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Vitamin-B12-Creme

Mehr als »rosa Hühnerkacke«?

21.10.2009
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Kommentar: Hart an der Grenze

Nicht »hart aber fair«, sondern hart an der Grenze zum Erträglichen war die ARD-Sendung mit Frank Plasberg am 21. Oktober. Als »Feldversuch der Medizin« bezeichnete Plasberg die geplante Impfung gegen die Neue Influenza. So vermittelte er den Zuschauern, wir seien nichts anderes als Versuchskaninchen der Pharmaindustrie und trug damit zur ohnehin bestehenden Verunsicherung der Bevölkerung bei. Dabei blieb es jedoch nicht. Gegen Ende der Sendung führte Plasberg die eigene Argumentationskette ad absurdum, indem er anprangerte, dass die einige Tage zuvor in einem ARD-Beitrag vorgestellte Vitamin-B12-Creme »trotz bester klinischer Studien« nicht auf dem Markt ist. Fakt ist jedoch, dass diese Zubereitung gerade mal an ingesamt 83 Patienten in Studien untersucht wurde – eine dünne Datenlage im Vergleich zu etwa 5000 Impflingen, an denen die Pandemie-Vakzine Pandemrix® bisher getestet wurde. Im Hinblick auf den überraschenden Themenwechsel fragte eine Teilnehmerin der Talkrunde völlig zu Recht: »Was hat das mit der Schweinegrippe zu tun?« Nichts. Unklar bleibt auch, warum Plasbergs Team die Datenlage zu Regividerm nicht noch einmal überprüft hatte. Denn bereits nach Ausstrahlung des ARD-Beitrags »Heilung unerwünscht« am 19. Oktober hatte es kritische Stimmen dazu gegeben.

 

Sven Siebenand

Redakteur Pharmazie

Scharfe Kritik kommt zum Beispiel vom Deutschen Neurodermitis Bund (DNB). »Schade, dass sich jetzt auch schon eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt völlig kritiklos für solche PR-Aktionen hergibt«, so Thomas Schwennesen, Erster Vorsitzender des DNB, in einer Stellungnahme. »Es ist eine Schande und blanker Zynismus, dass die PR-Einführung eines normalen Hautpflege-Produktes sich der Pharmaschelte als Aufhänger für eigene Geschäfte bedient.« Die ARD habe mit diesem Beitrag den etwa fünf Millionen Neurodermitikern einen Bärendienst erwiesen und sich selbst journalistisch ins Abseits gestellt.

 

Dass der TV-Bericht seine Wirkung nicht verfehlt hat, kann auch Antje Lein, Leiterin der NRF-Rezeptur-Informationsstelle in Eschborn, bestätigen. »Mehr als 140 Anfragen aus Apotheken haben wir zu diesem Thema in den vergangenen zwei Tagen bekommen«, sagt die Apothekerin gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Anfragen von Patienten und Hautärzten erreichen die Apotheken bundesweit.

 

Rezepturen aus der Apotheke

 

Solange das Fertigpräparat noch nicht verfügbar ist, wollen einige mit einer Rezeptur aus der Apotheke aushelfen. Zwar könne die Apotheke sämtliche Inhaltsstoffe der Originalrezeptur beziehen, jedoch gibt es diese dem NRF-Team zufolge nicht alle in Arzneibuchqualität. »Eine Zubereitung mit exakt der gleichen Zusammensetzung kann also nicht in Arzneibuchqualität hergestellt werden«, bringt Lein es auf den Punkt. Wer genau diese Zubereitung »nachbauen« will, dem bliebe nur eine Herstellung als Medizinprodukt.

 

Als solches (Klasse IIa) ist auch Regividerm Salbe in der EU und in der Schweiz registriert. »Wer in der Apotheke ein Medizinprodukt herstellen will, muss das aber melden«, gibt Lein im Folgenden zu bedenken. Wesentlich eleganter sei daher die Rezeptur eines Arzneimittels mit leicht abgewandelter Zusammensetzung. Der Vorteil: Alle Inhaltsstoffe sind in Arzneibuchqualität verfügbar. Das NRF hat nach Ausstrahlung des TV-Berichtes schnell reagiert und einen Rezepturhinweis »Cyanocobalamin zur Anwendung auf der Haut« erstellt (siehe dazu www.dac-nrf.de/index.php?nrf_id=1089).

 

Darin heißt es: »Das Fertigprodukt Regividerm enthält den Wirkstoff in 0,07-prozentiger Konzentration, Avocadoöl, Wasser sowie Methylglucosesesquistearat als O/W-Emulgator und Kaliumsorbat in Verbindung mit wasserfreier Citronensäure als Konservierungsmittel. Für den Emulgator existieren keine Prüfvorschriften und eine Bezugsquelle für zertifizierte Ware ist ebenfalls nicht bekannt.«

 

Als Alternative werden Rezepturen unter Verwendung einer lipophilen Grundlage, wie Hydrophober Basiscreme DAC, oder einer mit Avocadoöl aufgefetteten Basiscreme DAC (1 Teil Öl und 5 Teile Creme) als plausible Rezepturvorschläge genannt. Da wässrige Lösungen von Cyanocobalamin zwischen pH 4,5 und 5 stabil sind, habe die Verwendung der Hydrophoben Basiscreme DAC den Vorteil, dass durch die Konservierung mit Sorbinsäure beziehungsweise Kaliumsorbat und Citronensäure bereits ein pH-Wert von 4 bis 4,5 vorliegt. Allerdings könne die Einarbeitung des wasserlöslichen Wirkstoffes in die innere Phase der Creme einige Zeit in Anspruch nehmen.

 

Wichtig: Aufgrund der Lichtempfindlichkeit von Vitamin B12 sollten die Zubereitungen in Aluminiumtuben verpackt werden. Die Anwendung von Vitamin-B12-Creme ist offenbar unbedenklich, so Lein. Dem Fernsehbericht zufolge wirkt die Zubereitung mit  Cyanocobalamin gegen Neurodermitis und Psoriasis. Lein rät von derartigen Indikationsaussagen gegenüber den Patienten ab. Im NRF-Rezepturhinweis heißt es dazu: »Indikationsaussagen sollten mit Zurückhaltung betrachtet werden. In Anbetracht der fraglichen Wirksamkeit und Unklarheiten im Hinblick auf den Produktstatus (Anmerkung der Redaktion: Medizinprodukt oder Arzneimittel) entsprechender Präparate sollten diese gegenüber dem Patienten nicht indikationsbezogen kommuniziert werden.«

 

Auch sollten Apotheker daraufhinarbeiten, dass Patienten eine bestehende Arzneimitteltherapie nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt eigenmächtig absetzen und stattdessen das neue Präparat cremen. Der Kölner Kinderarzt Dr. Eckhard Korsch rät ebenfalls zur Vorsicht: »Es wäre schön, wenn das Mittel eine Wirkung wie Cortison hätte«, meint der Mediziner. »Man kann es ausprobieren, aber es ist ein Experiment.«

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