt die Branche in Deutschland über 175 000 Menschen und setzte 2010 rund 20 Milliarden Euro um.

 

Den Standort Deutschland beurteilen die Firmen überwiegend positiv. 60 Prozent sehen ein hohes Versorgungsniveau der Patienten. 58 Prozent loben die gute Infrastruktur und 47 Prozent die schnelle Marktzulassung. Demgegenüber beklagen 59 Prozent den zunehmenden Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften, 52 Prozent ein insgesamt zu niedriges Erstattungsniveau in Deutschland.

 

Jeder Zweite kritisiert die Politik der Kassen

 

Knapp 50 Prozent der Unternehmen kritisieren eine innovationsfeindliche Politik der Krankenkassen. 52 Prozent der Befragten fordern von der Gesundheitspolitik eine Entbürokratisierung und Beschleunigung der Entscheidungswege. /

Vorwurf der intransparenten Lobby-Arbeit

Von Uta Grossmann / Die Medizintechnik-Branche stellte ihre wirtschaftliche Situation vorige Woche in Berlin als stabil mit recht freundlichen Aussichten fürs nächste Jahr dar. Daran ist der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) nicht unbeteiligt, denn er nimmt seine Aufgabe, günstige Bedingungen für die Mitgliedsunternehmen zu schaffen, erfolgreich wahr. Der Verein Lobbycontrol schürt allerdings Zweifel daran, dass die Methoden politischer Einflussnahme immer sauber sind. Er hat den BVMed zu einem von fünf Kandidaten für die von ihm verliehene Lobbykratie-Medaille nominiert. Mit der »Ehrung« soll irreführende oder undemokratische Lobby-Arbeit ins Rampenlicht gerückt werden. Dem BVMed wirft Lobbycontrol vor, die PR-Agentur Weber Shandwick beauftragt zu haben, eine »bundesweite Betroffenen-Bewegung« gegen Kostendämpfungspläne der Regierung zu organisieren. Patientenvertretungen seien instrumentalisiert worden, um zu verhindern, dass Krankenkassen die Versorgung mit Hilfsmitteln ausschreiben müssen. Dank der Initiative »meine Wahl!« habe der Bundestag die Neuregelung von einer Soll- in eine Kann-Bestimmung umgewandelt. BVMed-Sprecher Manfred Beeres sagte der PZ, sein Verband habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass er hinter der Initiative steht.

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