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Versandhandel

Schleckers Pläne stoßen auf Ablehnung

15.10.2007  12:14 Uhr

Versandhandel

Schleckers Pläne stoßen auf Ablehnung

Von Uta Grossmann

 

Schlecker bekommt eine Lizenz für den Betrieb eines Pharmagroßhandels. Gleichzeitig treibt der Drogeriemarkt-Betreiber in den Niederlanden die Gründung einer Versandhandels-Apotheke voran. Die Pharmaindustrie reagiert zurückhaltend bis ablehnend.

 

Das Regierungspräsidium Tübingen erteilt der Apothekerdienstleistungsgesellschaft (APDG) in wenigen Tagen eine Pharmagroßhandelserlaubnis. Das bestätigte die RP-Sprecherin Grit Puchan der PZ. Die Financial Times Deutschland (FTD) hatte vorige Woche gemeldet, dass hinter der APDG der Apotheker Klaus Hübner steht, der auf dem Firmensitz des Familienunternehmens Schlecker in Ehingen künftig einen Pharmagroßhandel für die Drogeriekette betreiben will. Parallel dazu treibt Schlecker die Gründung einer Versandhandels-Apotheke in den Niederlanden voran.

 

Nummer eins der Drogeriemärkte

 

Mit einem eigenen Großhandel geht Schlecker erheblich weiter als etwa der Konkurrent dm, der über seine Filialen Rezepte für die Venloer Europa-Apotheek einsammelt. dm ist mit 908 deutschen Filialen und 1785 europaweit sowie einem Umsatz von 3,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2005/2006 in Deutschland die Nummer zwei der deutschen Drogeriemärkte. Auf Platz eins thront Schlecker mit deutschlandweit 10.800 Filialen sowie 3200 weiteren in anderen europäischen Ländern und einem Umsatz von 6,9 Milliarden Euro. Auf ihrer Internetsite bezeichnet sich die schwäbische Firma als Marktführer in Deutschland und nennt sich das mit 52.500 Mitarbeitern größte Drogeriemarktunternehmen der Welt.

 

Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Schlecker Ende des Jahres die Drogeriekette Ihr Platz übernimmt. Damit will sich Schlecker, bisher für sein Billigheimer-Image bekannt, zusätzlich das Premiumsegment erschließen.

 

Die Apotheker betrachten die Pläne von Drogeriemarktketten, in das Geschäft mit Arzneimitteln einzusteigen, mit Sorge und Skepsis. Es steht zu befürchten, dass der Medikamentenhandel in Deutschland sich stark verändert, sollte der Europäische Gerichtshof im anhängigen Verfahren das Verbot des Fremd- und Mehrbesitzes von Apotheken aufheben.

 

Wenn es erlaubt wird, dass Unternehmen Apotheken führen dürfen, wäre nicht nur Ketten wie DocMorris endgültig Tür und Tor geöffnet. Es könnte sich für Drogeriemarkt-Riesen wie Schlecker dann tatsächlich rechnen, einen eigenen Pharmagroßhandel zu betreiben. Vorstellbar wäre, dass Schlecker in seinen Filialen Apotheken-Ecken einrichtet und die über den eigenen Großhandel beliefert. Andererseits: Welcher Apotheker sähe in einer Ecke einer solchen vollgestellten Discount-Bude das passende Umfeld zur Ausübung seines Heilberufs? Man könnte spekulieren, dass hier die von Schlecker geschluckten Ihr-Platz-Drogerien ins Spiel kommen, die ein gehobeneres Image haben.

 

Über die Versandhandelspläne von Schlecker wird schon länger gemunkelt. Die ABDA ­ Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände weist immer wieder auf die Gefahren hin, die vom Versandhandel mit Arzneimitteln ausgehen. Lutz Tisch, ABDA-Geschäftsführer für Apotheken-, Arzneimittel- und Berufsrecht, forderte in einem Symposium der Bonner Universität, die Politik müsse sich einer Generaldebatte stellen, ob der Verbraucherschutz durch eine de facto immer öfter umgangene Apothekenpflicht weiter ausgehöhlt werden solle. »Die durch Gerichtsurteile zugelassene Kooperation von Versandhändlern und Drogerien schafft eine Beliebigkeit von Arzneimittelübergabestellen und pervertiert somit weitgehend die Apothekenpflicht«, sagte Tisch. Er forderte ein klares Bekenntnis der Politik zur Korrektur dieses Missstandes.

 

Gespräch mit dem BPI

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sieht die Schlecker-Pläne kritisch. BPI-Sprecher Wolfgang Straßmeir bestätigte der PZ, dass es schon im Mai ein Gespräch mit Schlecker über dessen Pläne für eine Versandhandels-Apotheke gab. Dabei kündigte Schlecker an, rezeptpflichtige sowie »maximal 600« OTC- und frei verkäufliche Arzneimittel vertreiben zu wollen. Schlecker habe gegenüber dem BPI erklärt, die Versandapotheke werde Rabatte in einer Höhe von maximal 25 Prozent einräumen. Das seien die im Versandhandel »marktüblichen Rabatte«, sagte Straßmeir. Den Pharmaherstellern soll damit die Sorge genommen werden, Schlecker wolle die Preise kaputt machen.

 

Der BPI-Sprecher betonte, dass sein Verband die apothekenexklusive Distribution von Arzneimitteln unterstütze und der niedergelassenen Apotheke mit ihrer Beratungskompetenz eindeutig den Vorzug vor dem Versandhandel gebe.

 

Dr. Thomas Trümper, Vorsitzender des Bundesverbandes des Pharmazeutischen Großhandels (Phagro) und des Pharma-Großhändlers Andreae-Noris Zahn AG (Anzag), reagierte gelassen: »Wir gehen davon aus, dass angesichts von 2000 Pharma-Großhandelslizenzen in Deutschland die Beantragung einer solchen für Schlecker eher politische Gründe hat. Sollte Schlecker jedoch tatsächlich darüber nachdenken, einen vollständigen pharmazeutischen Großhandel für ihre eigenen Betriebe aufzubauen, werden sie relativ schnell merken, wie komplex, aufwändig und Know-how-orientiert dieses Geschäft ist. Ob es sich dann noch lohnt, diese Frage wird Schlecker selbst beantworten müssen.«

 

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) wollte zu Schlecker keine offizielle Stellungnahme abgeben. Der Branchenverband der Generikahersteller Pro Generika sprach sich gegen noch mehr Player in einem ohnehin schon unübersichtlichen Markt aus. Geschäftsführer Hermann Hofmann sagte: »Diese Entwicklung vergrößert unsere Sorge, dass Arzneimittel behandelt und angesehen werden wie normale Konsumgüter. Arzneimittel sind Waren besonderer Art, die wir vor Trivialisierung und Nivellierung schützen müssen. Es gibt Grenzen. Das gilt übrigens auch für die vom Gesetzgeber erzwungenen Preissenkungen und die von den Kassen verlangten Rabatte bei Generika. Unsere hohen Qualitätsstandards dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden.«

 

Klare Absage an Kooperation

 

Auch bei einzelnen Pharmaunternehmen lösen die Schlecker-Pläne kaum Begeisterung aus. Anne Schardey, Sprecherin des Generikaherstellers Hexal in Holzkirchen bei München, erklärte gegenüber der PZ kategorisch: »Wir beliefern Schlecker nicht.« Die neue Wendung, dass Schlecker einen eigenen Großhandel aufbaut, ändere an dieser Haltung nichts.

 

Ratiopharm positionierte sich ebenso klar: »Wir werden Schlecker nicht beliefern«, sagte Unternehmenssprecher Hans-Joachim Lesser und verband das Statement mit einem Bekenntnis des Generika-Herstellers zur Präsenzapotheke.

 

Das forschende Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK), einer der größten Hersteller von rezeptfreien Arzneimitteln, äußerte sich zu seiner Haltung gegenüber den Apothekern. »Für uns ist die inhabergeführte Apotheke ein unverzichtbarer Partner in der Arzneimittelversorgung«, sagte Stefan Noé, Sprecher der GSK Consumer Healthcare.

 

»Wir setzen auf die Beratungsleistung vor Ort und stärken die Beratungsqualifikation der Apotheker und des Apothekenpersonals durch Schulungen in den Apotheken und unser Internetportal pharmassist.de«, sagte Noé.

 

Auch der Generikahersteller Stada hielt sich bedeckt. »Stada äußert sich prinzipiell nicht öffentlich zu vertriebspolitischen Details, aber natürlich werden wir mit Blick auf unsere traditionelle Verbundenheit mit den Apothekern die Belange der freiberuflich geführten Apotheke immer so weit wie irgend möglich berücksichtigen«, sagte ein Firmensprecher.

 

Nicht ohne Grund bekennen sich die Hersteller auffällig deutlich zur inhabergeführten Apotheke. Nachdem Celesio im April DocMorris gekauft hatte, kündigten zahlreiche Apotheker ihre Geschäftsbeziehungen zur Celesio-Tochter Gehe - ein deutliches Zeichen für die Marktmacht der selbstständigen Pharmazeuten.

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