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Schutz vor Fälschungen

Industrie und Zoll empfehlen Apotheke

18.10.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / An Umfang und krimineller Energie hat der Handel mit gefälschten Arzneimitteln bedrohliche Ausmaße erreicht. Apotheker machen schon lange mobil gegen diese Gefahr. Nun stellen auch Zoll und Pharmaindustrie klar, dass die vom Inhaber geführte Offizin-Apotheke der Hort der Sicherheit schlechthin ist.

Arzneimittelfälschung – was bedeutet das eigentlich konkret? Pharmahersteller Pfizer, Zollkriminalamt und Zollfahndung ließen während einer gemeinsamen Informationsveranstaltung kürzlich in Berlin die Macht der Bilder sprechen. Zwei Dutzend Postsäcke türmten sich in einer Ecke, vollgestopft mit falschen Pillen in Briefen und Päckchen.

 

Zufallsfund am Leipziger Flughafen

 

Eher ein Zufallsfund, wie Zollsprecher Wolfgang Schmitz erläuterte: sichergestellt kürzlich am Leipziger Flughafen, weil ein Kontrolleur Verdacht schöpfte und nachschaute. Zumeist dürften solche Sendungen unentdeckt bleiben.

Ein Foto mit zwei blauen, gleich geformten Tabletten zeigten die Herren von Pfizer, das Viagra-Original einen Tick blasser als die Nachahmung. »Die Fälschung sieht besser aus«, sagte Unternehmenssprecher Martin Fensch und wies darauf hin, dass Original und Fälschung anhand von Farb- oder Form-unterschieden selbst von Experten schwer zu unterscheiden seien.

 

Vorbei auch die Zeiten, als Kriminellen noch Rechtschreibfehler oder Druckpannen auf Verpackungen unterliefen. Gezeigt wurde das Bild einer schmuddeligen kolumbianischen Fälscherwerkstatt, in der mit Teerfarbe, Borsäure und einem Bodenreiniger versetzte Schmerzmittel entdeckt wurden. Weitere Beispiele: In Ungarn wurden angebliche Präparate gefunden, die als einzigen Wirkstoff das Amphetamin Speed enthielten; in der Türkei tauchten vor einigen Jahren Parkinson-Mittel ohne jeglichen Wirkstoff auf.

 

Mittlerweile sei der Handel mit gefälschten Medikamenten ein wichtiges Teilgebiet der organisierten Kriminalität geworden, lukrativer noch als der Rauschgifthandel, sagte Zollsprecher Schmitz: »Die Gewinnmargen sind nirgendwo höher.«

 

Kein Zweifel bleibt also an der Dimen-sion und Gefährlichkeit des Phänomens. Die vom Inhaber geführte, traditionelle Apotheke erscheint dabei als verlässlichster und wichtigster Sicherheitsanker – darin sind sich Pharmaindustrie und Ermittler einig. »Wir finden es gut, dass es in Deutschland den Vertriebsweg über die Apotheken gibt«, so Schmitz. »Denn dieser Weg ist sicher.« Der Zollsprecher warb in diesem Zusammenhang auch um das Verständnis der Apotheker bei gelegentlichen Vernehmungen.

 

Pfizer warnt vor Kauf im Internet

 

»Wir raten dringend davon ab, ein rezeptpflichtiges Arzneimittel im Internet zu erwerben, wenn kein Rezept verlangt wird«, sagte Hans-Joachim Mill, Direktor für globale Sicherheit bei Pfizer. 8,4 Millionen gefälschte Pfizer-Tabletten wurden nach Unternehmensangaben im vergangenen Jahr weltweit beschlagnahmt. Bei mehr als der Hälfte davon handelte es sich um vermeintliches Viagra, aber auch Krebs-, HIV-, Cholesterin-, Alzheimer- und Bluthochdruckmittel waren in größerer Menge betroffen.

Aktuelle Zahlen brachten auch die Zollfahnder mit. Im vergangenen Jahr stellte der Zoll deutschlandweit zehn Millionen gefälschte Tabletten sicher – doppelt so viele wie in den Jahren 2008 und 2009.

 

Sprecher Schmitz betonte allerdings, dass es sich dabei um einen einmaligen Ausreißer nach oben handelte, weil 2010 mitten in Hessen eine Produktionsanlage für falsche Arzneimittel ausgehoben worden sei – sozusagen obendrauf auf die Menge aus ausländischer Produktion. Für dieses Jahr sei insgesamt mit einem Volumen von fünf bis sechs Millionen Arzneimittelfälschungen zu rechnen. Unabhängig von solchen Zahlen dürfte die Dunkelziffer immens sein. Die Zollfahnder berichteten von Fortschritten in der Ermittlungszusammenarbeit auf internationaler Ebene sowie in der Ausstattung mit Spezialsoftware.

 

Jüngster Coup der Ermittler war im September die Operation »Pangea IV«, bei der in wenigen Tagen in mehr als 80 Ländern 2,4 Millionen Tabletten sichergestellt wurden.

 

»Das ist ein Spiegel dafür, wie sicher sich die Täter fühlen«, so Schmitz. Der Handel mit Fälschungen laufe nämlich weiter, obwohl die Drahtzieher in der Regel vorab über die Großaktionen informiert seien. /

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