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Colitis ulcerosa

Entzündungshemmer sind gefragt

14.10.2008  13:46 Uhr

Colitis ulcerosa

Entzündungshemmer sind gefragt

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Der chronisch entzündete Darm begleitet Betroffene ein Leben lang. Eine Heilung ist bislang nur durch die Entfernung des Dickdarms möglich. Daher hat die medikamentöse Therapie weiterhin einen hohen Stellenwert.

 

Jahrzehntelang galt die Lehrmeinung, dass die chronisch entzündliche Darmerkrankung die Folge eines hyperaktiven Immunsystems ist. Damit räumte Professor Dr. Eduard Stange vom Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart auf einer Veranstaltung der Gastroliga in Berlin auf. »Die Pathogenese hat nichts mit einer Entgleisung des Immunsystems zu tun«, sagte Leiter zweier Konsensuskonferenzen zur Leitlinienentwicklung für chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Die körpereigene Immunabwehr reagiere völlig adäquat auf Bakterien, die in das Darmepithel eindringen konnten. Vielmehr handle es sich bei der Entzündung der Dickdarmschleimhaut um einen sekundären Effekt.

 

Primäre Ursache der Erkrankung ist eine gestörte Barrierefunktion der Dickdarmschleimhaut. Normalerweise verhindert die Mukosa, dass die natürlich im menschlichen Darm vorkommenden 1013 Bakterien nicht in das Gewebe eindringen können. Doch bei Patienten mit Colitis ulcerosa ist die schützende Schleimschicht auf etwa 40 Prozent ihres normalen Volumens reduziert. Sie enthält daher weit weniger Defensine als eine gesunde Schleimhaut und ist zudem weniger sulfatiert und negativ geladen. In Studien ist inzwischen nachgewiesen, dass die Becherzellen, die den Schleim produzieren, nicht richtig funktionieren. Warum dies so ist, konnte ebenfalls geklärt werden: Bei Patienten mit Colitis ulcerosa ist die normale Differenzierung von Kryptenstammzellen zu Becherzellen gestört.

 

Trotz der neuen Erkenntnisse, wird nach wie vor in der Regel das Entzündungsphänomen therapiert. Mittel der Wahl sind 5-Aminosalicylate (5-ASA), wobei die wirksame Komponente Mesalazin ist. Erst seit Kurzem ist der Wirkmechanismus der moderat immun-modulierenden Substanzen bekannt. 5-ASA bindet mit hoher Spezifität an den Transkriptionsfaktor Peroxisome-Proliferator-Rezeptor vom Subtyp Gamma (PPARγ). Dieser wird in vielen Geweben exprimiert, jedoch in besonders großen Mengen in den Epithelzellen des Colons. Kommt es zur Bindung an 5-ASA wird der Transkriptionsfaktor aktiviert. Er wandert in die Zellkerne und wirkt dort einer nuclearen Aktivierung intestinaler Entzündungsreaktionen entgegen. In den Untersuchungen reduzierte 5-ASA die durch Colitis induzierte Mortalität von 50 auf 20 Prozent

 

Zur Remissionserhaltung sind oral und rektal applizierbare Aminosalicylate Mittel der ersten Wahl. Der Applikationsweg richtet sich vor allem nach der Krankheitslokalisation. Ist nur das Rektum befallen (Proktitis), werden Suppositorien verabreicht. Bei zusätzlichem Befall des letzten Teil des Dickdarms (Proktosigmoiditis) werden Klysmen oder Schäume gegeben. Ist der gesamte Dickdarm entzündet wird 5-ASA zusätzlich zur Lokaltherapie peroral eingesetzt. Falls es in der Remissionsphase trotz einer medikamentösen Behandlung mit Aminosalicylsäurepräparaten zu häufigen Krankheitsschüben kommt, sind Immunsuppressiva wie Azathioprin geeignet.

 

Als Alternative zu 5-ASA bietet sich in der Remissionsphase das Probiotikum Escherichia coli Nissle an. In der Leitlinie wird es bei Unverträglichkeit empfohlen. Während 5-ASA die Inflammation herunterreguliert, verstärkt das Probiotikum die Barrierefunktion der Dickdarmschleimhaut: In den Epithelzellen des Colons induziert es die Produktion von Defensinen und fördert so die körpereigene Immunabwehr. In  Studien zeigte E.coli Nissle vergleichbar gute Ergebnisse wie Mesalazin. Während sich die kontinuierliche Gabe von 5-ASA jedoch zudem als Krebsvorsorge erwiesen hat, scheint dies für E. coli Nissle nicht der Fall zu sein.

 

Colitis-ulcerosa-Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an Dick- oder Mastdarmkrebs zu erkranken. Ist der gesamte Dickdarm entzündet, ist das Risiko um das 15fache erhöht.  Bei einer Linksseitencolitis mit einer Entzündung des absteigenden Dickdarms bis zum Enddarm ist das Risiko noch um das Dreifache erhöht. Das geringste Risiko haben Patienten mit einer minimalen Ausdehnung der Colitis ulcerosa, die nur die Endteile des Dickdarms betrifft. Zwingend notwendig ist eine jährliche endoskopische Überwachung.

Colitis ulcerosa

Die Colitis ulcerosa ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die vor allem den Mastdarm und Dickdarm befällt. Im Gegensatz zum Morbus Crohn breitet sich die Entzündung kontinuierlich vom Mastdarm beginnend aus, also von anal nach oral, und ist auf die Darmschleimhaut beschränkt. Bei den Beschwerden stehen blutige Durchfälle und Bauchschmerzen im Vordergrund, allgemeine Krankheitszeichen wie Fieber, Abgeschlagenheit und Mattigkeit kommen dazu. Im dünnflüssigen Stuhl finden sich oft Schleim und Blut. Die Krankheit verläuft meistens in Schüben.

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