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WIPIG-PZ-Kongress

Präventionsangebote aus der Apotheke

02.11.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler und Hannelore Gießen, München / Kein kostenloser Marketinggag, sondern ein strukturiertes, qualitätsgesichertes Angebot für die Kunden: So verstehen Apotheker die Prävention. Mit Ideenreichtum und Begeisterung bieten sie Pluspunkte für ihre Kunden und die Gesellschaft.

Beim ersten Präventionskongress, den das Wissenschaftliche Institut für Prävention im Gesundheitswesen (WIPIG) und die Pharmazeutische Zeitung Ende Oktober in München ausrichteten, war die Begeisterung für die Gesundheitsvorsorge deutlich spürbar. »Das WIPIG schlägt bundesweit Wellen«, begrüßte Kammerpräsident Thomas Benkert die rund 200 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet. Mit dem 2007 gegründeten Institut habe man ein Netzwerk geschaffen, das Akteure in der Prävention an einen Tisch bringt. Inzwischen habe es sich zu einer aktiven Drehscheibe für die Gesundheitsvorsorge entwickelt.

»Doch der zentrale Baustein unseres Netzwerks sind Sie, die sich als Partner für und mit WIPIG engagieren«, rief Cynthia Milz, Sprecherin des WIPIG-Institutsdirektoriums, den Kollegen zu. Die gemeinsame Arbeit sei entschei­dend für Erfolge in der Prävention, die nie eine »Spaßbremse« sein dürfe: »Vor­sorge soll Spaß machen!« In der Prä­vention könne der Berufsstand Felder besetzen, die nur die Apotheke und das pharmazeutische Personal ausfüllen können, ergänzte Brigitte M. Gensthaler von der Pharmazeutischen Zeitung. Dann wirke Prävention identitätsstiftend. Kreativität, Aufgeschlossenheit und eine Portion Mut gehörten dazu, diese Aufga­ben­felder für sich zu entdecken, aber auch Grenzen zu akzeptieren.

 

Ein Strauß voller Leistungen

 

Diabetes- und Asthma-Management, Darmkrebsprävention, Ernährungs- und Stillberatung, Tabakentwöhnung und Osteoporoseprophylaxe: »Wir können der Gesellschaft und unseren Kunden einen ganzen Strauß an Präventionsleistungen anbieten«, ist Margit Schlenk, Mitglied des WIPIG-Direktoriums, überzeugt. Im Einführungsvortrag ermunterte sie die Kollegen nachdrücklich, ihr Wissen und ihre persönliche Qualifikation, aber auch die bereits erarbeiteten Materialien zu nutzen, um selbstbewusst an Kunden und Netzwerkpartner heranzutreten. Der in der Weiterbildung erworbene Titel helfe dabei.

Der Apotheker als »Heilberuf ohne Eintrittsgebühr« ist aus Schlenks Sicht prädestiniert für die Prävention. »Nach der Pharmazeutischen Beratung und Betreuung folgt jetzt das Pluspunktangebot Prävention. Beides gehört zusammen, um das Puzzle Gesundheit zu vervollständigen. Puzzlen Sie mit!« Beispielsweise gehöre es zum pharmazeuti­schen Standard, einen Asthmapatienten zu seiner Medi­kation zu beraten; ein Angebot zur Raucherentwöhnung sei dann der »Pluspunkt« der Apotheke. Prävention aus und mit der Apotheke sei keine Konkurrenz zum Arzt, betonte Schlenk.

 

Die Leistungen der Apotheke müssen immer qualitäts­gesichert erbracht werden und einen überzeugenden Benefit für Patienten und Gesellschaft darstellen. Kos­tenfrei sind sie nicht. Hier setzt der neue Leistungskata­log präventiver Dienstleistungen in der Apotheke (LeiKa) an, den Mathias Arnold, Vorsitzender des Landesapo­theker­ver­bands Sachsen-Anhalt, vorstellte. Der LeiKa fasst individuelle Serviceangebote zusammen. »Wir wollen unsere Leistungen selbst und unabhängig definieren.« Der Katalog schreibt bundesweit einheitliche Qualitätsstandards für pharmazeutische Dienstleistungen fest und verdeutlicht deren ökonomischen Wert, erklärte Arnold. Er sei kein »EBM für Apotheken«, enthalte aber Vorschläge für die Aufwands- und Wertermittlung eines Angebots. Mehr zum LeiKa im Titelbeitrag LeiKa: Leistungskatalog für neues Denken (PZ 40/2010).

 

Hilfenetzwerk Alzheimer

 

Als eine Aktion, die den Netzwerkgedanken des WIPIG beispielhaft umsetzt, bezeichnete dessen Sprecherin Milz das Projekt zur Prävention von Demenz, das gemeinsam mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft entwickelt wurde. Die Apotheker könnten hier eine wichtige Rolle einnehmen. Dem Thema war eine eigene Vortragssession am Samstag gewidmet.

In der milden Phase einer Alzheimer-Demenz sind bereits 70 Prozent aller Nervenzellen, vor allem in den Synap­sen, geschädigt. Und es gibt keinen kausalen Therapieansatz. Auf diese beiden Probleme machte Professor Dr. Klaus Faßbender, Direktor der Neurolo­gischen Klinik am Uniklinikum des Saarlands, aufmerksam. Umso wichtiger sei die Prävention, wobei die vaskulären Risikofaktoren am wichtigsten sind: »Was schlecht ist fürs Herz, ist auch schlecht fürs Gehirn.«

 

Vor allem Bluthochdruck, Typ-2-Diabe­tes, Rauchen, Alkohol, Übergewicht und Hypercholesterolämie zählen zu den be­einflussbaren Risiken, unterstrich Heike von Lützau-Hohlbein, Erste Vorsitzende der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. »Die Patienten erwarten in der Apotheke neben Basiswissen über die Erkrankung und der richtigen Medikation auch viel Beratung zu Wechsel- und Nebenwirkungen und vor allem zu Hilfsmöglichkeiten.« Diese reichen von telefonischen Beratungs- und Tagesbetreuungsangeboten bis zu Alzheimer-(Tanz-)Cafés und Schulprojekten.

 

Als »wichtige Vermittler in das Netzwerk der Hilfeeinrichtungen« und als niederschwellige Anlaufstelle für Patienten und Angehörige beschrieb Apotheker Dr. Jens Schneider, Augsburg, die Apotheke. Sie könne über Möglichkeiten der Prävention informieren, bei der frühen Diagnose unterstützen und eine konsequente Therapie fördern. Gerade in der Sekundär- und Tertiärprävention sei die Apotheke besonders wichtig.

 

Es gibt zwar keine gezielte, wohl aber eine allgemeine Demenzvorbeugung. Langzeitstudien ergaben, dass gute Schulbildung, geistige Aktivität bis ins hohe Alter und soziale Kontakte wesentliche Schutzfaktoren sind. Sie schützen zwar nicht vor Amyloidplaques und neurofibrillären Tangles im Gehirn, stärken aber die kognitiven Reserven. Ebenso hat die körperliche Fitness erheblichen Einfluss: Wer weniger als 1 km pro Tag läuft, verdoppelt sein Risiko. Auch in den aktuellen S3-Leitlinien zur Demenz werden regelmäßige körperliche Bewegung sowie aktives geistiges und soziales Leben empfohlen und vaskuläre Erkrankungen als Risikofaktoren gekennzeichnet, informierte Schneider.

 

Der Apotheker plädierte für eine frühe Diagnose der Erkrankung. Damit könnten ähnliche, aber behandelbare Erkrankungen wie Depression oder Delir durch Austrocknung erkannt werden. »Etwa 10 Prozent der Demenzen sind behandelbar.« Je früher die Diagnose gestellt wird, umso effektiver ist die Therapie. Gerade bei Stammkunden könne der Apotheker erste Anzeichen erkennen und Angehörige dafür sensibilisieren. Er könne sie ermuntern, den Arzt aufzusuchen, und bei der Vorbereitung des Arztbesuchs unterstützen. In der Tertiärprävention geht es vorrangig darum, dass Patienten möglichst lange zu Hause leben können. Dabei helfen nicht-medikamentöse Maßnahmen ebenso wie Antidementiva, gegebenenfalls auch Antidepressiva und Neuroleptika.

 

Worauf sollte der Apotheker bei der Pharmazeutischen Betreuung besonders achten? »Auf eine mögliche Unterdosierung und die zweckmäßige Anwendung von Antidementiva, auf den weitestgehenden Verzicht auf anticholinerg wirksame Medikamente und die zeitliche Begrenzung einer Neuroleptika-Gabe«, erklärte Schneider. Oberstes Gebot sei es, die Angehörigen zu entlasten. /

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